Kaserne Basel

Mehr als ein Hype: Black Sea Dahus intimes Lagerfeuer-Konzert in der Kaserne

Black Sea Dahu bewiesen mit einem intimen Konzert in der ausverkauften Kaserne, dass sie mehr sind als ein Hype.

Eddie muss auf die Bühne. Der klobige Hometrainer ist im ausverkauften Rossstall der Basler Kaserne nur im Weg. Während die Zuschauer dicht an dicht stehen, nimmt die Brockenhaus-Deko vor dem Bühnenrand wertvollen Platz weg. Also entfernt Perkussionist und Cellist Simon Cathrein nach dem ersten Song von Black Sea Dahu das in die Jahre gekommene Spinning-Velo, und seine Schwester Vera (Bass/ Gitarre/ Backings) überbrückt die Pause mit einer Ansage, in der sie das Gerät spontan Eduard tauft.

Es ist ein unverkrampfter Moment, in dem das Zürcher Sextett am Sonntagabend Nähe zum Publikum aufbaut. Diese «Rochade» sei wichtig, schaltet sich nun auch Frontfrau Janine Cathrein ein – sie steht sowohl auf der Bühne als auch in der Altersstaffelung der drei Geschwister in der Mitte.

Einnehmendes Kopfkino und ausufernde Ansagen

Man muss lange auf den zweiten Song warten. Bis «Take Stock Of What I Have» erklingt, ist die Wirkung des eröffnenden «No Fire In The Sand» verklungen. Dabei leben die Arrangements von Black Sea Dahu sehr von Stimmungen und Klangfarben. Mehrfach gelingt es der beherrscht agierenden Band, ihre Lieder in einnehmendes Kopfkino zu verwandeln. Genau so oft holen die mitteilungsfreudigen Musiker die Zuschauer mit ausufernden Ansagen wieder in die Realität zurück.

Wenn Black Sea Dahu ihre Texte mit wissenschaftlichen Details untermauern, wenn sie erklären, welches Bandmitglied abseits der Bühne den Bus steuert, die T-Shirts bedruckt oder die Socialmedia-Kanäle bewirtschaftet, wenn sie aus einem Gedichtband einen Merksatz zum Vorlesen aussuchen, wenn sie auslosen, wer die nächste Ansage machen soll, wenn sie doppelt und zweisprachig auf das Diesel-Kässeli beim Merch-Stand hinweisen, dann tun sie ihrer Musik und der Dramaturgie des 80-minütigen Konzerts keinen Gefallen.

Das ist sehr schade, denn Black Sea Dahu sind aktuell einer der spannendsten Schweizer Acts mit Mainstream-Potential. Mit «My Dear» beweist die Band, dass sich Eigenständigkeit durchaus mit Radiotauglichkeit verträgt. Schlicht grandios gerät am Sonntag die ebenso gewagte wie gekonnte Version von «Guinnevere» (im Original von Crosby, Stills & Nash), die für eine Woodstock-Doku auf 3Sat entstanden ist.

Wie packend das Konzert ohne Ansagen sein könnte, zeigt sich im nahtlosen Übergang zwischen «The Core» und «Thaw»: Keyboarder Ramon Ziegler manipuliert ein Spulentonband, die übrigen Instrumente steigen ein, und aus der psychedelischen Klangmalerei erwächst das nächste Lied.

Erst ganz am Ende des Basler Gastspiels gelingt Black Sea Dahu der Spagat zwischen Publikumsanimation und Songtreue: In «How You Swallowed Your Anger» bittet Janine Cathrein die Zuschauer, die Schlussmelodie mitzusummen, während die Instrumente langsam verstummen. Und plötzlich fühlt man sich, als ob man mit der Band im Kreis um ein Lagerfeuer sitzt. Das wärmt mehr als ein Training auf Eddie, dem Spinning-Velo.
Stefan Strittmatter

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