Der Valentinstag ist heutzutage nicht gerade ein Reigen der Romantik. Rote Rosen, Plastikherzen, Plüschtiere – der 14. Februar steht mehr im Zeichen schmalziger Produkte als edler Liebe. Was nicht weiter erstaunlich ist, schliesslich sollen ihn die Blumenverkäufer erfunden haben, um einmal im Jahr das grosse Geschäft machen zu können. Seither wird am Valentinstag statt der Liebe dem Konsum gefrönt – ein reichlich unromantischer Umstand.

Wer sich an dem Tag doch noch der hinreissenden Liebe aussetzen will, soll sich der Kunst zuwenden: Oskar Kokoschkas «Die Windsbraut» etwa, die im Kunstmuseum Basel hängt und seine Amour Fou mit Alma Mahler zeigt, oder Picassos wunderschönes Mädchen mit gefalteten Händen, das momentan in der Fondation Beyeler zu sehen ist und so stark von innen heraus leuchtet, dass einem das Herz aufgeht.

Aus den Reihen der Basler Maler sticht ein besonderes Liebesbild hervor: «Bildnis der Braut des Künstlers» (1866) von Ernst Stückelberg aus der Sammlung des Kunstmuseum Basel.

Es zeigt eine junge Frau mit locker hochgestecktem dunklem Haar, auf dem ein Windenkranz sitzt. Ein Teil des Kranzes umspielt ihren Hals und endet vor ihrem Spitzenkragen – in einer altrosa Blüte, die sie anmutig festhält. Ihr Kleid ist schlicht, aber schön gearbeitet, aus durchscheinendem weissen Stoff mit Längsfalten und einem rosa Seidenband um die Hüfte. Dazu ein schwarzer Federhut, den sie entspannt zwischen zwei Fingern hält. Alles an ihr ist ruhig und unaufdringlich, sie passt sich perfekt in die stille Landschaft hinter sich ein, eine junge Frau, die gelassen ihrem bevorstehenden Leben als Ehefrau entgegenblickt. Nicht wahr?

Klare Ansage

Über die Entstehungsgeschichte des Bildes ist nicht viel bekannt, was man weiss, kann aber mit jedem Liebesfilm mithalten: Die junge Marie Elisabeth Brüstlein will sich in München zur Künstlerin ausbilden lassen, was ihre Eltern nicht gerade fröhlich stimmt. Zum Glück findet sich in Basel ein Künstler, der ihr und ihren kunstinteressierten Freundinnen Unterricht geben will. So lernt Marie Elisabeth den zehn Jahre älteren Ernst Stückelberg kennen, der bald «ganz gefangen» ist vom Liebreiz seiner Schülerin (so zumindest hält es die Tochter der beiden später in einem Erinnerungsschreiben an ihre verstorbene Mutter fest).

Das Begehren beruht auf Gegenseitigkeit, auch Marie Elisabeth findet Gefallen an Stückelberg – und bei einem gemeinsamen Besuch auf dem Landgut ihres Grossvaters in der Nähe von Neuenburg stellt sie sich vor die blühende Winde und macht eine Ansage: Weisses Kleid, lieblicher Blumenkranz, sorgenbefreiter Blick. Genau so, wie sich ein Mann im 19. Jahrhundert seine zukünftige Frau vorstellt. Stückelberg holt Pinsel und Leinwand und malt Marie Elisabeth an Ort und Stelle ab. Ein paar Monate später heiraten sie.

Was sehen wir auf diesem Bild, dass so kurz vor der Hochzeit im Liebesrausch gefertigt wurde? Wer sich diese Frage stellt, muss in erster Linie wissen: Ernst Stückelberg ist nicht gerade ein mutiger Maler. Er ist kein Wegbereiter, nicht wie Arnold Böcklin, der ihm immer wieder gegenübergestellt wird. Während Böcklin in seinen Werken nach menschlichen Abgründen gräbt, bleibt Stückelberg lieber an der braven Oberfläche. Sein Metier ist die Romantik: Natur, Gefühle, Verklärung. Eigentlich ist diese Epoche Ende des 19. Jahrhunderts bereits wieder in der Ausklingphase.

Aber für Stückelberg bleibt sie Programm. Er wird nie vollständig zu den Realisten gehören, nie ganz in der Moderne ankommen. Seine Bilder bleiben geprägt von einer Alles-Ist-Gut-Atmosphäre. Selbst als er in der Kunsthalle sein bis heute bekanntes «Das Erwachen der Kunst in der Renaissance» (das als Wandgemälde im Treppenhaus der Kunsthalle zu sehen ist) malt, kommt er nicht in jenen dramatischen Schwung, den man sich von einem Bild dieses Kalibers eigentlich wünscht. Die «Zeitschrift für bildende Kunst» ist 1870 ähnlicher Meinung: Er erhebe sich «nur höchst selten über eine gewisse fade Sinnlichkeit und süssliche Grazie», schreibt sie. Stückelberg, der romantische Bräveli!

Eigenschaften, die sich für ein Leben als Ehemann hervorragend eignen. Sollen wir der Dargestellten also glauben, wenn sie uns sanft lächelnd ihren Bald-Status als Ehefrau andrehen will? Und zu sagen scheint: Wer will schon Künstlerin werden, wenn man doch Frau eines Künstlers sein kann?

Wen sehen wir wirklich?

Wenn Maler eine Frau inszenieren, dann trägt die Abgebildete immer zwei Persönlichkeiten in sich: Die eigene und die des Künstlers. Wie viel dabei wirklich von ihr selbst drinsteckt, lässt sich oft nur in der Haltung oder an ihrem Blick erahnen. Wen sehen wir also wirklich? Marie Elisabeth oder Bräveli Ernst?

Zyniker werden jetzt sagen: Die liebe Frau Brüstlein hat im wohlhabenden Stückelberg einen Mann gefunden, der zwar älter ist, ihr aber ein gutes Leben bieten kann. Sie ist nicht mehr die Jüngste, er freut sich über die körperliche Manifestation seiner romantischen Ideale.

Stückelberg entstammt einem gut situierten Basler Geschlecht, er ist mit den Burckhardts verwandt, mit Gottfried Keller befreundet, hat einflussreiche Bekannte in der Stadt. Ein guter Fang. Wir sehen hier also nichts anderes als die Wahrheit: Marie Elisabeths aufgeklärter Blick, der ihre Entschlossenheit offenbart. Dazu liebreizendes Exterieur: der verliebt-verklärte Ausdruck ihres soften Lehrers.

Die Romantiker sehen es anders: Dieses Bild ist der Inbegriff der reinen Liebe! Das weiche Licht, der halbtransparente Stoff, das leichte Lächeln, die wunderbaren Blüten! Alles strahlt vor Verheissung, vor vollkommener Zuwendung. Die Frau, die wir hier sehen, gibt sich dem Maler hin – und er sich ihr.

Stückelberg hat uns in diesem Bild die Liebe gemalt. Nicht die seiner späteren Frau, nicht die unsere, nicht die vollkommene und wahrscheinlich auch nicht die reine. Sondern jene, die er in genau jenem Moment gefühlt hat, als sich Fräulein Brüstlein vor ihn stellte und mit der Winde an ihrem Kragen herumspielte.

Soll uns Stückelbergs Vorgehensweise in Zeiten von Whatsapp, Kitsch und Plastik am Valentinstag ein Vorbild sein: Unmittelbare Liebe, freiheraus zur Schau gestellt. Avanti!