Literatur

Markus Stegmann schafft (fast) ein kleines Meisterwerk

(Archivbild)

Markus Stegmann unterrichtete an der Hochschule für Gestaltung und Kunst und war wissenschaftlicher Mitarbeiter im Architekturmuseum.

(Archivbild)

Man kennt Markus Stegmann (1962) in Basel. Hier unterrichtete er an der Hochschule für Gestaltung und Kunst und war wissenschaftlicher Mitarbeiter im Architekturmuseum. In seinem neuen Buch, «Frau Atnan, Ich und die Himbeere», zankt sich der Ich-Erzähler lustvoll mit der Kunstfigur Frau Atnan, sodass man von den kurzen Geschichten kaum genug bekommen kann.

Scheinbar geht es um ein Ei, eine Himbeere und um eine Frau Töllner. Tatsächlich aber sind Frau Atnan und der Ich-Erzähler voll an den philosophischen Fragen dran: Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Wie verweist uns das Absurde auf Sinn? Und immer wieder geht es um die Möglichkeiten und Grenzen der Kommunikation.

Ein bisschen wie bei Loriot

Stegmann komponiert dieses Missverstehen so klug, dass man sich hie und da bei Loriot wähnt. Und er tut es so philosophisch, dass Frau Atnan Brechts Herrn Keunert in Nichts nachsteht. Wenn es Brecht aber gelungen ist, Miniaturen zu schaffen, die etwas Allgemeines transportieren und somit weit über ihre Zeit hinausweisen, bleibt «Frau Atnan, ich und die Himbeere am Himmel» unserer Zeit verhaftet, indem die arme Frau Atnan auch noch dazu herhalten muss, sich provokativ zu den Übergriffen in Köln, zur Flüchtlingsthematik und zum Attentat in München zu äussern.

Es ist nicht so, dass man aus dem Tagesgeschehen keine Belletristik generieren könnte. Es ist auch nicht so, dass schwierige Situationen keinen ironischen, bitter polemischen Zugang erlauben. Der österreichischen Autorin Stefanie Sargnagel beispielsweise gelingt beides im gleichen Masse.

Rollenprosa und Satire

Die Qualität von Stegmanns sonst überzeugenden Bändchen leidet allerdings darunter, wie oberflächlich provokant und teilweise stereotyp das hier passiert, etwa, wenn ausgerechnet Frau Atnan sich über Überfremdung beklagt oder deutlich gemacht wird, dass sie bei der Kölner Silvesternacht auch dabei war, aber keiner Interesse hatte, sie zu berühren. Dass es sich dabei um Rollenprosa und Satire handelt, ändert nichts daran, dass man sich wünschte, diese Frau Atnan hätte nicht dazu herhalten müssen. Oder dann mit mehr Tiefe oder Feinheit.

Tiefsinnig hingegen sind alle Miniaturen zum Thema Kunst, und fein ist die sprachliche Komposition. Der Konjunktiv schaukelt einen herrlich durch diese Dialoge hindurch, geschickt komponiert Stegmann aus Naivität, Zärtlichkeit und Zorn die Gesprächssituationen. Es steckt sogar ein Hauch von Erotik in diesen Dialogen, und nicht nur dort, wo es offensichtlich darum geht, dass zwischen Frau Atnan und dem Ich ein geheimnisvoller roter Mund schwebt, den man vielleicht küssen könnte.

Wie wenigen Autoren gelingt es Stegmann ausserdem, Wortneuschöpfungen zu generieren, die nicht nerven, sondern witzig und passend sind. So schreibt er etwas von der «Schreinerlosigkeit», um den Umstand zu beschreiben, dass der Ich-Erzähler kein Schreiner geworden ist.

«Frau Atnan, ich und die Himbeere am Himmel» ist eines jener Bücher, die mit fünf Prozent weniger Text 50 Prozent besser geworden wären. Ein strengeres Lektorat hätte aus dem Buch ein kleines Meisterwerk gemacht. Lesenswert ist es auf jeden Fall.

Markus Stegmann «Frau Atnan, ich und die Himbeere am Himmel. Minimalgeschichten.» 208 Seiten, Kolchis- Verlag, Wettingen 2017.

Meistgesehen

Artboard 1