Altersschwach
Medikamente, Chemikalien, Tampons in der Kanalisation – die Basler Kläranlage muss erneuert werden

Was wir täglich in die Kanalisation spülen, gefährdet unsere Gewässer massiv – die neue Reinigungs-Anlage muss das ausbaden können.

Alice Guldimann
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Ein Einblick in die 35-jährige Abwasserreinigungs-Anlage.
11 Bilder
Das Nachklärbecken bietet einen erstaunlich schönen Anblick.
Die Spiral-Pumpen befördern das Abwasser zehn Meter nach oben.
ARA Basel
Sandfang
Die Rechen
Vorklärbecken
Die Schlammverbrennung, die vorläufig bestehen bleibt.
Ein Teil der biologischen Reinigungsanlage.
«Betriebsausfälle sind ausgeschlossen – die neuen Anlagen werden erst dann in Betrieb genommen, wenn sie wirklich funktionieren.» Alain Zaessinger, Geschäftsführer ARA Basel.

Ein Einblick in die 35-jährige Abwasserreinigungs-Anlage.

Kenneth Nars

Unter lautem Rauschen befördern spiralförmige Pumpen die braune Brühe nach oben. Durch die Eingangspforte der Abwasserreinigungsanlage (ARA) Basel, die im Hafenareal liegt, fliesst all das, was durch Basels Toiletten gespült wurde. Ein entsprechender Gestank erfüllt den zehn Meter hohen Raum.

Schnell führt Geschäftsführer Alain Zaessinger den Rundgang fort, zur nächsten Station, wo Rechen täglich mehr als zwei Tonnen Papier und andere Feststoffe aus dem Abwasser fischen. «Beim Pumpwerk strandet auch der eine oder andere Frosch, den unsere Mitarbeiter herausfischen und wieder aussetzen», erzählt Zaessinger.

Gefährliche Spurenstoffe

Täglich landet in der ARA, was eigentlich nicht dorthin gehört. Feuchttücher, Tampons und Wattestäbchen sind für die Anlage eine Mühsal. Sie können Leitungen und Pumpen verstopfen und so den Betrieb beeinträchtigen. Doch aus unseren Badezimmern, Waschräumen und Küchen gelangen viel mehr Stoffe in die Kanalisation, als wir überhaupt wahrnehmen.
Wir waschen uns die Haare mit Shampoo, putzen die Küche mit starken Reinigungsmitteln, nehmen Medikamente. All diese Stoffe gelangen direkt oder durch Ausscheidungen in die Abwasserreinigungsanlage. Ein grosser Teil davon fliesst wieder in den Rhein.

Die Spurenstoffe werden auch Mikroverunreinigungen genannt. Es gibt unzählige davon und rund 40 Prozent stammen aus dem täglichen Haushalts-Gebrauch. Aline Meier vom Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute erklärt: «Der Cocktail ist das Problem.» Die Verschmutzung der Gewässer mit Spurenstoffen sei angestiegen, vor allem durch die gestiegene Bevölkerungsdichte und erhöhten Chemikalien-Gebrauch, so Meier. «Auch hat man erst durch neuere Analyseverfahren herausgefunden, wie stark die Belastung durch Mikroverunreinigungen tatsächlich ist.»

Untersuchungen in Flüssen ergaben Erschreckendes: Unterhalb der Stelle, wo das gereinigte Abwasser einfliesst, haben männliche Fische zunehmend weibliche Eigenschaften. Grund sind Östrogene, die unter anderem aus Verhütungsmitteln über Urin ins Abwasser gelangen. Auch das Schmerzmittel Diclofenac ist für Fische pures Gift. Ein halbes Mikrogramm pro Liter Wasser führe bei Forellen zu Nierenschäden, schreibt das Bundesamt für Umwelt auf seiner Website.

ARA haben keine Chance

«Die heutigen ARA können höchstens zwanzig bis vierzig Prozent der Spurenstoffe entfernen», erklärt Aline Meier. Die «Biologie», die zweite Stufe der Abwasserreinigung, macht sich die natürliche Selbstreinigung des Wassers durch Bakterien zunutze. «Diese Verfahren reichen aber nicht mehr aus», so Meier. Mit dem neuen Gewässerschutzgesetz aus dem Jahr 2016 will der Bund nun die Belastung der Schweizer Gewässer durch Mikroverunreinigungen halbieren. Bis zu 130 ARA im ganzen Land müssen bis 2040 eine neue Reinigungsstufe einbauen, die die problematischen Stoffe aus dem Abwasser entfernt.

Auch die ARA Basel muss sich erneuern. Die 36-jährige Anlage stösst an ihre Kapazitätsgrenzen. 268'000 Einwohner sind an sie angeschlossen. Das Schweizer Einzugsgebiet reicht von Riehen bis Oberwil, dazu kommen zwei deutsche Gemeinden und eine französische. Auch Industrie- und Gewerbeabwasser, die der Menge von 206'000 Einwohnern entsprechen, fliessen durch die Anlage. Die ARA muss deshalb komplett saniert und auf den Stand der Technik gebracht werden. Kostenpunkt gemäss dem Regierungs-Ratschlag: 282,3 Millionen Franken. 234,6 Millionen bezahlt Basel-Stadt, 47,6 Millionen Baselland.

Neben einer Reinigungsstufe für Mikroverunreinigungen soll auch die biologische Reinigung um eine Stickstoffelimination ausgebaut werden. Ebenso geplant ist eine Schlammfaulung. «Die entstehenden Biogase könnten dann zum Beispiel ins städtische Gasnetz eingespeist werden», erklärt Geschäftsführer Alain Zaessinger.

Vorbereitungen Ende Jahr

Zurzeit beraten die parlamentarischen Kommissionen das Projekt. Wenn bis Ende Jahr ein Parlamentsentscheid vorliegt, soll die Bauvorbereitung bereits im November oder Dezember 2018 beginnen.

Dass der Betrieb trotz Umbau weiterlaufen kann, verdankt die Stadt einem Stück Reserve-Land unmittelbar neben der Anlage. «So kann parallel gebaut werden. Die neu erstellten Anlagen werden erst dann in Betrieb genommen, wenn sie wirklich funktionieren», erklärt Alain Zaessinger.

So seien Betriebsausfälle ausgeschlossen, versichert er auf dem Weg zur letzten Station des ARA-Rundgangs. Das Nachklärbecken bietet mit seinem goldenen Kuppeldach einen eindrücklichen Anblick. Doch auch das Nachklärbecken muss neuer Technik weichen. Denn die ARA muss künftig all das ausgleichen können, was wir unseren Gewässern täglich zumuten.

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