Portrait
Maturandin aus Sissach gewinnt im Boxring der Dichter

Die junge Poetry-Slammerin June Stone aus Sissach gewinnt bei der Basler U20- Meisterschaft. Mit ihren englischen Texten sticht sie hier aus der Masse - verstehen die Zuschauer ihre Texte aber nicht, steht sie im Nachteil.

Annika Bangerter
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Die Maturandin lebte sechs Jahre mit ihrer Familie in Irland.

Die Maturandin lebte sechs Jahre mit ihrer Familie in Irland.

Kenneth Nars

Ihr Name klingt nach Bühnenkunst: June Stone. Dort will sie auch hin. Vielleicht als Schauspielerin; vielleicht als Wortakrobatin. Wohin ihr Weg nach der Matura führt, das weiss die 18-Jährige noch nicht genau. Einzig eines ist sicher: Sie will die Schweiz verlassen.

Zurzeit sorgt sie aber für Überraschung in der hiesigen Poetry-Slam-Szene. Die Tochter eines Amerikaners und einer Schweizerin hat die Basler U20-Meisterschaft gewonnen. Im Boxring der Dichter schlug sie alle mit ihren englischen Texten. «Ich war die Einzige, die nicht auf Deutsch slammte. Ich habe nicht erwartet, zu gewinnen», sagt June Stone. Mit dem Sieg qualifizierte sich die junge Frau aus Sissach für die Schweizer Meisterschaft und die deutschsprachige Meisterschaft in Berlin. Dabei misst sie sich mit anderen Poeten unter 20 Jahren.

Der englischen Sprache bleibt sie an beiden Wettbewerben treu. Die Regeln des Poetry-Slams bricht sie dabei nicht: Die Texte müssen von den Slammern selber geschrieben und in einer bestimmten Zeit ohne Requisiten vorgetragen werden. «Mit der deutschen Sprache komme ich nicht richtig klar. Wenn ich Englisch höre, lese oder spreche, sehe ich die Bilder viel deutlicher», sagt sie. In ihrer Freizeit verschlingt sie Bücher amerikanischer oder britischer Autoren und taucht in Filmwelten von Wes Anderson oder Quentin Tarantino ein. Obwohl sie mit ihrer Mutter von klein auf in Mundart sprach, fühlt sie sich in der englischen Sprache mehr zu Hause.

Exotin in der Slam-Szene

June Stone hat ihre ersten fünf Kindheitsjahre in Ettingen verbracht. Danach zog die Familie nach Irland, wo sie sechs Jahre lang in Cork wohnten. Noch heute vermisst die 18-Jährige ihre frühere Heimat. «In Irland sind die Leute offener. Ist man neu in der Nachbarschaft, erhält man beispielsweise umgehend Einladungen zum Kaffee trinken.» Auch das Meer von Irlands Südküsten fehlt ihr. Als sie elf Jahre alt war, zog die Familie wieder ins Baselbiet. Diesmal nach Sissach. June Stone musste zum ersten Mal in Hochdeutsch schreiben. «Das führt noch heute zu grammatikalischen Fehlern», sagt sie kopfschüttelnd.

In der hiesigen Slam-Szene ist sie mit ihren englischen Texten eine Exotin. «Damit steche ich aus der Masse. Verstehen aber die Zuhörer meine Texte nicht, bin ich im Nachteil.» Deshalb feilt sie insbesondere am Klang ihrer Sätze. Ab und an mixt sie eher unbekannte Ausdrücke in ihre sonst moderne und umgangssprachliche Wortwahl. Ihre Inhalte zu definieren, fällt der jungen Poetry-Slammerin schwer. «Meine Texte sind ziemlich abstrakt und lassen viel Interpretationsraum.» So erzählt sie beispielsweise über einen emotionalen Kreislauf von Wut zu Glück und umgekehrt. Hat sich eine Idee im Kopf, schreibt sie den Text binnen einer Stunde nieder. Danach feile sie bis zwei Minuten vor dem Auftritt daran, sagt June Stone lächelnd.

Viel Erfahrung hat sie auf der Slam-Bühne noch nicht. Als im März ein Poetry-Slam im Gymnasium Liestal hätte stattfinden sollen, warb die Deutschlehrerin für mehr Teilnehmende. June Stone meldete sich. Der Event kam dennoch nicht zustande. Die wenigen Slammer wurden dafür direkt an die Vorrunde der kantonalen Meisterschaft weitergeschickt. Vor ihrem Auftritt sei sie extrem nervös gewesen: «Geholfen hat, dass ich seit über zehn Jahren Theater spiele. Ich habe dann den Text mehr performt als vorgetragen.» Ihre Auftritte testet sie mit vier Mitschülern, die auch slammen, in der Klassenstunde.

Die Texte für die Schweizer Meisterschaft hat diese Runde schon vor längerer Zeit abgesegnet. Nun will sich June Stone vor allem mit einer Strategie gut vorbereiten: genug Schlaf. In den vergangenen Wochen waren ihre Tage lang und ausgefüllt. Im Stück «Die Troerinnen», das vom Theaterkurs des Gymnasiums Liestal im Hof des Antikenmuseums aufgeführt wurde, spielte die 18-Jährige die Königin von Troja. Gestern war die Derniere. Nun hat June Stone zwei Tage Pause, bevor sie sich auf die nächste Bühne ins Wortgefecht stürzt.