Porträt
Marcos Sequoia: «Die Unzufriedenheit ist ein guter Stachel fürs Schreiben»

Der poetisch-zornige Weltenbummler Marcos Sequoia veröffentlicht seinen ersten Gedichtband – und dies gleich dreisprachig: in Englisch, Hochdeutsch und Oltner Dialekt.

Alfred Schlienger
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Marcos Sequoia alias Marc Wyss ist ein einigermassen sesshaft gewordener Weltenbummler.

Marcos Sequoia alias Marc Wyss ist ein einigermassen sesshaft gewordener Weltenbummler.

Kenneth Nars

Gedichte schreibt er seit seinem 16. Altersjahr. Immer schon auf Englisch. «Denn seit ich sie in der Schule erlernt habe, ist mir diese Sprache zur zweiten Heimat geworden», sagt der grossgewachsene Marcos Sequoia. Aber erst jetzt, wo der Weitgereiste auf seinen Siebzigsten zugeht, hat er sich entschlossen, eine kleine Auswahl davon in Buchform herauszugeben, im englischen Original und übersetzt sowohl ins Hochdeutsche als auch in seinen ursprünglichen Oltner Dialekt.

Ein gerissenes Verfahren des linguistisch versierten Weltenbummlers, der eigentlich mal mit dem Beruf des Übersetzers liebäugelte. Ihn fasziniert bis heute das Spiel mit Wörtern, ihrem Klang und Rhythmus, ihren Mehrdeutigkeiten. «Ich will ja keine Fahnen schwingen für den Oltner Dialekt», lacht er, «es war einfach ein toller Challenge, beim Übersetzen die träfste Form zu finden.»

Von Olten über Berkeley bis Nepal

Und nun liegt zwischen zwei Buchdeckeln vereinigt vor, was in fünf Jahrzehnten rund um die Welt an Versen entstanden ist, in Berkeley und Basel, Kathmandu und Sevilla, Fuji City und Olten, Korfu und Buenos Aires, Humahuaca und Flüh. In Olten bilingual aufgewachsen mit einer Genfer Mutter, studiert der sprachsensible Marcos Sequoia in Basel Englisch, Romanistik, Soziologie und Geschichte.

Aber schon bald treibt es ihn hinaus in die weite Welt, genauer ins Kalifornien der Siebzigerjahre, auf der Suche nach alternativen Lebensformen und einer besseren, gerechteren Gesellschaft. Über ein Jahrzehnt wird er hier leben, lieben und arbeiten, vor allem in der Universitätsstadt Berkeley bei San Francisco, und zwar wie es im Buche steht: als Tellerwäscher und Crêpekoch, Barista, Spediteur und Sprachlehrer. Hier wird der Oltner Marc Wyss auch zum amerikanischen Staatsbürger und lässt sich Marcos Sequoia in den Pass schreiben, inspiriert von den wunderbaren Sequoia-Baumriesen Kaliforniens.

Inzwischen hat er diese Staatsbürgerschaft wieder zurückgegeben, «gesund desillusioniert», wie er anmerkt, vom American Way of Life, der die alternativen Lebensformen korrumpiert. Es zog ihn für Jahre weiter nach Nepal, Griechenland und Spanien, wo er jeweils als Sprachlehrer ein Auskommen fand – bis es ihn in den neunziger Jahren zurück in die Schweiz zog. Er gründet eine Familie und findet an einem Baselbieter Gymnasium einen Rektor, der ihn auch ohne Lehrerdiplom anstellt, offenbar weil dieser denkt, seinen Schülerinnen und Schülern könnte genau ein solch unkonventioneller Lehrer, der die Welt kennt, guttun.

Wenn er das erzählt, staunt Marcos Sequoia selber, dass er es über zwanzig Jahre ausgehalten hat in der Schweiz, die ihm in so vielem als eng und übersättigt vorkommt. «Heute regt mich der Scheiss der Gegenwart aber mehr an als die Suche nach dem Paradies», meint er, «und wohl deshalb bleibe ich hier.»

Schönheit im Hässlichen suchen

Was den Dichter umtreibt, strahlt natürlich auch aus seinen Versen. Es sind die Liebe – und die Angst vor der Sättigung im Komfort, die Schönheit des vermeintlich Hässlichen und Unbegradigten, die Lust an der Beobachtung des Unbeachteten. Und dazwischen schlägt plötzlich die fiebrige Wut auf den alles zersetzenden militärisch-industriellen Komplex ein wie eine poetische Splitterbombe.

«Die Unzufriedenheit», sagt Sequoia, «ist ein guter Stachel fürs Schreiben.» Aber auch Euphorisches treibe ihn zum Dichten, Verdichten, Ausspinnen von Ideen. Als inzwischen mehr oder weniger Sesshaften lockt es ihn noch immer hinaus, auf längere Reisen nach Indonesien, Japan, Südamerika. «Am wohlsten war es mir in Nepal.» Der Umgang, den die Menschen dort untereinander pflegen, hat ihn tief beeindruckt. «Am besten fühle ich mich, wenn ich irgendwie fremd bin. Dann fliegen mir die Gedanken zu, weil ich auf mich zurückgeworfen bin – und ganz offen für das andere.»

Er lebt gern in der Grenzregion

Deshalb lebt Sequoia so gerne in der Grenzregion Basel, weil er da immer auch schnell ein Fremder sein kann. «Ich bin gern unter Leuten, aber gerne allein, beobachtend, sinnierend im Café.» Hinzu kommt eine unbändige Freude am Chaotischen. Er liebt es, wenn die Dinge nicht funktionieren. Er hasst das Brave, Geordnete, Überperfekte. «Das erstickt doch alles. Kreativität braucht etwas, das dich auseinanderreisst.»

Und genauso sind seine Verse: skurril, alltagsphilosophisch, hoch empfindsam und manchmal auch tief zornig. Letztlich ist Marcos Sequoia wohl ein begnadeter Flaneur und Spieler, mit Worten und Existenzweisen – und seinem eigenen Körper. Ist er doch auch Mitglied einer freien Theatergruppe, die ihre Stücke regelmässig im Safe des Unternehmens Mitte zeigt – und auf Gastspielen bis nach Berlin. Wohl auch deshalb schreckt ihn eine Vision ganz besonders: «Wir werden definitiv verloren haben, wenn die Zerstörung eines Roboters wie ein Mord geahndet wird.»

Marcos Sequoia, Words Got in My Way. Erhältlich bei Bider&Tanner in Basel sowie bei Buchinsel und Rapunzel in Liestal.

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