Eigentlich ist es eine normale Geschichte. Eine Frau betreibt seit vielen Jahren einen Laden für Brautmode und entschliesst sich eines Tages, eine zweite Filiale zu eröffnen. Ganz normal ist diese Geschichte allerdings doch nicht, denn die zweite Filiale befindet sich in einem anderen Land als das Original.

Es ist das Land, unter dem viele Basler Detailhändler leiden, weil ihre Kunden es der Heimat vorziehen: Deutschland. Vielen bleibt da nur, die Faust im Sack zu machen und auf bessere Zeiten zu warten. Oder? «Nein!», hat sich Silvia Jauslin gesagt. Und gehandelt. Vor einer Woche hat sie eine Filiale ihres Geschäfts «Pour Elle» in Lörrach eröffnet.

Mehrwertsteuer für Kundinnen

Seit Jahrzehnten verkauft sie in der Basler Innenstadt Brautkleider. Seit acht Jahren ist sie am Blumenrain unweit der Schifflände, vorher war sie am Spalenberg, davor an der Gerbergasse. Das Geschäft läuft, sie will nicht klagen. Doch die Zukunft sieht düster aus: «Immer mehr Kundinnen gehen direkt nach Deutschland», sagt Jauslin.

Sie verstehe die Entscheidung, handle es sich doch um eine «grössere Ausgabe» für etwas, das man nur einmal trage. Und die Preise in Deutschland seien nun mal tiefer, ausserdem erhielten die Kundinnen die Mehrwertsteuer zurück. Warum also in der Schweiz kaufen? Klar gebe es etliche Gründe, die Beratung, das Sortiment, die Qualität.

«Doch egal, was alles für einen Einkauf in der Schweiz spricht – die Preisunterschiede sind in den Köpfen eingebrannt.» Seit der Eröffnung des kleinen Geschäfts in Lörrach kann sie nun mithalten und ihren Kundinnen anbieten, das begehrte Brautkleid im «Pour Elle» in Lörrach «abzuholen», etwas weniger als in Basel dafür zu bezahlen, da innerhalb der EU die Verzollung wegfällt – und erst noch die 19 Prozent Mehrwertsteuer zurückzuverlangen.

«Drei-Käse-Hoch» auch schon da

Vor drei Jahren schaute sich Silvia Jauslin erstmals ein leeres Ladenlokal in Lörrach an. «Die Hemmschwelle war damals aber noch zu hoch, der Druck zu klein», sagt sie. Inzwischen ist das leere Lokal von damals vermietet – und zwar an einen Detailhändler aus Basel.

Die Betreiber des Kinderladens «Drei-Käse-Hoch», der mit zwei Filialen am Spalenberg präsent ist, haben sich vor zwei Jahren aus denselben Gründen wie Silvia Jauslin in Lörrach niedergelassen. «Wir haben gemerkt, dass wir viel Geld sparen können, wenn wir die Verzollungen selber durchführen», sagt Geschäftsführer David Nippel. Angefangen hat seine Südbaden-Story mit einem Lager in Grenzach, wo auch der erste Laden in Deutschland entstand. Die Ergänzung zu den beiden Geschäften in Basel sei perfekt, sagt Nippel.

Mathias F. Böhm, Geschäftsführer von «Pro Innerstadt», schaut dieser Entwicklung gelassen entgegen. «Manche Ladenbetreiber sehen in der Eröffnung einer Filiale in Lörrach eine Chance, dann ist es legitim, es zu tun», sagt er. Doch er glaube nicht, dass es «längerfristig funktioniere». «Ich gehe nicht davon aus, dass dieser Weg für viele Basler Detaillisten spannend sein könnte», sagt er. Auch, weil das «Einkaufserlebnis» in Lörrach nicht mit demjenigen in Basel zu vergleichen sei.

Tatsache ist aber: An einem Samstag sieht man in Lörrach mindestens so viele Autos mit «CH» wie solche mit «LÖ»-Nummer. Silvia Jauslin wird die Samstage aber trotzdem weiter in ihrem Laden am Blumenrain verbringen und die dortigen Kundinnen beraten. Das Prestige-Geschäft ist und bleibt dasjenige in Basel. Doch seit dieses ergänzt werde durch eines in Lörrach, sei sie wieder konkurrenzfähig, sagt Jauslin. Und genau das sei ihr Ziel gewesen.