Journalismus
«Meh Dräck» – auch im Basler Journalismus

Verschiedene Mitglieder der Basler Regierung mussten in letzter Zeit medial einiges einstecken. Eine inszenierte Schlammschlacht, findet Roland Stark in seinem Gastbeitrag.

Roland Stark
Merken
Drucken
Teilen
Roland Strak

Roland Strak

Kenneth Nars

Vielleicht waren es wirklich nur die verlockenden Heilsversprechen der Wellness-Industrie, die die «Basler Zeitung» im vergangenen Jahr bewogen hat, einige Politikerinnen und Politiker mit Dreck zu bewerfen. Schlammbäder enthalten bekanntlich entzündungshemmende Substanzen, das Immunsystem wird positiv beeinflusst und der Stoffwechsel wird angeregt. Sogar auf das Nervenkostüm und den Hormonhaushalt entfaltet der Schlamm erstaunliche Wirkungen. Ein wahrer Segen für jedes hart arbeitende Regierungsmitglied.

Zur Person

Roland Stark (SP) ist Lehrer an der Basler Orientierungsschule und war 2008/2009 Grossratspräsident.

Eymann, Herzog und Brutschin im Visier

Zuerst traf es den Vorsteher des Basler Erziehungsdepartements. Aus einer Fülle von dubiosen Dokumenten und anonymen Rundschreiben wurde ein reisserischer Fortsetzungsroman gebastelt und dem staunenden Publikum kurz vor den Wahlen in handlichen Häppchen serviert. Der integre Christoph Eymann verwandelte sich in wenigen Wochen in einen Politiker mit zweifelhaftem, wenn nicht sogar kriminellem Charakter. Zwar blieb nach den Abklärungen der Staatsanwaltschaft von den Vorwürfen rein gar nichts übrig, der gute Ruf hatte aber durch die Schlammbehandlung der BaZ nachhaltig Schaden genommen. Bei den Regierungsratswahlen schaffte Christoph Eymann das absolute Mehr im ersten Wahlgang nur sehr knapp. Auf eine Entschuldigung der «Basler Zeitung» wartet die Öffentlichkeit bis heute vergeblich.

Noch schlimmer erging es den Regierungsratsmitgliedern Eva Herzog und Christoph Brutschin. Ihnen spendierte das Blatt am Aeschenplatz ein Schlammbad de luxe. Der journalistische Dreckeimer wurde als exklusives Weihnachtsgeschenk direkt unter deren festlichen Tannenbaum gekippt. Das von Michael Bahnerth verfasste, von der Redaktionsleitung abgesegnete und von Chefredaktor Markus Somm ausdrücklich gelobte Porträt der Finanzdirektorin war keine «Annäherung», sondern schlicht und ergreifend eine beispiellose persönliche Beschimpfung und Beleidigung. Das widerliche Machwerk strotzt vor primitiven sexistischen Unterstellungen und Fantasien. Der Journalist hatte, so unerbittlich hart muss man es in den Worten des Kritikers Alfred Polgar ausdrücken, die offensichtlichen «Mängel seines Talents durch Defekte des Charakters auszugleichen» versucht. Allerdings ohne Erfolg.

Keine Selbstkritik

Auch in diesem Fall fehlt bis heute eine Entschuldigung. Selbstkritik oder gar Einsicht haben in Markus Somms und Raphael Suters Revier keinen Platz. Sogar eine kritische Intervention von Verleger und FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger wurde von der Zeitung kaltschnäuzig missachtet.

Selbstverständlich leiden unter der Hetze in allererster Linie die Angegriffenen selbst. Offenbar können sich die Schreiberlinge am Aeschenplatz aber nicht vorstellen, welche Verletzungen auch den Familien und Freunden zugefügt werden. Politiker, vor allem aber Politikerinnen (Micheline Calmy-Rey lässt grüssen) verenden bei den Boulevardconférenciers der BaZ häufig am untersten Ende der journalistischen Nahrungskette. Von einem handzahmen Wohlfühlservice, wie ihn Fussballer, Tennisspieler, angeschlagene Messedirektoren oder andere Mitesser der Basler Chlöpfer-Prominenz fast täglich und in epischer Breite geniessen, können sie nur träumen.

«Wie der Herr, so das Gscherr» sagt der Volksmund. Die übelsten Schmähtiraden gegen die «Classe politique» stammen von einem altbekannten Autor: Christoph Blocher, abgewählter Bundesrat und nach Aussage des neuen CEO Rolf Bollmann tatsächlicher Herrscher über die Basler Zeitung. Der Schlossbesitzer aus Rhäzüns hat es zur Meisterschaft gebracht, Politikerinnen und Politiker verächtlich zu machen und durch den Dreck zu ziehen. Sie wurden von ihm regelmässig, in den Worten des ehemaligen Grossratspräsidenten Bernhard Christ (LDP), «mit dem Parfüm eines korrupten Klüngels bestäubt». Nun besitzt der Nationalrat für sein Hobby eine eigene publizistische Plattform.

Es ist Christoph Blocher und seinen journalistischen Schleppenträger offenbar völlig Wurst, dass unter diesen Umständen qualifizierte und motivierte Frauen und Männer für öffentliche Ämter immer schwieriger zu finden sind. Die peinlichen Artikel sind deshalb mehr als «nur» persönliche Verunglimpfungen einzelner Magistraten. Sie sind ein Angriff auf die Grundwerte unserer direkten Demokratie. Sie sind im wahrsten Sinne unschweizerisch.