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Mehr Freizeit für Schüler – Basler Familienberatung will Hausaufgaben streichen

Zwischen Schule und Klavierunterricht noch Mathe büffeln: Vielen Kindern ist das zu viel.

Zwischen Schule und Klavierunterricht noch Mathe büffeln: Vielen Kindern ist das zu viel.

200 überforderte Schüler landeten im Jahr 2018 in der Familienberatung. Fabe-Geschäftsführer bestätig, dass Schulprobleme immer mehr zum Thema werden.

Die Leistungsgesellschaft fordert ihre Opfer, und viele landen bei der Basler Familien-, Paar- und Erziehungsberatung (Fabe). Dem Geschäftsbericht des Jahres 2018 ist zu entnehmen, dass die Zahl derjenigen mit Problemen in der Schule oder in der Ausbildung zugenommen hat.

2017 waren es 191 junge Menschen, die in diesem Bereich Hilfe suchten, vergangenes Jahr waren es bereits 223. Fabe-Geschäftsführer Renato Meier bestätigt, dass die Schulprobleme immer mehr zum Thema werden. Dabei seien alle Schulstufen betroffen – auch vermeintlich starke Schülerinnen und Schüler des Progymnasiums würden vermehrt unter dem Druck leiden, der im Schulsystem aufgebaut werde.

Kriens ist vorgeprescht

Meier wartet mit einer Forderung auf, die bei Pädagogen schon länger kontrovers diskutiert wird: «Um den Druck auf die jungen Schüler etwas zu lösen, sollte man die Hausaufgaben streichen», sagt er. Dafür gäbe es mehrere Gründe. Zum einen würden die Hausaufgaben den Graben zwischen den unterschiedlichen Gesellschaftsschichten zementieren: auf der einen Seite die Akademikerkinder, die in enger Begleitung der Eltern die Hausaufgaben erledigen können oder gar in irgendwelche Lerncenter geschickt werden. Auf der anderen Seite diejenigen, die von den Eltern gar keinen Support bekommen.

Fast wichtiger ist für Meier aber die Tatsache, dass den Kindern und Jugendlichen heute kaum Freizeit bleibt. Wer im Sport leistungsfähig sein wolle, der müsse fast jeden Abend ins Training gehen. Ein ähnliches Pensum müssen ehrgeizige Musik-Talente absolvieren. «Für ein paar wenige ist es machbar, aber sehr viele leiden darunter», sagt Meier. Wenigstens etwas Qualitätszeit erhofft er sich davon, wenn die Hausaufgaben gestrichen würden. «Nach Hause kommen und einfach mal Zeit mit der Familie verbringen. Das fehlt vielfach», stellt Meier fest.

Die Idee, Hausaufgaben aus dem Pflichtenheft der Volksschule zu streichen, ist nicht neu. Die Krienser Primarschüler müssen seit diesem Jahr keine Ufzgi mehr machen. Den Ausschlag für diesen Entscheid gab gemäss der Krienser Bildungsvorsteherin unter anderem die Tatsache, dass die Kinder mit ihrer freien Zeit ja auch etwas anzufangen wüssten. In der «Luzerner Zeitung» sagte sie: «Wir müssen uns fragen: Können wir als Schule diese knapp bemessene Freizeit mit Hausaufgaben füllen?» Freizeit sei sehr wichtig. «Wir sind überzeugt, dass Kinder auch in der freien Zeit sehr viel lernen. Das wollen wir stärker gewichten.»

Das Thema Hausaufgaben wird auch in Basel immer wieder diskutiert, aber bislang nur auf einer informellen Ebene unter Lehrern oder Eltern. Dass nun eine Institution wie Fabe zum Hausaufgabenstopp aufruft, dürfte der öffentlichen Diskussion einen neuen Schub geben. Fabe ist mit den psychischen Problemen von Schülern konfrontiert – es besteht hier also nicht der Verdacht, dass es sich um das Lamento fauler Kinder handle.

Nicht alle die gleichen Ufzgi

Im Basler Erziehungsdepartement stösst die Forderung gleichwohl nicht auf Begeisterung. Volksschulleiter Dieter Baur hält nichts von einem grundsätzlichen Hausaufgabenverbot, besonders nicht auf Sekundarstufe. «Nehmen wir die deutsche Literatur zum Beispiel – da müssen die Kinder eben die Bücher in der Freizeit lesen.» Es sei dies auch eine Vorbereitung fürs Danach – spätestens in der Berufsausbildung oder im Studium müssten die Schüler wissen, wie sie sich selbstständig für die Prüfungen vorzubereiten hätten.

Baur aber tendiere dazu, Hausaufgaben zu erteilen, bei denen die Schülerinnen und Schüler nicht alle dasselbe lernen oder ausführen müssten – dass die Ufzgi also den individuellen Fähigkeiten, der Altersgruppe und den sozialen und familiären Möglichkeiten angepasst seien. Kurzum: «Sowohl radikal keine wie auch radikal immer Hausaufgaben zu geben, ist selten eine gute Lösung», findet Baur.

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