Er sei einzigartig, der Film «Die göttliche Ordnung», sagt Maya Graf zum Publikum. «Denn er zeigt ein wichtiges Stück Schweizer Geschichte, das sonst kaum thematisiert wird.» Als Co-Präsidentin von Alliance F, der Dachorganisation der Schweizer Frauenorganisationen, durfte sie an der Basler Vorpremiere des Films am Donnerstag die Gastgeberin spielen. Bei der Begrüssung leuchtet an Grafs linken Handgelenk ein pinkes «Amedysli» – ein Überbleibsel des Strick-Ins am Vortag: Zum Internationalen Tag der Frau setzten sich die Parlamentarier und Parlamentarierinnen im Bundeshaus sowie diverse Organisationen und Interessierte auf dem Bundesplatz am Mittwoch zusammen, um pinke Mützen zu stricken.

Die sogenannten «Pussy Hats» kamen letzten November zum Frauenmarsch in den USA auf. «Wir befinden uns in einer spannenden Zeit», sagt Graf. «Denn es gibt eine neue Frauen- und Männerbewegung, die sich dagegen wehrt, dass sich das Rad der Gleichstellung wieder zurückdreht und Sexismus wieder salonfähig wird.»

Die göttliche Ordnung - offizieller Trailer

Die göttliche Ordnung - offizieller Trailer

Film gibt zu Diskutieren

Der Ansturm an der Basler Vorpremiere war so gross, dass Graf freiwillig auf ihr Ticket verzichtete, um Platz für andere zu machen, und stattdessen im Vorraum wartete. Kein Ausdruck von mangelnder Begeisterung für den Film – als Co-Präsidentin von Alliance F hatte sie ihn auf der Vorpremieren-Tour bereits zweimal gesehen. Einmal davon an der Gala-Vorpremiere in Bern, welche Alliance F organisierte und dazu sowohl die alten Kämpferinnen für das Frauenstimmrecht wie die Parlamentarier einlud. «Am nächsten Tag sprachen im Bundeshaus alle über den Film und ihre Erfahrungen auf dem langen Weg zur gesetzlichen Gleichberechtigung von Mann und Frau», erzählte Graf am Donnerstagabend dem Premierenpublikum. «Ich hoffe, dass dieser Film viele solche Diskussionen anregen kann.»

Bei Hauptdarstellerin Marie Leuenberger hat der Film auf jeden Fall viel bewirkt. Das verriet sie im Gespräch mit Graf nach der Premiere. «Das arbeitet in mir», so die Baslerin. Ihr falle im Alltag jetzt viel öfter auf, wie sehr man in Rollenmustern gefangen sei. «Es braucht aktive Arbeit, diese zu durchbrechen.» Und sie betont auch: «Eine Befreiung der Frau ist auch eine Befreiung für den Mann.» Diesen Satz unterstreicht auch Graf: «Die Nöte und Zwänge der Männer werden im Film sehr gut aufgezeigt. Man sieht, wie auch die Männer unter den starren Rollenbildern leiden. Das ist eine Stärke dieses Films: Er klagt nicht an, er zeigt auf.»

Heute selbstverständlich

Graf konnte von «Die göttliche Ordnung» viel lernen, wie sie sagt. «Ich bin konsterniert, dass diese wichtige soziale Bewegung in der Schule einfach nicht vorkommt. Die Heldinnen dieses langen harten Kampfes kennt man nicht einmal.»

Selber war die Nationalrätin erst neun Jahre alt, als die Schweizer Frauen 1971 auf Bundesebene das Stimmrecht erhielten. Nicht nur wegen ihres Alters habe sie wohl keine Erinnerungen an diesen Tag. «In den Kantonen, wo die Frauen das kantonale Stimmrecht schon hatten, war der Befreiungsschlag natürlich weniger gross als im Appenzell, wo der Film spielt», sagt die 55-Jährige. Im Baselbiet dürfen die Frauen seit 1968 mitbestimmen. «Ich gehöre zur ersten Generation von Frauen, für die das Stimm- und Wahlrecht einfach selbstverständlich war.»

Viel Nachholbedarf

«Die göttliche Ordnung» ruft einem in Erinnerung, welch ein Kampf für dieses heute selbstverständliche Recht nötig war. Beklagen wir uns heute auf zu hohem Niveau? «Sagen wir so: Die gesetzliche Gleichstellung der Geschlechter ist in der Schweiz vollzogen. Aber bei der Umsetzung hapert es», so Graf. Zu den grössten Baustellen gehören für sie zurzeit die rund acht Prozent der Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen, die sich nicht statistisch erklären lassen, sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. «Da haben wir extremen Nachholbedarf, was auch die Äusserung einer Zuschauerinnen wieder zeigte.»

In der Diskussionsrunde nach dem Film hatte sich eine Frau gemeldet, deren Tochter eine junge Mutter ist: «Sie hat sich vorgenommen, eine moderne Familie zu gründen, und wird nun wieder in dieselben Rollenbilder gedrängt, gegen die wir schon kämpften.» Graf weiss: «Vor allem in der Arbeitswelt gibt es im Vergleich mit anderen Ländern noch viel Nachholbedarf. Sogar das WEF sagt, wenn die Schweiz so weiter mache, dauere es noch 80 Jahre, bis die Frauen an der Arbeitswelt gleichberechtigt teilhaben.»