Im Hintergrund

MCH-Präsident Ueli Vischer: Der Chrampfer aus der Oberklasse

Von seinem Büro hat Ueli Vischer einen guten Blick auf verschiedene Stationen in seinem Leben.

Ueli Vischer hat viel Macht. Daraus macht er sich wenig, denn die Arbeit stand für ihn immer im Vordergrund.

Zu wenigen Menschen passt das Pochettli so gut wie zu Ueli Vischer. Über das Ziertuch, auch Kavalierstuch genannt, schrieb die bekannte Modehistorikerin Ingrid Loschek einst: «Den Herrenschneidern war es darum zu tun, durch das Ziertuch einen neuen distinguierten, aber unauffälligen Akzent in der Herrenmode zu setzen, zumal das Grossbürgertum den Adel als in der Mode tonangebenden Stand ablöste.»

Jedes einzelne dieser Worte passt zu Ueli Vischer. Er trägt immer ein Pochettli. Zumindest wenn er öffentlich auftritt, und ein Mensch wie Ueli Vischer ist eigentlich immer öffentlich: Anwalt, Uniratspräsident, alt Regierungsrat, Zunftmeister, Verwaltungsratspräsident der Messe, neu sogar operativer Leiter.

Der 66-Jährige ist der Präsenteste der ehemaligen Basler Magistraten. Dabei ist Vischer als Person kaum Thema. Die Familie noch seltener. Er und seine Frau haben zwei Kinder adoptiert, weiss man. Eine Homestory vom Hause Vischer wird es nie geben, es existiert noch nicht einmal ein Porträt von jenem Mann, der seit Jahrzehnten Basel in unterschiedlichsten Formen mitprägt. Vielleicht müsste man schon sagen: prägte. Denn die Wirkzeit von Vischer neigt sich dem Ende zu. 2020 gibt er das Uniratspräsidium ab. Und ist ein neuer Messe-CEO gefunden, wird auch Vischer irgendwann zurücktreten.

«Allewyyl e Brioche»

Wenn über Vischer geredet wurde, dann über seine Machtfülle. Um die Kanzlei Vischer, die Basel aus dem Schatten lenken soll. Natürlich lässt sich diese Geschichte leicht schreiben, rein optisch bietet sich Vischer an für einen Vergleich mit Marlon Brando. Und da ist auch die Herkunft, der Daig, stets guter Stoff, um eine Geschichte zu stricken von Geld und Einfluss. Aber das würde Vischer nicht gerecht. Denn Vischer ist ein Arbeiter, der es nicht sein müsste. Ein Arbeiter der Oberklasse, wohlverstanden, aber ein Arbeiter.

«Y nimm allewyyl am Morge e Brioche und ha Iine drum au ains mitbrocht», leitet er das Gespräch ein. Allewyyl, Brioche – Vischer selbst füttert das Klischee eines Daiglers. Doch im längeren Gespräch verändert sich seine Sprache, er wird redselig, fast locker, sagt «Gwünne» und nicht «Gwinne» zum Siegen.

Siege kennt Ueli Vischer. Schon früh begeistert er sich für den Sport, es ist sein Lieblingsfach im Humanistischen Gymnasium. «Ich war kein brillanter Schüler», sagt er. Aber ein ausgezeichneter Sportler: Handball, Basketball, später Fussball, Tennis, jetzt Mountainbike. Der Wettkampf, möglichst im Team, liegt dem Ehrgeizigen. Noch als Schüler half er als Turnlehrer bei den Jüngeren aus. Ein Nebenjob, den er während der Studizeit beibehielt.

Die Alma Mater ist Vischer inzwischen lieb und teuer. Als langjähriger Uniratspräsident ist er mitverantwortlich für deren gestiegene Bedeutung im vergangenen Jahrzehnt. Seine eigene Ausbildung dort war hingegen ein Gastspiel von minimaler Dauer: In vier Jahren preschte Vischer durch die Jurisprudenz. Daneben blieb ihm Zeit für die Rekruten-, die Unteroffiziers- und Offiziersschule sowie eine Anstellung als Nachtportier im Hotel Schweizerhof. «Das wäre heute nicht mehr möglich», sagt er, der die Uni für Bologna fitgetrimmt hat. Er weiss auch, dass die Bedingungen für Jus-Studierende heute schwieriger sind als früher. Er hat damals nicht mit «Summa cum laude» abgeschlossen. Heute achtet er sehr auf die Note, wenn er Leute in der Kanzlei anstellt.

Bis zur Ohnmacht

Seinen Angestellten verlangt Vischer alles ab, das weiss er selbst. Das war speziell zu seiner Zeit als Finanzdirektor so. Den Beamten lebte er sein Arbeitsethos vor, zehn, vierzehn, manchmal sechzehn Stunden am Tag verbrachte er am Fischmarkt. Als er 1996 präsentieren wollte, wie die Informatikabteilung auszulagern sei, wurde er einmal ohnmächtig. Er hatte zu wenig gegessen und getrunken. «Man musste ihn dann von der Arbeit fernhalten», sagen Leute über diesen Zwischenfall. «Es ist allgemeine Erkenntnis, dass der Mensch zum Arbeiten da ist», fasst Vischer seine Maxime zusammen.

Für einen, der alles hat, ist Arbeit Selbstzweck, gleichzeitig Sinn und Privileg. Objektiv ist es für den Spardirektor von 1992 bis 2004 keine schöne Zeit, nur selten konnte er schwarze Zahlen präsentieren. Meist bewegte sich die Staatsrechnung im Farbspektrum von Zartrosa bis Bordeauxrot. Vischer reagierte mit rigiden Kürzungen beim Staatspersonal und machte sich zum Feindbild der Linken. Sie reagierten mit Streiks und Demos. Als Vischers Departement mit heiklen Derivatsgeschäften die Pension der Beamten riskierte, drohte zwischenzeitlich die Eskalation.

Allergisch auf Arroganz

Seine ärgsten politischen Widersacher sind noch heute voll des Lobes über den Stil des Finanzdirektors. «Er begegnet allen auf Augenhöhe, mit aufrichtigem Anstand», sagt Urs Müller von der Basta. Das zeigte sich auch in Vischers Engagement als Verwaltungsratspräsident der Messe. Als CEO René Kamm mit grosser Arroganz auf Dumping-Vorwürfe auf der Messebaustelle reagierte, nahm Vischer ihn ins zweite Glied. Überheblichkeit ist Vischer völlig zuwider, das Basler Understatement trägt er nobel wie sein Einstecktuch. Als die Geschäftsleitung der neuen UBS den alleinigen Hauptsitz in Zürich reklamierte, unterstellte er dieser in corpore «Zürcher Arroganz» und wehrte sich für den Standort am Bankverein, heute vis-à-vis der Kanzlei Vischer, die ihrerseits den Hauptsitz in Zürich hat.

Urs Müller kennt Vischer seit Jugendzeiten, als sie gemeinsam in der Handball-Auswahl spielten. «Er ist geblieben wie damals auf dem Platz, fair und zurückhaltend.» Fairness und Zurückhaltung: Dazu mahnte er sogar während der Fasnacht. Auch bei der Satire höre der Spass in der Diskriminierung auf. 1997 gesagt, so aktuell wie kaum zuvor.

Die grossen Brüche sucht man in der Vita des Ueli Vischer vergebens, Niederlagen sind keine und schlimmstenfalls nimmt er sie sportlich. Etwa, als er 1991 wegen 34 Stimmen nicht Ständerat wurde? «Es war ein ausgezeichnetes Resultat.» Oder als er in Italien wegen Baloise-Querelen vor Gericht stand? Endet im Vergleich. Auch die jetzige Debatte um die Messe wird ihm wenig anhaben. Jetzt löst er sogar Showman Kamm interimistisch als CEO ab.
Ueli Vischer wird wie gewohnt den Ton angeben: Als distinguierter Kavalier setzt er seine Akzente aus dem Hintergrund.

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