«Es ist ein Gala-Abend im Hause Somm. Der ABB-Manager hat zum Dinner gebeten und gut zwei Dutzend Vertreter der Wirtschaft und der Politik sind seiner Einladung gefolgt. Die vornehmen Leute trinken schweren Roten und betreiben leichte Unterhaltung über ernste Themen. Plötzlich wirft jemand einen Böller unter den Tisch. Es knallt fürchterlich. Der Gesellschaft fährt der Schrecken in die Glieder. Schnell richten sich die Blicke auf den kleinen Markus, der diebisch grinst, das Feuerzeug im Hosensack zwirbelnd. Und dann lachen die gesetzten Herren und feinen Damen, sie lachen, und einige wuscheln ihm über den Kopf und eine ältere Frau kneift ihm in die Wange, weil sie sich so erschrocken hat. Niemand schimpft, alle verzeihen dem Steppke den Streich.»

Diese Episode ist frei erfunden. Sie entspringt – in Grundzügen – der Fantasie eines ehemaligen Mitarbeiters von Markus Somm. In Wahrheit weiss dieser Journalist gar nichts über das Privatleben seines früheren Chefs. Zumindest nicht mehr, als schon geschrieben wurde. Es war die Antwort auf die Frage: Was ist das für ein Mann? Markus Somm ist einer dieser wenigen Protagonisten der Schweiz, denen man solche Geschichten gerne andichtet. Eine Person, die man manchmal verklärt und noch öfter pathologisiert.

Der Auftrieb des Gegenwinds

Das liegt zuvorderst an der Energie, die durch diesen kleinen Körper pumpt. Selten wirke er müde, heisst es aus der Redaktion, zumindest wenn er da ist, aber dazu später. Markus Somm ist ein Perpetuum mobile. Mit seiner Schreibe macht er mächtig Wind. Das wiederum erzeugt Gegenwind und damit treibt Somm seine Motoren an. In Debatten pflegt er jeweils richtig Fahrt aufzunehmen und um einen Streit ist er auch in ruhigen Momenten nie verlegen.

«Natürlich habe ich Freude an der Gegenthese, Widerspruch schärft den Verstand», sagt Somm. Dabei spielt es keine Rolle, ob er seine Meinung schon vor dem Einspruch hat oder erst im Verlauf der Debatte festigt. Der grösste Feind ist immer der Konsens. «Denn dann ist die Gefahr am grössten, dass alle in die falsche Richtung laufen.» Der Mensch sei zwar ein soziales Wesen, doch Gruppen findet der Historiker gefährlich.

Somm hat schon viele verschiedene Wege eingeschlagen. Mal war er links, mal rechts. Aber eines war Somm immer: dagegen. Deswegen ist es auch kein eindeutiger Widerspruch, wenn der einstige Trotzkisten-Sympathisant heute Blocher, Köppel und sogar Trump das Wort redet. Nicht nur war ihm der Erste ein väterlicher Freund und verbinden ihn mit dem Zweiten Parallelen in der Biografie. Er ist für den landläufigen Begriff eines Intellektuellen immer noch genug unanständig, immer noch rebellisch, immer noch nicht Mainstream.

Provokation als USP

Eine andere Meinung, pointiert formuliert, ist ein Unique Selling Point, erkannte er früh. Zumindest in den Medien. Denn die Medien, die seien ja eigentlich alle links und ständig im Konsens. Bei seinem Exkurs über die Schweizer Presselandschaft verzettelt sich der Ehemann einer SRF-Journalistin kurz. «Der Journalismus heute ist besser als früher, es gibt mehr Recherche», findet er. Aber gleichzeitig fehlen ihm die pointierten Stimmen von früher, die grossen Gedanken starker Meinungsmacher. «Heute sind alles unvollendete Studenten am Werk.» Macht denn Recherche die Meinung kaputt? «Im Gegenteil: Die Mainstream-Journalisten spüren nur ihrer eigenen These nach.»

Wer oft die Gegenposition einnimmt, trifft irgendwann auf eigene Widersprüche. Und dennoch: Es greift viel zu kurz, Somm als Anti zu skizzieren. Dafür ist er zu intelligent. «Provokation hat nur eine kurze Halbwertszeit, wenn sie Selbstzweck ist», sagt er, der es versteht, die Basler Linken aufs Blut zu reizen. Für die «BaZ» bestand seine Provokation in ihrer zur Schau gestellten Offenheit und nicht darin, ein engstirniges rechtes Kampfblatt zu machen. Stets liess er auch linke Meinungen zu, eigentlich alle, die das Potenzial hatten, Staub aufzuwirbeln.

Ausser Rügen durch den Presserat vielleicht, aber selbst das hätte man ihm zugetraut. Die regionale Politik wollte er damit aus den Angeln heben, erreichen, dass den Leuten «in St. Gallen, Bern und Luzern die Ohren wackeln». Über seine acht Jahre bei der «BaZ» ist schon fast alles gesagt: Es gab Artikel, Interviews, eine ganze Zeitung, Bücher, Podien, Filme und sogar so etwas wie eine Bewegung gegen ihn. Für Somm ist das alles nur: Lob. Dutzendfach Erwähnung fand auch der Umstand, dass er Beihilfe zur Verschleierung der Besitzverhältnisse leistete und leistet und dabei auch einen kreativen Umgang mit der Wahrheit pflegt, eine Todsünde für einen Journalisten. Doch Somm hält das nicht davon ab, sich als Puristen der Zunft darzustellen, ewig auf der Suche nach der Wahrheit innerstem Kern.

Weniger bekannt ist vielleicht, wie sich Somm als Chef benimmt. «Journalismus ist Leistungssport», sagt er. Und Leistung fördert er, indem er den Wettkampf unter seinen Journalisten befeuert. Wen er als Günstling erkürt, den lädt er in kleinen Kreisen zum Dinner. Es seien lustige Abende, sagen solche, die dort waren. Somm ist auch im Privaten ein guter Rhetoriker und Geschichtenerzähler, jovial und geistreich. Nicht nur ihres besonderen Status wegen gingen Mitarbeiter gerne zu solchen Nachtessen. Ganz plötzlich kann der Chefredaktor aber auch mit Liebesentzug reagieren, wird man seinen Vorstellungen nicht gerecht. Im schlimmsten Fall droht das Abschieben in ein anderes Ressort, vielleicht sogar verbunden mit einem Umzug in eine andere Stadt.

«Ich habe solchen Journalisten immer goldene Brücken gebaut, ihnen zu neuem Potenzial verholfen.» Wenn er solche Sätze sagt, dann unterstreicht er das mit einem sachten Stampfen auf den Boden. Meist ruhen aber seine Füsse auf dem kleinen Glastischchen vor ihm. Er selber wollte nie nach Basel ziehen, «das war aus familiären Gründen nicht möglich». Seine Zeitung lenkte er zumindest in den vergangenen Jahren zumeist von Wädenswil aus. Manchmal liess er sich kurz an der Sitzung blicken, wirbelte Staub auf, verschwand.

Ein Tyrann ist Somm aber sicher nicht. Journalisten schwärmen von den Freiheiten, die sie unter ihm geniessen, von den guten Löhnen auch, die er zahlt. Für manche Mitarbeiter, die seinen Ansprüchen nicht genügten, fand er eine faire Lösung. Speziell für solche, die auf dem Arbeitsmarkt wenig Chancen hätten. «Ich bin ein Patron», sagt Somm von sich selbst. Einmal hat er eine Geschichte abgeschossen, die den Umzug von Coop nach Muttenz bekannt gemacht hätte. Hatte die verantwortliche FDP-Regierungsrätin interveniert? Wollte er dem Grossverteiler der Inserate wegen nicht in die Suppe spucken? Damals wie heute lautet Somms Begründung: Die Coop-Mitarbeiter der Ostschweiz hätten nicht aus der Zeitung von ihrem Umzug erfahren sollen. Freilich lässt sich nicht eruieren, ob das wirklich stimmt.

In sein Bild eines väterlichen Chefs gehört auch das Fördern von Talenten. Speziell junge Männer nimmt der fünffache Vater gerne unter seine Fittiche: Benedict Neff und Samuel Tanner gehören zu seinen Lieblingen, bei deren Abgang er getobt haben muss. Heute arbeiten beide bei der «NZZ». Selber hat es Somm nicht zur «Züri-Ziitig» geschafft. Am Ende soll er selber abgesagt haben, weil er seine Besitzverhältnisse um die «BaZ» nicht offenlegen wollte. So zumindest steht es in Branchenmagazinen, Somm selbst will sich öffentlich nicht dazu äussern.

Es ist eine dieser seltenen Grenzen, die er in seinem Leben erfahren muss. Sein persönliches Marignano. Über die Gründe dafür schweigt er. Andere Grenzerfahrungen kommen ihm nicht in den Sinn. «Vielleicht hätte ich gerne einen Roman geschrieben.»

Durch den Sportchef ersetzt

Nun wird Markus Somm Autor für die Tamedia, der vormals linken Zürcher Zeitung. Ersetzt wird er ausgerechnet durch den Sportchef, der den FCB betreute, was Somm gar nichts sagte. Es scheint wie ein geordneter Rückzug. Aber wenn die Absage der alten Tante ein Bruch war, so lässt sich Somm das kaum anmerken. Sein Ehrgeiz ist so unersättlich wie seine Neugier für die Welt. Er will und wird sich weiterentwickeln, dessen ist sich der 53-Jährige sicher. Wie seine Rolle genau aussehen wird, ist unklar. Zuzutrauen ist ihm alles. Sicher ist: Wo er ist, dort knallts.