Herr Vischer, wann begann es sich abzuzeichnen, dass die Baselworld 2018 nur noch halb so viele Aussteller haben wird?

Ueli Vischer: Die Nachfrage für die kommende Messe zeichnet sich jeweils bei der vorhergehenden ab. 2017 war das Umfeld für die Uhren- und Schmuckmesse sehr schlecht und die Messe lief nicht gut, was zu den notwendigen Anpassungen 2018 geführt hat. Heute ist es umgekehrt: Es sind etwa gleich viele Besucher wie 2017 gekommen, die sich entsprechend auf halb so viele Aussteller konzentriert haben. Und diese waren sehr zufrieden.

Ist der Planungshorizont im Messegeschäft kürzer geworden?

Als wir 2013 mit dem Neubau an den Start gingen, hatten die Aussteller ihrerseits Stände für eine halbe Milliarde Franken gebaut. Das war mehr, als wir in den Neubau investiert hatten. Und diese Aussteller haben damals das Geld nicht nur für ein Jahr investiert, sondern vielleicht für zehn Jahre. Und nach drei oder vier Jahren mussten sie feststellen, dass alles ganz anders ist. Ja, auch sie, die Fachleute, die den Markt ausmachen, wurden überrascht. Es ist tatsächlich so: Das Geschäft ist kurzfristiger geworden, und auch Insider wissen nicht, was in fünf Jahren ist.

Dennoch: Sie haben schon im Geschäftsbericht 2015 geschrieben, dass sich der Markt grundlegend ändern würde. Hätten Sie nicht doch schon früher reagieren müssen und etwa die Standmieten nach unten anpassen?

Ich sage nicht, dass man nicht das eine oder andere hätte besser machen können. Was die Kosten der Aussteller betrifft: Diese sind überwiegend bedingt durch Ausgaben, die nicht uns als Veranstalter zugutekommen. Oder extrem formuliert: Selbst wenn wir keine Hallenmiete verlangen würden, hätten die Aussteller immer noch hohe Kosten, und das Problem wäre nicht vom Tisch. Unsere Kosten waren nicht ausschlaggebend für das, was passiert ist.

Und was ist passiert, ökonomisch gesehen?

Um die Situation zu verstehen, muss man sich bewusst sein, welche Rolle die Baselworld für die Uhren- und Schmuckbranche spielt. Sie ist eine «Handelsfachmesse» für eine Branche, welche auf den individuellen Endkonsumenten ausgerichtet ist. Die Wege zum Endkonsumenten führen heute aber nicht mehr ausschliesslich – und zukünftig wohl noch weniger – über den neutralen Fachhandel, wie das in den letzten Jahrzehnten der Fall gewesen ist. Gründe dafür sind unter anderem neue, digitale Vertriebskanäle. Hinzu kommen Absatzprobleme, mit den viele – vor allem nicht global präsente Unternehmen – seit Mitte 2015 zu kämpfen haben. Seither verändert sich der globale Uhren- und Schmuckmarkt grundlegend. Sowohl in der Produktion wie auch im Fachhandel findet eine starke Konsolidierung und Konzentration statt – oder anders gesagt: Es gibt schlichtweg weniger potenzielle Aussteller und Besucher.

Die Baselworld liess den Anschein erwecken, dass sie mit dem kleineren Format gar nicht so unglücklich ist. Fakt ist aber, dass der Einbruch ziemlich dramatisch ausgefallen ist.

Blenden wir zurück. Vor einigen Jahren hatten wir noch über 2000 Aussteller. Dann wurde die Ausstellerzahl aus Qualitätsgründen bewusst auf 1500 reduziert, dies in Zusammenarbeit mit dem Ausstellerkomitee, in dem die grossen Firmen vertreten sind. Die jetzige Konzentration auf die marktbestimmenden Unternehmen hat ohne Zweifel Vorteile, aber als Unternehmen finden wir es natürlich auch schade, dass unsere Hallen nicht voll sind. Das ist ein Dilemma. Wir werden versuchen, gewisse Aussteller wieder zurückzuholen, indem wir die Plattform in bestimmten Sektoren anpassen wollen, um andere Möglichkeiten der Präsentation zu bieten.

Jetzt kann die neue, vor fünf Jahren eingeweihte Halle 1 nicht so genutzt werden, wie eigentlich vorgesehen war. Eine Planungsruine?

Nein. Die ehemalige Halle 3, die mit dem Parkhaus verbunden war, stammte aus den 60er-Jahren. Diese wurde von den Ausstellern nicht mehr akzeptiert, weshalb wir sie ersetzen mussten. Und die Aussteller der Baselworld wünschten sich einen prestigeträchtigen Bau. Wir haben heute eine erstklassige Messeinfrastruktur, in der wir viele andere Messen durchführen können. Denken Sie an die Swissbau, Ineltec, Ilmac oder die Art Basel. Letztere ist nicht zuletzt auch wegen der Attraktivität des Messestandorts Basel die Nummer eins weltweit. Sicher ist: Wir hätten in jedem Fall modernisieren müssen.

Angesichts rückläufiger Messen wie
der Baselworld: Setzen Sie künftig
noch stärker auf das Auslandsgeschäft?

Dieser Zusammenhang ist so nicht richtig. Wir haben mit der Diversifizierung schon vor zehn Jahren angefangen, weil wir davon ausgehen mussten, dass sich das traditionelle Messewesen je nach Branche stark verändern wird und das Wachstumspotenzial in der Schweiz beschränkt ist. Bei der Baselworld hat jetzt eine fundamentale Veränderung eingesetzt, bei anderen Konsumgütermessen schon früher – denken sie an die Muba. Bei ihr spielt vor allem das stark veränderte Konsumverhalten eine entscheidende Rolle. Wenn Konsumenten ausbleiben, kommen auch die Aussteller nicht mehr.

Wenn Sie noch stärker im Ausland wachsen wollen, kommt Ihnen da nicht die hohe Beteiligung der
öffentlichen Hand, der Kantone,
in die Quere?

Das ist eine Frage, welche die Aktionäre beantworten müssen. Natürlich diskutieren wir diese Frage mit den Vertretern der Kantone Basel-Stadt, Baselland und Zürich sowie der Stadt Zürich auch im Verwaltungsrat regelmässig. Bis jetzt haben die Vertreter der öffentlichen Hand ihre Beteiligung stets als «Win-win»-Situation beurteilt und an ihrer Beteiligung festgehalten.

Aber ist dies aus Sicht des Unternehmens noch zeitgemäss, dass sich 49 Prozent aller Aktien in staatlicher Hand befinden?

Die Zusammensetzung des Aktionariats war bisher sehr erfolgreich. Der Schweizer Anteil unseres Geschäfts soll an den jeweiligen Standorten Wertschöpfung erzielen; das ist der Grund für diese Beteiligungen. Es ist nach wie vor ein wichtiges Ziel der MCH Group, die Verpflichtung gegenüber ihren Standorten wahrzunehmen. Wir bemühen uns auch, neue Messen in der Schweiz zu lancieren. Ein Beispiel ist die Grand Basel, an der wertvolle Automobile ausgestellt werden. Zudem ist die Art Basel nach wie vor eine sehr wichtige Messe, gerade auch für Basel.

Sie werden Ende dieses Jahres 67 Jahre alt. Da stellt sich die Frage, wann Sie sich zurückziehen wollen.

Ich stelle mir diese Frage regelmässig, da der Verwaltungsrat jährlich wiedergewählt wird. Für die kommende Generalversammlung im Mai stelle ich mich wieder zur Wahl. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Aber im Alter von 70 ist Schluss?

Ja, das ist so im Organisationsreglement festgehalten.

Ist die operative Führung für die künftigen Herausforderungen gut aufgestellt?

Ja. Firmenchef René Kamm und das ganze Team haben gerade im Rahmen der Baselworld in einer schwierigen Situation einen guten Job gemacht. Ich denke etwa an die heiklen Gespräche mit den Ausstellern, die zumeist erfolgreich liefen. Allerdings muss ich einschränken, dass unser Management keinen Einfluss auf die Marktentwicklung nehmen kann. Auch bei der Umsetzung der Diversifikationsstrategie leistet das Management hervorragende Arbeit.