Nähkästchen

Massimo Ceccaroni zur Doppeladler-Diskussion: «Es ist normal, dass man seine Wurzeln nicht verliert»

Massimo Ceccaroni, der seine ganze Fussballkarriere über dem FC Basel treu gewesen ist und heute die Nachwuchsabteilung leitet, hat den Begriff «Begeisterung» gezogen.

FCB-Legende Massimo Ceccaroni ist selbst ein Secondo und kann die Gefühle von Xhaka und Shaqiri nachvollziehen.

Herr Ceccaroni, Sie haben den Begriff «Begeisterung» gezogen. Ist das bei Ihnen ein Dauerzustand?

Massimo Ceccaroni: Ich versuche, jeden Tag meine Begeisterung einzubringen. Begeisterung bedeutet für mich Leidenschaft, sich für etwas einzusetzen, sich für etwas zu interessieren und sich kontrovers damit auseinanderzusetzen. Begeisterung kann ansteckend sein.

Sind die Nachwuchsspieler nicht motiviert genug, weil sie das rot-blaue Dress tragen dürfen?

Grundsätzlich müsste jeder junge Spieler seine Begeisterung mitbringen. Doch nicht bei jedem ist sie gleich gross. Deshalb ist es so wichtig, dass alle Verantwortlichen hier auf dem Campus diese Begeisterung in sich tragen. Nur dann wird man auch kreativ und macht den Fussball attraktiv. So muss es sein, wenn man Profi werden will.

Es gibt aber auch eine Schattenseite. Spieler, die es nicht schaffen. Da schlägt die Begeisterung dann in abgrundtiefe Enttäuschung um.

Deshalb setzen wir auf ein duales System, eine optimale Kombination aus Fussballtraining und Lehre. Für beides müssen sich die Spieler begeistern. Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen – im Wissen darum, dass es für uns aufwendiger ist, die Jugendlichen für ihre berufliche Ausbildung zu motivieren. So sind jene, die es nicht zum Profi schaffen, zwar enttäuscht, fallen aber nicht ins Bodenlose. Das ist die FCB-Mentalität, die wir recht gut implementiert haben.

War die Doppelbürgerschaft, wie jetzt bei Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri, die mit dem Doppeladler für Schlagzeilen sorgten, auch während ihrer FCB-Zeit ein Thema?

Zumindest ist das Thema nicht neu. Auch ich bin ein Secondo. Es ist normal, dass man einerseits dankbar ist, in der Schweiz mit all ihren Möglichkeiten zu leben, andererseits seine Wurzeln aber nicht verliert. Und wenn es dann um Sport geht, werden die Gefühle intensiver. Zudem müssen sich Jugendliche beweisen, egal ob Schweizer, Albaner oder Serben. Man investiert sehr viel in die eigene Karriere. Das stärkt die Persönlichkeit. Granit und Xherdan sind sehr stolz auf die Schweiz. Daheim und im Umfeld bleiben die Themen ihrer alten Heimat aber aktuell. Die Vertreibungen, der Krieg, die Morde. Das prägt eben auch.

War das im WM-Spiel gegen Serbien nun geschickt oder nicht?

Ich kann es zumindest bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehen. Doch danach müssen sie sich erklären. Zumal sie genau wussten, was sie machen.

Das liess der Schweizerische Fussballverband nicht zu.

Dabei wäre es eine Chance gewesen, auf die Geschichte dieser Spieler und ihrer Familien in einer komplexen und schwierigen Situation hinzuweisen. Das Leben war nie einfach in den exjugoslawischen Staaten. Natürlich ist eine WM nicht die Plattform, um politische Konflikte zu lösen. Aber Fussballer könnten einen konstruktiven Beitrag leisten. Wenn man sie liesse.

Lernen das die jungen Spieler bei Ihnen?

Sie lernen jedenfalls, dass bei uns Chancengleichheit herrscht. Dass alle die gleichen Rechte und Pflichten haben. Wir können unsere Jungs begleiten, ihnen Werte vermitteln, aber die eigenen Wurzeln, die eigene Herkunft, die bleiben immer.

Wie hoch ist der Anteil der Secondos im FCB-Nachwuchs?

Der liegt sicher bei 50 Prozent.

Warum hat man den Eindruck, dass diese eher den Schritt an die Spitze schaffen als die Schweizer?

Es ist schon eher so, dass sich die Secondos mehr einsetzen, während die Schweizer Fussball zwar toll finden, aber auch andere Optionen im Kopf haben.

War das bei Ihnen auch so?

Ja, ich wollte mich durchsetzen.

Hatten Sie damals das Gefühl, dies sei wegen Ihrer Herkunft so?

Nein, es war die Freude am Sport. Ich war aber auch gut integriert, habe sogar die RS gemacht. Viele junge Secondos setzen sich unterbewusst mehr ein, weil sie den Eltern, die ihnen ein Leben in der Schweiz ermöglichten, etwas zurückgeben wollen und nicht, um sich gegenüber andern zu beweisen.

Wären Sie gerne nochmals Jungprofi?

Es gibt Momente, da denke, ich unbedingt: Und andere, da denke ich, ja nicht. Ich habe jedenfalls meine Zeit genossen. Man war noch nicht so abhängig, hatte mehr Eigenverantwortung, musste sich selbst organisieren und wurde nicht so verwöhnt.

Würden Sie dem FCB wieder eine Karriere lang treu bleiben?

Heute wäre es durchaus realistisch, dass ich den Klub mal wechseln würde. Der Markt mit all den Agenten und Möglichkeiten wäre wahrscheinlich stärker als meine Identifikation mit dem FCB.

Erhielten Sie in Ihrer aktiven Zeit eigentlich keine Angebote?

Doch. Sie haben mich aber nie interessiert. Und der Lohn war mir auch egal. Ich wollte mit dem FCB im Joggeli spielen. Weil ich begeistert war.

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