Kurz vor Konzertbeginn erreichen erste Meldungen über Schüsse in München den Lörracher Marktplatz. Nachdenklichkeit mischt sich in die gelöste Sommerabend-Stimmung. Gesprächsthemen unter den Konzertgängern sind der anstehende oder eben vergangene Ferien-Trip, aber immer wieder auch die internationale Politik: die verworrene Lage in der Türkei, Nizza und seine Folgen, Donald Trump, der Brexit. Und nach den Eindrücken der noch diffusen Berichte aus München: Wann hört in diesem verrückten Sommer 2016 das Töten endlich auf?

Das Konzert von Massive Attack nimmt die nachdenkliche, sorgenvolle Stimmung auf: Der mal melancholisch-düstere, dann wieder hoffnungsvoll klingende Trip-Hop des Kollektivs aus Bristol wird begleitet von Visuals zum aktuellen Weltgeschehen. Auf einen riesigen Bildschirm hinter der Bühne werden Zahlen, Slogans und Schlagzeilen projiziert. Der Buchstabensalat wirkt, als sei eine Anzeigetafel auf dem Flughafen ausser Kontrolle geraten. Henry Kissinger. Freddie Mercury. Karl Raimund Popper. Rachel Weisz. Bertolt Brecht. Diese und Dutzende weitere Namen wechseln sich in rascher Reihenfolge ab. Zunächst ist nicht ganz klar, was die berühmten Persönlichkeiten miteinander zu tun haben. Zwischendurch flackern Bilder auf, die aus verschiedenen Erdteilen das Flüchtlingselend zeigen. Aha. Begriffen.

Denken soll jeder selber

Bald ist klar: Massive Attack sind auch 2016 wichtige politische Stimmen in der zeitgenössischen Musik. Es sind aber keine, die in selbstverliebtem Pathos auf der Bühne Anklage erheben. Robert del Naja und Grantley Marshall, seit Ende der 1980er-Jahre Köpfe des Kollektivs, halten sich im Hintergrund. Während des anderthalbstündigen Konzerts gibt es keine einzige Ansage. Massive Attack kommentieren nicht, sie zeigen bloss auf. Denken soll bitteschön jeder selber.

Das musikalische Herz des Konzerts bilden Stücke ab dem epochalen 1998er-Album «Mezzanine». Ein Höhepunkt auf Platte wie am Marktplatz-Konzert ist das tief wummernde, düster-dräuende Bass-Intro zu «Angel», bevor Reggae-Sänger Horace Andy, der Massive Attack seit Jahren begleitet, unverwechselbar quakt: «You are my angel, Come from way above, To bring me love». In Erinnerung bleiben wird auch «Inertia creeps», ebenfalls von «Mezzanine»: Die Percussions-Abteilung peitscht uns knallharte Beats, der Gitarrist stakkatoartige Riffs um die Ohren, optisch bombardiert werden wir mit News vom Tag, als Quelle diente offensichtlich ein Medium aus der Region Basel. Massive Angriffe auf die Sinne sind das!

Musikalisch kommen die Briten mehrheitlich hart und in Moll-Tonlagen daher. Das Konzert wühlt auf, verstört, begeistert – ganz anders als etwa jenes 2014 auf dem Berner Gurten, als ein von uninspirierten Musikern produzierter Soundteppich das Publikum bloss einlullte. Deren offensichtlich wieder aufgeflammte Wut über das, was derzeit rund um den Globus, aber auch in ihrer Heimat passiert, wirkt sich positiv auf ihre Schaffenskraft aus.

Zeitlos frische Songs

Die Setlist besteht zu drei Vierteln aus Songs aus den 90er-Jahren, als Massive Attack zur innovativen Speerspitze der elektronischen Musik zählten. Während sich diese stilistisch stark in neue Richtungen entwickelt hat, sind Massive Attack ihrem unverkennbaren Stil treu geblieben. Dennoch klingt das nie altbacken, auch entsteht nicht der Eindruck, man sei an einem nostalgischen «Greatest Hits»-Konzert. Das liegt nicht zuletzt am grossartigen Songmaterial. Zum Schluss des Konzerts packen die Briten zwei verträumte und versöhnliche Klassiker aus dem Genre bildenden 1991er-Album «Blue Lines» aus. Zuerst «Safe from harm», dann – als einzige Zugabe – «Unfinished sympathy». An beiden steht Deborah Miller am Mikro, die vor allem in «Unfinished sympathy» ihr Organ – herrlich kontrastierend zu den tief in die Magengegend pumpenden Beats – in ekstatische Höhen schraubt. Eine Wucht, wie zeitlos und frisch dieser Song ein Vierteljahrhundert nach seiner Entstehung wirkt.

Zu diesem akustisch versöhnlichen Schluss passt die politische Botschaft auf dem Bildschirm: Je suis Charlie. Je suis Paris. Je suis Orlando. Je suis Nice. Je suis Baghdad. Je suis Bangladesh. Wir sind alle Angehörige derselben Spezies. Punkt.