Teufelskreis
Mehr Sozialhilfe-Fälle in Basel – betroffen sind vor allem junge Mütter

In Basel ist die Zahl aller Sozialhilfeabhängiger nach einer mehrjährigen stabilen Phase bei allen Gruppen gestiegen. Wie in allen Städten haben auch in Basel vor allem Alleinerziehende ein höheres Sozialhilferisiko. Betroffen sind vor allem junge Mütter.

Martina Rutschmann
Merken
Drucken
Teilen
Risikogruppe: Oft sind junge Mütter auf Sozialhilfe angewiesen.

Risikogruppe: Oft sind junge Mütter auf Sozialhilfe angewiesen.

zvg

Sie will das nicht. Will nicht abhängig sein von der Sozialhilfe. Es bleibt ihr derzeit aber nichts anderes übrig. Und damit ist die 19-jährige Mutter Lydia * nicht allein: Vier von fünf alleinerziehenden Müttern, die jünger als 25 Jahre sind, leben von der Sozialhilfe.

In Basel ist die Zahl aller Sozialhilfeabhängiger nach einer mehrjährigen stabilen Phase bei allen Gruppen gestiegen. Wie in allen Städten haben aber auch hier Alleinerziehende ein höheres Sozialhilferisiko. Besonders gefährdet sind junge Frauen wie Lydia.

Schockiert, aber nicht erstaunt

Lydia nimmt an Kursen des Vereins Amie teil. Dort geht es allen Teilnehmerinnen wie ihr: Sie sind jung, sozialhilfeabhängig, haben ein Kind, aber keine Ausbildung. Solche Frauen machen nun wegen ihrer häufigen Sozialhilfeabhängigkeit Schlagzeilen – bei Amie sind sie seit zehn Jahren im Fokus.

Doch erst jetzt liegen Geschäftsführerin Franziska Reinhard Zahlen vor. Jahrelang hatte sie vergeblich versucht, zu erfahren, wie viele junge alleinerziehende Mütter in Basel auf Sozialhilfe angewiesen sind.

Nun hat die Städteinitiative Sozialpolitik, die städtische Anliegen gegenüber Bund und Kantonen vertritt, die Zahlen erstmals erfasst. Am Dienstag wurden sie publiziert (bz berichtete). «Ich war schockiert», sagt Reinhard. «Vier von fünf Frauen – das ist viel.» Schockiert, aber nicht erstaunt. «Es ist eine Bestätigung, dass wir mit unserer Arbeit auf dem richtigen Weg sind.»

Bewerbungen umso wichtiger

Lydias Sohn ist inzwischen zwei Jahre alt. Sie hat nach wie vor keine Ausbildung. Im Sommer möchte sie eine Lehre anzufangen. Sie hat sich die Finger wund geschrieben mit Bewerbungen, doch: nichts. «Bewerbungen von Frauen wie Lydia kommen meistens auf den zweiten Stapel», sagt Reinhard. Umso wichtiger sei professionelle Hilfe. Das Motivationsschreiben müsse individuell formuliert sein und betonen, dass die Kinderbetreuung gewährleistet ist.

Lydia hat wegen der Schwangerschaft das zehnte Schuljahr abgebrochen. Sie weiss: Diese Voraussetzungen entsprechen nicht der Traumvorstellung eines Ausbildners. «Ich werde dennoch eine Lehrstelle finden», sagt sie. Sie leidet darunter, die hohle Hand beim Staat machen zu müssen. Irgendeinen Job will sie aber nicht annehmen, weil sie befürchtet, sich die Berufsbildung zu verbauen. «Ich möchte meinem Sohn ein würdiges Leben bieten, das geht nur, wenn ich eine Ausbildung habe.» Franziska Reinhard spricht von einem Teufelskreis. Die Mütter stünden vor der besonderen Herausforderung, neben der alleinigen Verantwortung für ihr Kind den Einstieg in die Erwerbstätigkeit zu realisieren und weg von der Sozialhilfe zu kommen.

Im Schnitt beziehen Sozialhilfebezüger dreieinhalb Jahre lang Geld. Lydia ist seit einem Jahr angemeldet. Im Gegensatz zu vielen ihrer Kolleginnen bei Amie hat sie inzwischen eine Wohnung gefunden, was nicht einfach war. Hinzu kommt die Schwierigkeit, einen Betreuungsplatz zu finden. «Hier besteht Aufholbedarf», sagt Franziska Reinhard.

Als SP-Grossrätin liebäugelt sie zudem mit einem Modell, das es bisher erst in Lausanne gibt: Unter 25-Jährige erhalten keine Sozialhilfe mehr, sondern müssen sich zur Berufsausbildung verpflichten. Falls die Eltern dies nicht finanzieren können, gibt es Stipendien. Bevor sich Reinhard politisch für solche Änderungen einsetzt, unterstützt sie Lydia und ihre Kolleginnen bei den Bewerbungen. Die heisse Bewerbungsphase hat gerade erst begonnen.

Name der Redaktion bekannt