Herr Böhm, worüber plaudern wir?

Über die Zeitmaschine. Das gefällt mir.

Weshalb?

Weil ich gerne in die Zukunft blicke.

Sind Sie Hellseher?

Nein, aber ich habe schon die eine oder andere Entwicklung vorausgesehen oder zumindest antizipiert. Das gehört ja auch zu meinem Job.

Geben Sie uns ein Beispiel.

Heute sind die Einkaufsmöglichkeiten unbegrenzt: in der Stadt, im Internet, im Ausland. Gerade gegen Letzteres haben sich viele Menschen lange gesperrt. Aber es ist die Realität heute - bedingt durch die Globalisierung.

Welches Jahr würden Sie in der Zukunft gerne anpeilen?

Ins 2035. Das Jahr wird in Bezug auf den Durchbruch neuer Mobilitätslösungen wie Carsharing und selbstfahrenden Autos immer wieder genannt. Heute sind wir immer noch von der zweiten und dritten industriellen Revolution geprägt, ein Auto gilt als Statussymbol. Die Leute wollen noch nicht erkennen, was die neuen Mobilitätsformen für Chancen bringen. Etwa, dass es durch Carsharing mehr Platz gibt in den Städten. Wenn ich den Menschen von meinen Erfahrungen in der Zukunft erzählen könnte, wäre würde das einem schnelleren Umdenken zugute kommen.

Was macht Sie so sicher, dass Sie eine schöne Welt antreffen würden?

Ich bin ein grundsätzlich positiv denkender Mensch. Da hat mich mein Grossvater sehr geprägt; er sah in allem das Positive, obwohl sein Leben auch nicht immer aus Zucker war. Er hat zum Beispiel den Zweiten Weltkrieg aktiv miterlebt. Aber zurück zu Ihrer Frage: Klar, ich hätte schon Respekt, wenn man bedenkt, wie es heute um die weltpolitische Lage steht. Trotzdem denke ich nicht, dass Krieg wäre, wenn ich im 2035 ankommen würde.

Würde es Sie auch interessieren, wie es Ihnen persönlich geht?

Nein. Ich bin ein Mensch, der sehr im ‹Ist› lebt. Wenn mich jemand fragt, ob ich in fünf Jahren noch für Pro Innerstadt tätig sein werde, zucke ich mit den Schultern. Es interessiert mich nicht, weil ich das jetzt mit viel Leidenschaft mache. Und dann kommt der Rest automatisch.

Blicken wir mal zurück. Vor fünf Jahren traten Sie als Geschäftsführer von Pro Innerstadt an. Ihr Ziel: der Einkaufsstadt Basel ein ‹unverkennbares Gesicht› zu geben. Wenn man heute durch die Freien Strasse flaniert, muss man sagen: Das ist nicht gelungen.

Damals war ich vielleicht ein bisschen naiv, wollte mit einer positiven Message starten. Ich hatte ja die Innensicht nicht, mir war nicht bewusst, dass gewisse Prozesse in dieser Stadt durch Partikularinteressen unheimlich verlängert werden können. Wenn man alles fünfmal rumdiskutiert, kommt nie Bewegung in diese Stadt.

Können Sie konkreter werden?

Nehmen Sie die Buvetten. Gewisse hatten jahrelang mit Einsprachen zu kämpfen. Weil man Angst vor negativen Folgen hatte. Wenn wir die heutigen Betriebe anschauen, können wir sagen: Die positiven Effekte überwiegen. Das Rheinbord war noch nie so belebt wie heute.

Mit welcher Botschaft würden Sie bei Pro Innerstadt starten, wenn Sie das Rad der Zeit zurückdrehen könnten?

Ich würde das Wort ‹Einkaufsstadt› durch ‹Gesamterlebnis› ersetzen. Alles steht und fällt mit dem Mix von Gastro-, Kultur- und Konsumangeboten. Einzelsortierungen gibt es nicht mehr, das Gesamtangebot, die Auswahl ist entscheidend. So hat auch die Freien Strasse ihre Rolle, als Ort der internationalen Labels. Diese wirken enorm anziehend. Parallel dazu hat sich in den Seitenstrassen enorm viel getan: Hier finden wir einzigartige, kreative Mikrokosmen. Diese machen den Charakter der Stadt aus, und dieses Angebot fördern wir.

Wie?

Etwa mit Events wie dem ‹Flâneur›, dem Einkaufs- und Genussevent, der im Juni in der Markthalle stattgefunden hat, wo sich die Läden und Foodangebote präsentieren konnten. Oder dem White Dinner, womit wir die Vorzüge und Schönheit der Erlebnisstadt Basel hervorheben wollten.

Wann findet das nächste White Dinner statt?

Bis auf weiteres nicht. Das war auch nicht die Idee. Pro Innerstadt möchte mit Neuem überraschen. Zudem bedeutet dieser Event einen enormen Aufwand für mein Team, der nicht jedes Jahr bewältigbar ist.

Das White Dinner kam bei der Bevölkerung gut an. Es gibt aber auch kritische Stimmen, was Ihr Engagement betrifft. Als sich die Euro-Krise akzentuierte, klagten Geschäftsinhaber, Pro Innerstadt würde zu wenig unternehmen.

Wir haben uns im Hintergrund eingesetzt. Es ist nicht meine Art, mit Leistungen zu prahlen. Die wenigsten haben mich im persönlichen Gespräch mit ihrer Unzufriedenheit konfrontiert. Wenn Kritik direkt kommt, nehme ich sie sehr ernst. Wenn nicht, nehme ich das für mich Wichtige raus und versuche, sie so stehen zu lassen.

Sie sagen, Sie können die Zukunft des Einkaufs antizipieren. Werden wir dereinst eigentlich von Robotern bedient? Und sterben kleine Läden bald aus?

In beiden Fällen: Nein. Der persönliche Kontakt wird beim Einkaufserlebnis immer wichtiger; je schneller der technologische Fortschritt, desto grösser das Bedürfnis nach dem Gegensatz, das Bedürfnis nach Menschlichkeit. Und Retro-Läden mit klarem Konzept boomen ja heute schon.

Wie auch der Ausverkauf, der mittlerweile das ganze Jahr andauert.

Diese Entwicklung ist mir ein Dorn im Auge. Auch, dass der ‹Black Friday› aus den USA, der Superausverkauf zum Erntedankfest, in die Schweiz geschwappt ist. Mir ist bewusst, dass es enorm schwierig ist,eigene Ideen umzusetzen. Copy-Paste ist jedoch nie eine clevere Marketingidee.

Sie sind aber sicher auch schon in die ‹Sale›-Falle getappt.

Ja, ich bin auch nur ein Mensch. Ich habe mal einen Pullover gekauft, der war so unverschämt reduziert, ich konnte nicht widerstehen. Getragen habe ich ihn nie...

Mit Zeitmaschinen kann man nicht nur in die Zukunft, sondern auch in die Vergangenheit reisen. Also: Welches Jahr würden Sie wählen, und wen würden Sie gerne treffen?

Den ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy, so um 1960. Das muss eine unglaublich stilvolle Zeit gewesen sein. Auch reizvoll wäre, Steve Jobs zu seinen Anfangszeiten mit Apple zu erleben und diesen Innovationsgeist zu konservieren.