Fasnacht

«Me het e Blaggedde» – diese Plättchen prägen die Fasnacht

Seit 108 Jahren fungiert sie als Eintrittsbillett für die Basler Fasnacht: die Blaggedde. Wir zeigen die schönsten und seltensten – und wie sie seit 80 Jahren im selben Basler Unternehmen, der René F. Müller AG, hergestellt werden.

«Me het e Blaggedde»: Wenn die Basler Fasnacht in ein bisschen mehr als einer Woche die Stadt drei Tage lang ausser Atem hält, gehört es zum guten Ton, sie zu tragen. Mehr noch: Die Fasnachtsplakette, für alle sichtbar am Revers des Mantels angesteckt, ist das Eintrittsbillett für den Grossanlass. Und dies bereits seit 108 Jahren.

1911 kam die Ueli-Nadel, das «Nöödeli», heraus. Ein Jahr zuvor wurde auf Initiative des Verkehrsbüros Basel-Stadt das Fasnachts-Comité gegründet. Oberstes Ziel dabei war, die finanziellen Mittel sicherzustellen; man entschied sich für den Verkauf eines offiziellen Abzeichens. Davor waren Mitglieder der Vereine Quodlibet und Wurzengraber-Kämmerli dafür verantwortlich, Geld für das fasnächtliche Treiben einzuziehen. Man hört, das sei zuweilen eine raue Sache gewesen. «Jedenfalls ging es ziemlich unorganisiert und wild vonstatten», sagt Mike Müller.

Der 27-Jährige ist ein Experte, was Plaketten angeht. Mehr noch: Sie sind sein Beruf. Seit 2017 leitet er in vierter Generation die Geschäfte der René F. Müller AG an der Belchenstrasse in Basel. Das Familienunternehmen stellt seit 80 Jahren im Auftrag des Comités die Basler Fasnachtsplakette her. Dies jeweils bis zum Freitag vor dem Morgestraich, teils maschinell, teils noch von Hand, als eine der letzten Firmen in der Schweiz.

«Rund 90 Prozent der Produktionsschritte finden vor Ort statt. Und der Herstellungsprozess hat sich seit den 1950er-Jahren nicht massgeblich verändert. Teilweise stehen noch Maschinen aus der Zeit meines Urgrossvaters im Einsatz», sagt Müller. Heute stellt sein Unternehmen zehn Varianten der Basler Fasnachtsplakette her: Fünf für die Öffentlichkeit, drei für die Fasnachtsformationen – die Zugsplaketten–, das Mini-Comité für aktive Mitglieder und Ehrenmitglieder, das vor der Fasnacht angesteckt wird, und die Comité-Plakette während der drey scheenschte Dääg.

Geprägt, nicht gegossen

Nicht nur in Basel, auch für die Fasnacht im Baselbiet, etwa in Pratteln, zeichnet die René F. Müller AG für die Herstellung vieler Plaketten verantwortlich. Und darüber hinaus, «schweizweit bis nach Sion», sagt Müller. Auch internationale Aufträge gibt es, zum Beispiel aus Schweden oder aus Griechenland. 70 Prozent des Jahresumsatzes entfallen auf die Produktion von Fasnachtsplaketten. Daneben entstehen auch Medaillen, etwa für den Stadtlauf. Oder Pins für Firmenevents, Namensschilder für Briefkästen.

Über Aufträge könne er sich tatsächlich nicht beklagen, sagt Müller. Mehr Sorgen macht ihm die Frage nach den Angestellten: Insgesamt vier Graveure arbeiten in seinem Unternehmen – und gute Graveure sind heute selten zu finden. Vor allem solche, welche die Gipsmodelle für die Plaketten von Hand ausarbeiten können. «Das braucht eine Riesengeduld, es stecken bis zu 60 Stunden Arbeit drin», sagt Müller. Warum setzt er nicht auf computergesteuerte Produktionsmöglichkeiten? «Die Erfahrungen haben gezeigt, dass das Resultat nicht unbedingt besser ist.»

Was viele nicht wissen: Die Plakette wird im Hause Müller nicht gegossen. Die Kupferplättchen werden maschinell mit dem jeweiligen Motiv geprägt, ausgestanzt und danach versilbert oder vergoldet. Die «Silbrige» und «Kupfrige» werden zudem noch eingeschwärzt und danach gebürstet, damit sie eine schöne Patina erhalten.

Der weite Weg von der Zeichnung zur Basler Fasnachtplakette

Im Video wird gerade die letztjährige Fasnachts-Blaggedde hergestellt.

Die Sammler sterben weg

Hanspeter Wälle kannte noch den Grossvater von Mike Müller. Der 85-Jährige gehört zu den passioniertesten Sammlern der Basler Fasnachtsplakette. Er besitzt sie alle, auch die vergoldete «Underem Stahlhelm» von 1940. Davon existieren gerade mal 28 Exemplare, «vier davon sind verschwunden», sagt Wälle. Diese habe einen Wert von rund 10'000 Franken.

«Allerdings wird heute weit weniger für eine Plakette bezahlt als früher. Die wahren Sammler sterben weg, und die Jungen können sich nicht so dafür begeistern, leider», stellt Wälle fest. Entsprechend würde für viele Plaketten kaum mehr etwas bezahlt, ausser für den Kriegssatz, weil dieser in kleinen Auflagen hergestellt wurde: Die Strassenfasnacht war während des Zweiten Weltkriegs verboten, es herrschte Rohstoffknappheit. Da Kupfer unendlich teuer war, wurden viele Plaketten aus Zink hergestellt. Zu den begehrtesten zählt auch die allererste, die Ueli-Nadel.

Wälle selbst sammelte schon als kleiner Bub, erzählt er. Komplettiert hat er die Sammlung an den zahlreichen Plakettenbörsen, die er in den 1960er- und 1970er-Jahren in diversen Lokalen, etwa dem Restaurant Salmen beim Spalentor oder dem «Grünen Heinrich» in der Sattelgasse, mitorganisierte. Heute verkauft der smarte Rentner noch einmal die Woche, im Laden seiner Frau an der Wettsteinallee, jeweils freitags am Nachmittag. Allerdings nehme er nur ganz seltene Stücke an, betont Wälle.

Seine Lieblingsplakette sei jene von 1933, seinem Geburtsjahr. Sie zeigt das «Junteressli». Nicht aussergewöhnlich: Zu Beginn wurden auf den Plaketten stets verschiedene Aspekte der Fasnacht sowie deren Figuren und Formationen abgebildet, etwa der Dummpeter (1914), die alti Dante (1921) oder das Zyschtigszigli (1932).

Krieg, Fusion, Wirtschaftskrise

Erst mit der Zeit, als es auf den Zweiten Weltkrieg zuging, gerieten die Abbildungen politischer, die Aussagen und die Sujets vielschichtiger. Die Plaketten fanden eine weitere Bestimmung: Nebst der Tatsache, dass sie die Finanzierung der Fasnacht sicherstellen, spiegeln sie jeweils das Zeitgeschehen wider. «Je schwieriger die Zeiten, desto besser die Sujets», sagt Felix Rudolf von Rohr, langjähriger Obmann des Fasnachts-Comités.

Die Fasnacht habe dann Biss, wenn es Biss brauche, findet Rudolf von Rohr. Die Kriegsplaketten seien ein gutes Beispiel dafür, etwa jene aus dem Jahr 1944 von Ernst Keiser, dem Vater des Autors und Kabarettisten Ces Keiser. Ein Tambour lugt mit halb ängstlichem, halb hoffnungsvollem Blick gen Himmel: «S besseret». Dürfen die Fasnächtler wieder ausspielen? Der Tambour musste sich noch zwei Jahre gedulden.

Von Rudolf von Rohr auch hervorgehoben werden die Jahre 1997, Sujet: «Zämme in d Hoose», und 1998, «Mer strample». Sie spielen die Fusion der Unternehmen Ciba-Geigy und Sandoz zu Novartis sowie die Wirtschaftskrise an. Eine der poetischsten Plaketten, so Rudolf von Rohr, sei für ihn aber «Mir kemme uff d Wält!» aus dem Jahr 2000. «Eine Plakette muss wie gesagt entweder den Zeitgeist treffen oder auf eine gute gestalterische Art den Geist oder ein Thema der Fasnacht zeigen.»

Aus seiner Sicht sei dem diesjährigen Plakettenkünstler Tarek Moussalli mit dem Entwurf «Bis zletscht», der das Ende der Muba und erstmals überhaupt den Ändstraich auf einer Plakette thematisiert, gleich beides gelungen. Auch wir finden: Sie macht sich am Revers des Mantels besonders gut.

   

Wollen Sie mehr erfahren? Das Buch «Geschichte der Basler Fasnachtsplaketten» von Markus Jeanneret, erschienen im Reinhardt Verlag 2010, gibt einen umfassenden Einblick. ww.reinhardt.ch

Autorin

Rahel Koerfgen

Rahel  Koerfgen

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