Lohnverzicht

Matthias Suhr, Direktor des Basler Flughafens: «In der Geschäftsleitung verdienen wir jetzt alle weniger»

Noch hält der Euro-Airport die Krise aus. Direktor Matthias Suhr sagt, es gebe derzeit noch genug Luft nach oben. (bz-Archiv)

Noch hält der Euro-Airport die Krise aus. Direktor Matthias Suhr sagt, es gebe derzeit noch genug Luft nach oben. (bz-Archiv)

Der Direktor des Euro-Airports, Matthias Suhr, spricht im Interview mit der bz über die Lichtblicke in der Coronakrise, Lohnverzicht und die Begehren der Flughafengegner

Herr Suhr, wie geht es Ihnen?

Matthias Suhr: Persönlich gut. Beruflich ist es eher turbulent. Vergangene Woche wurde ein Mitarbeiter positiv auf das Virus getestet, worauf ich das Testcenter auf französischer Seite in Anspruch nehmen musste. Der Test fiel negativ aus – zwei Mal.

Das Center wurde auf französischer Seite eingerichtet, auf Schweizer Seite nicht. Wann ist es hier soweit?

Im Gegensatz zu Frankreich anerkennt die Schweiz einen Ersatz der Quarantänepflicht durch Tests nicht. Die Liste von Risikoländern wurde zwar drastisch reduziert, weil die Schweiz nun zu den Ländern mit den höchsten Fallzahlen gehört. Aber die Regelung bleibt bestehen. Ein Testcenter auf Schweizer Seite ist derzeit nicht vorgesehen.

Wann ist mit Schnelltests auf französischer Seite zu rechnen?

Grössere Flughäfen wie Paris-Charles-de-Gaulle haben bereits den Testbetrieb aufgenommen. Ich gehe davon aus, dass wir auf der französischen Seite bald von diesen schnelleren Testen profitieren können.

Der private Flugreiseverkehr ist wegen der Krise praktisch zum Erliegen gekommen. Wer fliegt jetzt überhaupt noch ab Basel? Und wohin?

Im Schnitt zählen wir an einem Werktag derzeit je zirka 25 An- und Abflüge, vor der Krise waren es bis zu 100. Heute zum Beispiel wurden Ziele in Sardinien und Portugal angeflogen, auf den Kanarischen Inseln, auch Hamburg, London Gatwick, Amsterdam, Pristina. Wir haben immer noch einige Ziele im Angebot. Kumuliert aufs ganze Jahr wird die Zahl der Passagier auf 30 Prozent zurück gehen im Vergleich zu 2019.

Würden Sie zurzeit noch fliegen?

Ganz klar ja. Abgesehen davon, dass in den Flugzeugen Maskenpflicht herrscht, können die Abstände im Flughafen grossteils ohne Probleme eingehalten werden. Eine Maskenpflicht besteht ja auch schon länger. Und wir sind mit genug Desinfektionsmittel ausgerüstet, es wird auch viel öfter geputzt. Die Wartezeiten sind zudem viel kürzer. Wir haben bisher einen einstelligen Millionenbetrag in die Massnahmen investiert. Und das wird nicht etwa vom Bund oder den Airlines berappt, sondern vom Flughafen.

Sie rechnen in diesem Jahr mit gut 2,5 Millionen Passagieren. Im vergangenen Rekordjahr waren es 9 Millionen. Wie hoch wird der Verlust sein?

Dieser wird sich im zweistelligen Millionenbereich bewegen.

Das ist happig. Sie haben an einer Podiumsdiskussion vergangene Woche gesagt, der Euro-Airport müsse nun seine Reserven anzapfen und sparen, wo es nur geht.

Glücklicherweise haben wir ja sehr gute Jahre mit Gewinnen hinter uns. Es gibt derzeit noch genug Luft nach oben.

Wie lange noch?

Das hängt davon ab, wie sich die Lage weiterentwickelt. Im 2020 können wir die rückläufigen Einnahmen noch gut abfedern. Aber über Jahre hinweg ist das nicht möglich, da müssten wir sehr einschneidende Massnahmen ergreifen.

Gibt es eine Zusicherung für Bundeshilfe für den Fall der Fälle?

Wir gehören zu den drei Landesflughäfen der Schweiz und zu den sechs grossen Regionalflughäfen Frankreichs. Da haben wir also schon eine übergeordnete Bedeutung. Zu Beginn der Pandemie hat sich der Bund dahin gehend geäussert, dass die Luftfahrt eine wichtige Schlüssel infrastruktur für das Land darstellt. Nicht nur um den Passagier-, sondern auch den Frachtverkehr sicherzustellen. Ich bin also überzeugt, dass Hilfe vom Bund kommen würde.

Abgesehen davon, die Reserven anzuzapfen, sind auch Einsparungen geplant. Wo?

Als Erstes haben wir alle nicht dringlichen Investitionen gestrichen, respektive verschoben. Derzeit überprüfen wir die Infrastruktur – und damit auch den allfälligen Terminalausbau. Dieser wäre angezeigt gewesen, wenn die Passagierzahlen im Stil der vergangenen Jahre weitergewachsen wären. Danach sieht es mittelfristig nicht aus.

Diese Pläne liegen also auf Eis. Welche Projekte werden nicht sistiert?

Der Bahnanschluss. Es ist wichtig, diesen voranzutreiben, um nach der Krise fit zu sein.

Sparen Sie auch Personalkosten ein?

Entlassungen waren bis anhin nicht nötig, das wollen wir unter allen Umständen vermeiden. Am Flughafen arbeiten viele Spezialisten, die nicht in anderen Branchen eingesetzt werden können – und die auch schwierig zu akquirieren wären, wenn der Flugverkehr wieder anzieht. Deshalb sind wir froh, von der Kurzarbeitsentschädigung profitieren zu können. Es besteht derzeit ein Einstellungsstopp, und durch Abgänge und Pensionierungen frei gewordene Stellen werden nicht wieder besetzt.

Wie sieht es mit Lohnverzicht in der Chefetage aus?

Tatsächlich wurden in Bezug auf die Entschädigung der Geschäftsleitung Einsparungen vorgenommen. Wir verdienen jetzt also alle weniger. Und zwar nicht ganz unerheblich. Ich nenne keine Zahlen, es kommt noch darauf an, wie wir das Geschäftsjahr beenden. Dieser Schritt ist unserer Meinung nach angezeigt, wenn man an die vielen Mitarbeiter denkt, die nun in Kurzarbeit sind. Alles andere wäre unglaubwürdig.

Dann macht sich die Führungsriege der Swiss total unglaubwürdig. Sie lässt sich für 2019 Boni auszahlen.

Grundsätzlich äussere ich mich nicht zu Vorgängen in anderen Unternehmen.

Nun zu einem der wenigen Lichtblicke in diesem Jahr, die Fracht. Hier konnte der Euro-Airport in diesem Jahr sogar zulegen, haben sie auf dem Podium verkündet.

Exakt. Der Frachtverkehr legte bis Ende September um gut 3 Prozent zu, allein im September sogar mehr als 6 Prozent.

Worauf ist diese Entwicklung zurückzuführen? Liegt das an der grossen Nachfrage nach medizinischem Material und Medikamenten?

Zum Teil ja. Wir haben hier in Basel Millionen von Schutzmasken und medizinisches Material in Empfang genommen. Noch heute ist der Warenverkehr sehr stark unterwegs. Die Nachfrage nach Frachtverbindungen ist entsprechend deutlich gewachsen. Wir profitieren aber auch davon, weil der Langstreckenverkehr etwa nach den USA oder China zum Erliegen gekommen ist. Zu normalen Zeiten wird in diesen Passagiermaschinen ja auch Fracht transportiert. Deren Ausfall wird nun von den Vollfrachtern, die wir hier im Gegensatz zu Genf und Zürich haben, kompensiert. Sie flogen in den Lockdown-Monaten beispielsweise nach Asien, in die USA und Südamerika. Beladen nicht nur mit Pharmaprodukten, sondern einer Vielzahl an verschiedenen Waren.

Der Flughafen profitiert also auch von der Krise. Bauen Sie die Fracht nun aus?

Unser Ziel ist es, weitere Fracht-Destinationen ins Netz aufzunehmen. Die im 2015 eröffnete Frachthalle ist ideal für Spezialgüter ausgerüstet und ermöglicht es uns, in Zukunft weitere attraktivere Destinationen anzubieten. Wir reden hier aber nicht von zig Flugbewegungen mehr pro Woche. Derzeit liegen wir heute bei sieben, mittelfristig würden wir gerne auf gut ein Dutzend aufstocken.

Zurück zum Passagierverkehr. Easyjet, die stärkste Airline am Euro-Airport, zieht zwei der zwölf in Basel stationierten Jets ab. Der Anfang eines grossen Rückzugs?

Wir haben keine Anzeichen erhalten dafür. Dieser Schritt ist für uns nachvollziehbar angesichts der deutlich zurück gegangenen Flugbewegungen.

Easyjet gilt als harter Verhandlungspartner. Kommt es jetzt hinter den Kulissen zu einem Kampf um tiefere Gebühren?

Mitnichten! Wir pflegen ein gutes Verhältnis zu allen Airlines. Zudem gilt eine öffentlich publizierte und staatlich genehmigte Gebührenverordnung, da gibt es nicht viel Spielraum. Wir konnten während des Lockdowns aber bei Standplatzgebühren gewisse Erleichterungen geben.

Experten sagen, Billigflieger werden sich schneller von der Krise erholen als Netzwerkcarrier wie Swiss. Das sorgt hier sicher für eine gewisse Erleichterung.

Das ist schon der Fall, ja. Easyjet und auch Wizzair bieten Europaflüge an – dieser Markt wird sich schneller erholen als die Langstrecke. Aber nicht deutlich schneller. Ich nehme an, dass wir uns erst ab 2024 auf dem Niveau von vor der Krise bewegen. Für 2022 hoffe ich auf 5 Millionen Passagiere, ab dieser Anzahl sind wir profitabel unterwegs.

Die Flughafen- und Lärmgegner sind während des Lockdowns sicher auf den Geschmack gekommen, wie ruhig es tatsächlich sein könnte. Das weckt nun wohl umso mehr Begehrlichkeiten von dieser Seite.

Allerdings. Im Juli fuhren wir den Flugbetrieb langsam wieder hoch – da stieg die Zahl der Lärmreklamationen in wenigen Tagen auf das Niveau von vor der Krise, als es deutlich mehr Flugbewegungen hatte. Ich gehe davon aus, dass der Druck nach der Krise von dieser Seite umso grösser sein wird. Deshalb ist es ganz wichtig, dass wir die Arbeiten im Bereich Umwelt stark vorantreiben. Abgesehen von den Bemühungen rund um das Thema Lärmreduktion arbeiten wir unter Hochdruck daran, als Unternehmen klimaneutral zu werden. Als Ziel wurde in Einklang mit den internationalen Vorgaben das Jahr 2050 festgelegt, wir visieren nun 2030 an.

Wie wird es dann am Euro-Airport aussehen?

Wir werden wieder viele Fluggäste begrüssen können. Der Nachholbedarf nach der Krise wird gross sein. Und für ein derart exportorientiertes Land wie die Schweiz wird der Flughafen auch dereinst eine sehr wichtige Rolle für die Region spielen. Auch wenn vielleicht die eine oder andere Videokonferenz geführt wird und deshalb weniger Geschäftsreisen stattfinden.

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