«Fördern und fordern»
Mehr Bewohner, Jobs und Ausländer – Basler Integration funktioniert

Innert zehn Jahren hat Basel-Stadt rund 10'000 Bewohner zugelegt – aber auch um fast 13'000 Ausländer und 19'000 Jobs. Die ausländische Bevölkerung ist dabei heterogener geworden und hat sich gleichmässiger verteilt.

Jonas Hoskyn
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Insgesamt sei erkennbar, dass das Basler Integrationsmodell funktioniere.

Insgesamt sei erkennbar, dass das Basler Integrationsmodell funktioniere.

Juri Junkov

Wussten Sie, dass ein Deutscher im Schnitt in Basel fast ein Drittel mehr verdient als ein Schweizer? Ein Asiat oder Amerikaner sogar fast das Doppelte? Oder dass jedes fünfte Schweizer Kind nicht gut genug Deutsch für den Kindergarten kann und deshalb in die Deutschförderung muss? Anhand von rund hundert Indikatoren hat das Statistische Amt des Kantons Basel-Stadt das Thema Zuwanderung analysiert.

«Das vergangene Jahrzehnt war eine Erfolgsstory», bilanzierte Kantons- und Stadtentwickler Lukas Ott. Die Region und die Wirtschaft wachsen, dies schlägt sich auch in der Zuwanderung nieder. In den vergangenen zwei Jahrzehnten stieg der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung von 27 auf mittlerweile fast 36 Prozent. «Ohne Pendler und ohne Zuwanderung wäre der Bedarf der Wirtschaft nicht zu decken», so Ott. Dies werde auch so wahrgenommen: Drei Viertel aller Bewohner betrachteten die Multikulturalität als Bereicherung.

«Die Hot-Spots haben sich nicht weiter akzentuiert.» Lukas Ott, Kantons- und Stadtentwickler

«Die Hot-Spots haben sich nicht weiter akzentuiert.» Lukas Ott, Kantons- und Stadtentwickler

zvg

Die Zuwanderung in den Kanton ist äusserst heterogen. Dies schlägt sich in der Statistik nieder. Der Palette reicht von hochqualifizierten Expats bis hin zu Kriegsflüchtlingen. Der Boom der Life Science Industrie widerspiegelt sich ebenso wie der Kosovokrieg, der Arabische Frühling oder die jüngsten Flüchtlingsbewegungen.

«Am Arbeitswillen mangelt es nicht»

Die Studie gibt Anhaltspunkte, welche Entwicklungen positiv verlaufen und welche die Integrationsverantwortlichen im Auge behalten müssen. Etwa die vor einigen Jahren rapide angestiegene Sozialhilfequote bei Personen aus dem arabischen und afrikanischen Raum. Im Gegensatz zu den «Abenteuermigranten», jenen jungen Männern, welche 2011 im Kontext des Arabischen Frühlings in der Region die Kriminalstatistik nach oben schnellen liessen, müssen bei der aktuellen Flüchtlingsbewegung mittel- und längerfristige Überlegungen angestellt werden.

«Wir müssen diese mit Integrationsmassnahmen in den Arbeitsmarkt integrieren», sagte Ott und verwies auf das Basler Prinzip vom Fördern und Fordern – mit Bildung und Begegnung auf der einen Seite und klaren Vereinbarungen etwa bei Delinquenz oder Sozialhilfeabhängigkeit auf der anderen. Eine weitere Überraschung der Studie betreffen die östlichen EU-Staaten. Waren von dort bis vor wenigen Jahren vor allem Hochqualifizierte gekommen, hatte die Erweiterung der Personenfreizügigkeit vor zwei Jahren die Arbeitslosenquote dieser Bevölkerungsgruppe nach oben schnellen lassen.

Im Vordergrund stehen die Deutschkenntnisse, so der Basler Integrationsbeauftragte Andreas Räss. «Am Arbeitswillen mangelt es meistens nicht.» Dies zeige die Zusammenarbeit mit dem Gewerbeverband. Eine wichtige Massnahme seien die 2014 in einer Volksabstimmung beschlossenen gratis Deutschkurse für Ausländer. Während diese Möglichkeit von Personen aus der Türkei oder dem Balkan rege genutzt wird, ist die Quote bei den typischen Expats-Herkunftsländern eher tief.

Keine Ghettoisierung

Auch für Ott ist Bildung der Schlüsselindikator für eine erfolgreiche Integration. Es lasse sich eine klare Linie ziehen von erfolgreicher schulischer Laufbahn zu hohen Einkommen. «Das sind Massnahmen, bei denen es oft zehn Jahre oder eine Generation dauert, bis man die Auswirkungen sieht», sagte Räss. Der Integrationsbeauftragte hob etwa das Vorzeigeprojekt der Deutschförderung im Vor-Kindergartenalter hervor.

Eine positive Entwicklung sah Ott auch darin, dass sich der Ausländeranteil in den verschiedenen Quartieren und Gemeinden in den vergangenen Jahren entscheidend verändert hat. Dies mit Blick auf andere westeuropäische Länder, wo Ghettoisierung und Perspektivlosigkeit zu sozialen Problemen geführt hätten. Neu Zugewanderte zogen vor allem in Quartiere, welche eine tiefe Ausländerquote haben, die Durchmischung stieg. «Die Hot-Spots haben sich nicht weiter akzentuiert», sagte Ott. In diesem Kontext sei es wichtig, dass der Fokus auf die Entwicklung von genügend, bezahlbarem und durchmischtem Wohnraum gelegt werde. Am einseitigsten im Kanton verteilt sind Personen aus dem Balkan und den arabischen und afrikanischen Ländern. Gut verteilt sind dagegen die Italiener.

Am Beispiel unserer südlichen Nachbarn zeigt sich statistisch, wie erfolgreiche Integration zu einer Angleichung führt: Während etwa die Geburtenziffer bei Frauen aus Afrika oder dem arabischen Raum zweieinhalb bis drei Mal höher liegt als bei Schweizerinnen, liegen die Italienerinnen sogar noch hinter Letzteren.