Es spuke im Haus, erzählte Matthyas Jenny einmal. Nachts höre er Schritte über sich, in den Zimmern im oberen Stock, die er seit dem Tod seiner Frau nicht mehr benutzen möge. Ein andermal war er überfallen worden. Er hatte mit zwei Einbrechern gekämpft, lag schon am Boden, die Kleider zerrissen, als zum Glück gerade eine Hausbewohnerin vorbeikam und die Übeltäter vertrieb. Unglaublich ist auch die Geschichte des Operationstuchs, das ein Chirurg in seinem Bauch vergessen hat. Bis heute erinnern ihn manchmal Schmerzen daran, wie das Tuch sich mit seinem Darm verwickelt hatte.

Ob wohl all die fiktiven Geschichten um ihn herum reale Geschichten anziehen?

Wenn ich seine Buchhandlung Bachletten betrete, eilt Matthyas Jenny aus der Küche hervor, deutet eine leichte Verbeugung an, lächelt, grüsst. Ich kaufe ein Buch, bekomme manchmal einen Kaffee und fast immer eine dieser Geschichten.

Die Zebrafinken-Seifenoper

Ein ihm zugeflogener Zebrafink bot gar Stoff für eine ganze Serie heiterer Geschichten. Auf Peter Sloterdijks «Du musst dein Leben ändern» sei er gelandet, wie Jenny als Gastautor im Mamablog schrieb. Er öffnete das Fenster. Doch «nach Ladenschluss sass der Vogel immer noch auf Robert Walsers ‹Aus dem Bleistiftgebiet›.» Eigentlich kein er, eine sie, das wird man ihm später wohl in der Tierhandlung erklärt haben, wo er dieser Finkin einen feschen Zebrafinkenmann hinzukaufte. «Ein Vogel, und auch der Mensch, lebt nicht gerne alleine», schreibt Jenny.

An einem Nachmittag, es ist eine Weile her, winkte er mich in den Wohnbereich, der fast übergangslos gleich hinter dem Ladentresen anfängt – Bad, Küche, ein Zimmer, mehr brauche er nicht. Er wolle mir etwas zeigen. Ich durfte sein Arbeits- und Schlafzimmer betreten. Dort, bei seinem Bett, steht eine Urne mit der Asche seiner verstorbenen Frau, Ursula Jenny Wernle. 13 Jahre waren sie zusammen gewesen, als sie, die gut 17 Jahre Jüngere, an Krebs erkrankte. Er pflegte sie bis zu ihrem Tod im Mai 2007.

Seine Traurigkeit erfüllt mich mit einer gewissen Scheu. Matthyas Jenny hat auch Geschichten erlebt, die nur verstummen lassen können. Manchmal, fast beiläufig, erwähnt er eine. Seinen Bruder, der Selbstmord begangen hat, auf einem Zuggleis, und wie er danach seine Leiche gesehen habe. Ein Polizist klopfte ihm auf die Schulter: Drei Wochen, danach werde es ihm wieder gut gehen. «Verarbeitet», zitiert Jenny, «als ob man einen Menschen verarbeiten und vergessen kann.» Er nimmt ein Buch in die Hand: «Das hier können Sie jederzeit getrost in eine Ecke schmeissen; Gegenstände, Berufe, Ideen, die kann man loslassen, aber wie soll man einen Menschen loslassen?»

Es muss ihm auch niemand kommen und sagen, er habe nun genug um seine Frau getrauert. Nach ihrem Tod hielt ihn zunächst nur die Buchhandlung am Leben; Alltagspflichten wie Buchlieferungen, Öffnungszeiten, die ihn täglich zum Aufstehen, zu Struktur zwangen. «Zum Glück war es ihr Wunsch, dass ich die Buchhandlung weiterführe», sagt er. «Hier war das Jenseits, dort», wir sitzen in der Küche, er zeigt Richtung Laden, «dort war das diesseits.»

Als ob es Bücher geregnet hätte

Das Diesseits hat sich inzwischen seinen Weg ins Jenseits gebahnt, der Übergang ist fliessend. Bücher, Bücher, Bücher. Bücher im Schlafzimmer, Bücher auf dem Balkon, Bücher vor dem Backofen, Bücher auf dem Schüttstein zwischen Tellern und der orangen Spülmittel-Flasche. Als ob Bücher eine Art Naturgewalt wären, die über die kleinste Buchhandlung Basel hereinbrechen. Er lese Buchbesprechungen in der Zeit, im Spiegel, in der bz. «Dann bestelle ich einfach, es ist dann da, die besten, aktuellsten Bücher – aber niemand will es.» Er zuckt mit den Schultern. «Eigentlich kann man nicht allein eine Buchhandlung haben, das schafft man nicht.» Aber er macht es alleine. Dazu ist er nebenbei Hotelier und Koch für die Gäste, die an den Wochenenden in der Buchhandlung übernachten oder zum «Dinner for Two» kommen.

Fragen nach dem Warum führen bei Matthyas Jenny nicht allzu weit. Warum hat er in den 70er-Jahren den eigenen Verlag Nachtmaschine gegründet, ein gleichnamiges Literaturmagazin gedruckt, das erste Poesietelefon Europas eingerichtet, eigene Kurzgeschichten geschrieben, später den «Tag der Poesie», das Lyrikfestival und die Basler Buchmesse ins Leben gerufen? «Ich habe es einfach gemacht», sagt Jenny.

Frei wie ein Easy Rider

Auf alten Fotos sieht Matthyas Jenny aus wie Dennis Hopper in Easy Rider. Mit 16 verliess er das Elternhaus in Basel, reiste drei Jahre lang. Marokko, Istanbul, Persien, Pakistan, Indien, Afghanistan. Er liebte Jack Kerouacs «On the Road», die Beatniks. Er war frei.

Später am Barfüsserplatz sprach er eine besonders schöne Frau an. Sie gingen ins Kino. 1971 kam sein Sohn Caspar, 1974 seine Tochter Zoë zur Welt, die eine bekannte Schriftstellerin geworden ist. Das Paar trennte sich, sie war noch sehr jung, so übernahm er das Sorgerecht. Über die Zeit, die danach folgte, ist schon viel geschrieben worden: Jenny kümmerte sich tagsüber um die Kinder, nachts schrieb er und stand an der Druckerpresse. Eine Nachtmaschine. Zuerst in Carona, später in Basel, immer unter Künstlern und Schriftstellern. Meret Oppenheim, in deren Haus er wohnte, hat ihm ein Gedicht geschrieben, Markus Raetz und Mitbewohner David Weiss haben für seine Publikation gezeichnet; er verlegte als erster Jörg Fauser und Hansjörg Schneider, bekam einen Preis zusammen mit Günter Wallraff. Es folgten seither viele Preise und Anerkennungen.

Trotzdem hat sich in Jenny eine Wut aufgestaut über Basels Kultur- und Literaturszene. Zu viel Klüngelei, gegenseitiges Schulterklopfen, Anbiederung, findet er: «Es geht nicht mehr um die Sache.» Manchmal entlädt er seine Wut in einer bösen Bemerkung, die er auf halbem Weg mit einer abwinkenden Handbewegung wieder halbherzig zurücknimmt. «Viele schreiben, damit irgendein kantonaler Fachausschuss es gut findet – aber ach, lassen wir das.» Brav und bieder dünkt ihn die Szene heute, fast die ganze Stadt. Warum? «Wenn man kein Schicksal hat, ist man immer brav.» Ein Dichter, das sei für ihn «stets etwas vom höchsten überhaupt gewesen, ein Mensch, der sich auskennt mit der Welt.»

Manchmal verteilt er auch Kinnhaken über Kurzgeschichte, er möge es böse. Ein Band mit alten und neuen Short Stories wird im April erscheinen. Irgendwann auch der Roman, an dem er schreibt, die Geschichte der eigenen Familie. Jenny gibt eine süffige Kostprobe: 1653 wurde beim Kopfabheini, wo heute die Zollibesucher parkieren, Galli Jenny geköpft – als einer der Rädelsführer des Bauernkriegs. Sein Bruder Daniel Jenny wurde zu langer Galeerenhaft verurteilt. Doch dessen Verwandte überfielen die Kutsche, in der er abgeführt wurde, und befreiten ihn. «Eine Horde wilder Leute», sagt Jenny, «meine Vorfahren.»