Nachhaltigkeit
Mathis Wackernagel: «Unser Rentensystem ist ein Betrug»

Der Basler Mathis Wackernagel hat das Modell des «ökologischen Fussabdrucks» entwickelt. Er erklärt, weshalb die Welt ab dem 19. August über ihre Verhältnisse lebt und warum er trotzdem optimistisch ist.

Annika Bangerter
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Mathis Wackernagel kritisiert, dass die Nachhaltigkeitsdebatte in der Schweiz «nur ein Sonntagsschulthema» ist. JUN

Mathis Wackernagel kritisiert, dass die Nachhaltigkeitsdebatte in der Schweiz «nur ein Sonntagsschulthema» ist. JUN

Herr Wackernagel, heute hat die Weltbevölkerung den «Ökoschuldentag» in diesem Jahr erreicht. Was bedeutet das konkret?

Mathis Wackernagel: Die Menschen haben zwischen dem 1. Januar und dem 19. August bereits so viel von der Natur verbraucht, wie diese im Jahr 2014 erneuern kann.

Zur Person

Mathis Wackernagel ist ein Vordenker im Bereich Nachhaltigkeit. Der Basler ist Präsident von Global Footprint Network mit Hauptsitz in Kalifornien. Wackernagel absolvierte an der ETH Zürich ein Ingenieurstudium. Während seiner Doktorarbeit entwickelte er mit William Rees das Modell des «ökologischen Fussabdrucks». Der renommierte Wissenschafter berät Regierungen und NGOs und ist weltweit in Lehre und Forschung tätig. Mathis Wackernagel lebt in den USA.

Was heisst das?

Beim Global Footprint Network denken wir wie Bauern und fragen – sinnbildlich gesprochen – wie gross der «Bauernhof Schweiz» oder der «Bauernhof Erde» ist. Wir gehen der Frage nach, wie viele Flächen es gibt, die biologisch produktiv sind, und wie viel die Menschen für Nahrungsproduktion, Holz, Fasern oder der Absorption von Abfallstoffen wie CO2 brauchen. Das Resultat dieses Vergleichs nennen wir den «ökologischen Fussabdruck». Gegenwärtig ist der Fussabdruck der Menschheit etwa um die Hälfte grösser als der Bauernhof Erde.

Wie kann der ökologische Fussabdruck grösser sein als der Bauernhof Erde?

Das funktioniert wie mit Geld – wir können mehr ausgeben als wir einnehmen. Wir können schneller Holz schlagen als Bäume nachwachsen, Wasser schneller aus dem Grundwasser pumpen, als es sich wieder nachfüllt oder schneller CO2 in die Atmosphäre pumpen, als Wälder das Extra-CO2 aufnehmen können.

Wer sind die grössten Verursacher von den Ökoschulden?

Die Menschen (lacht). Ich würde die Frage jedoch anders stellen: Wer trägt ein grosses Risiko bei dieser Übernutzung? Kurzfristig gesehen liegt das Risiko bei den 72 Prozent der Weltbevölkerung, die netto mehr von der Natur brauchen als die Ökosysteme in ihrem eigenen Land erneuern können und gleichzeitig über ein kleines Einkommen verfügen. Die sind in der schwierigsten Lage. Dagegen gibt es ein paar Länder, die über ein hohes Einkommen verfügen und zugleich ökologische Reserven besitzen. Sie sind in einer einfacheren Situation.

Können Sie Beispiele nennen?

Schweden besitzt eine relativ grosse ökologische Reserve; Kanada, Norwegen, Neuseeland oder Australien sind weitere Beispiele. Das sind aber nur wenige Länder. Denen gegenüber stehen Staaten wie beispielsweise Ägypten, das drei Mal so viel an natürlichen Ressourcen und Dienstleistungen verbraucht, als das eigene Land erneuern kann. Auch Länder wie Afghanistan, Pakistan, Haiti oder El Salvador stehen vor ähnlichen Herausforderungen.

Wo steht die Schweiz im internationalen Durchschnitt?

Wenn alle so leben würden wie gegenwärtig die Schweizer, dann bräuchten wir die dreifache Kapazität der Erde.

Was bedeutet das für die Zukunft der Schweiz?

Der Durchschnittsschweizer generiert aktuell noch ein relativ hohes Einkommen. Es gibt aber immer mehr Menschen auf der Erde und das Einkommen ausserhalb der Schweiz nimmt stärker zu. Relativ gesehen schwindet also das Einkommen der Schweizer im Vergleich zum Welteinkommen. Deshalb wird das Risiko vom Ressourcendefizit immer wesentlicher.

Was hat das für Konsequenzen?

Im Moment muss der Schweizer einen relativ kleinen Prozentsatz seines Einkommens ausgeben, um das ökologische Defizit zu begleichen. Doch der Wettbewerb um die ökologische Produktivität nimmt zu – besonders so lange die Weltbevölkerung und deren Einkommen wachsen. Davon ist auch die Schweiz betroffen. Daher stellt sich die Frage, ob es für die Schweiz nicht ein zu grosses Risiko ist, rund vier Mal mehr an Natur zu brauchen, als sie selber hat. Bei diesem Punkt teilen sich die Meinungen.

Inwiefern?

Auf der einen Seite stehen viele Naturwissenschafter. Sie sind der Auffassung, dass die gegenwärtige Nutzung unsere ökologischen Grundlagen zerstören. Sie sehen eine Verminderung des Drucks als eine notwendige Bedingung für eine stabile Schweiz und eine stabile Welt. Auf der anderen Seite stehen Wirtschaftsplaner. Ihre Devise lautet, wer innovativ ist, kann alle Probleme lösen.

Jetzt mischt sich aber auch die Politik aktiv ein, beispielsweise mit der Ecopop-Initiative.

Die Ecopop-Initiative spiegelt ein Unbehagen wider. Viele Menschen spüren, dass irgendetwas nicht aufgeht. Doch die Initiative ist kontraproduktiv, denn sie vergrössert die Ängste und polarisiert. Das wirft die Diskussion um die wesentlichen Nachhaltigkeitsfragen zurück. Das Problem der wachsenden Weltbevölkerung und der Ressourcenübernutzung ist zentral und sollte nicht durch eine Polarisierung überschattet werden. Die Ressourcenproblematik auf die Immigration zu reduzieren, blockiert.

Was sind denn die Optionen?

Zuerst sollten wir klären, ob die Ressourcenknappheit wirklich ein zentrales Risiko darstellt. So lange Entscheidungen in Wirtschaft und Politik davon ausgehen, dass die Ressourcenfrage kein wesentlicher Faktor ist, verändert sich nichts. Deshalb brauchen wir eine bessere öffentliche Diskussion zum Thema.

Ist es denn überhaupt möglich, die Bedürfnisse der Weltbevölkerung mit der Ökologie in Einklang zu bringen?

Die Situation ist genau umgekehrt: Ohne ökologische Grundlage können die Bedürfnisse der Weltbevölkerung nicht gedeckt werden. Es ist möglich, innerhalb der Kapazitäten dieser Welt gut zu leben. Die Technologien dazu existieren schon heute. Aber unsere gegenwärtige Wirtschaftsweise baut auf einem Modell auf, das immer mehr Ressourcen braucht, um stabil zu sein. Das geht leider nicht auf.

Wie könnte eine stabilere Welt denn aussehen?

Wir bauen – oder verbauen – eine solche Welt mit jeder Investition oder Budgetausgabe. Daher haben wir Werkzeuge entwickelt, um Regierungen bei Investitionsentscheidungen zu helfen. Es sind vier Elemente, auf die wir uns konzentrieren sollten. Erstens: Wie planen und bauen wir unsere Städte? Sind sie kompakt genug, die Verkehrswege kurz, die Häuser so gebaut, dass sie wenig Energie brauchen? Zweitens: Wie stellen wir Energie bereit? Ein grosser Teil des heutigen ökologischen Fussabdruckes ist mit der Nutzung fossiler Brennstoffe verbunden. Und drittens: Wie er
nähren wir uns? Regionale, gering verarbeitete Produkte sowie ein ein-
geschränkter Fleischverzehr sind
Möglichkeiten, natürliche Ressourcen zu schonen. Zudem sollten – und zwar auch in der Schweiz – die Ängste vor geringen Geburtenraten abnehmen.

Diese Angst ist ja gekoppelt an das Rente- und Altersvorsorgesystem.

Wenn man die Pensionskassen so aufbaut, dass die Rentner mehr erhalten als sie beigetragen haben, dann ist das Betrug. So braucht es immer mehr junge Leute, die für die älteren Generationen bezahlen. Das ist ein Pyramiden- oder Schneeballsystem, das in den meisten Ländern eigentlich verboten wäre. Es bräuchte Rentenkassen für jeden Jahrgang. Ich bin im Jahre 1962 geboren. Ich müsste folglich die Rentenkasse von 1962 mittragen.

Ist das Rentensystem demnach umweltschädlich?

Renten sind wunderbar. Doch so wie sie heute aufgebaut sind, tragen sie zur Instabilität bei. Es ist durchaus möglich, eine stabile Altersvorsorge aufzubauen. Alle Systeme, die ohne konstante Expansion instabil werden, sind aber gefährlich.

Wenn wir von Generationen und ihren Schulden sprechen: Wer bezahlt letztlich die «Ökoschulden»?

Das ist unterschiedlich. Gewisse Schulden können längerfristig akkumuliert werden, wie beispielsweise der CO2-Gehalt in der Atmosphäre. Diese werden erst später bezahlt. Andere Schulden wirken viel direkter, beispielsweise für die ansässige Bevölkerung in Gebieten von übernutztem Grundwasser oder zu stark abgeholzten Wäldern. Allgemein gesagt: Konsumiert man mehr als der eigene Bauernhof erzeugt, dann ist man abhängig von anderen Bauernhöfen. Werden immer mehr «Bauernhöfe» oder Länder überbeansprucht, wird es immer schwieriger, an zusätzliche Ressourcen zu kommen.

Das sind düstere Zukunftsperspektiven.

Gar nicht! Als Organisation wenden wir uns gegen den heutigen Fatalismus, der das Auslaugen des Planeten einfach als gegeben akzeptiert. Ich sehe die Zukunft voller Möglichkeiten. Wir alle können wunderbar auf diesem Planeten leben, ohne die Grundlagen für die Zukunft zu zerstören. Es ist möglich über Jahrhunderte nachhaltig zu leben, wie schon viele Zivilisationen gezeigt haben.

Sind Sie nie konsterniert darüber, dass die kurzfristige Denkweise dominiert?

(Überlegt lange.) Dafür habe ich wohl zu viel zu tun (lacht). Mich erstaunt aber, dass die Debatte über die fundamentalen Herausforderungen – auch in der Schweiz – fehlt. Die Nachhaltigkeit ist nur ein Sonntagsschulthema – im Sinne von: «Es wäre ja nett, wenn wir nett wären, aber wir können es uns nicht ganz leisten.»

Kann ein kleines Land wie die Schweiz überhaupt etwas ausrichten, wenn Schwellenländer wie China und Indien boomen und damit den ökologischen Fussabdruck zusätzlich belasten?

Ja unbedingt, dann macht es sogar noch viel mehr Sinn! Läuft die Welt noch schneller aus dem Ruder und taucht der Sturm früher als angenommen auf, dann müssen wir unser Boot umso rascher und besser darauf vorbereiten.

Aber die Schweiz kann sich doch keine ökologisch saubere Insel in der globalisierten Welt erschaffen?

Wir sind alle Bauern auf einem Bauernhof. Wenn andere Bauern ihre Flächen übernutzen und die Luft verschmutzen, dann betrifft das unseren Hof natürlich auch. Aber das bedeutet doch, dass wir noch vorsichtiger mit unserem Bauernbetrieb sein müssen. Wenn wir die Situation als Weltproblem darstellen, dann produzieren wir ein unnötiges Ohnmachtsgefühl. Ein besseres Bild ist der «globale Sturm». Dieser Sturm produziert Probleme. Doch die sind schlussendlich alle lokal. Deshalb sollten wir niemanden dazu einladen, sich um den ganzen Planeten Sorgen zu machen, sondern eher darum, wie es unserem Land oder unserer Stadt im globalen Sturm geht. Das macht uns aktionsfreudiger und hilft letztlich der ganzen Welt.