Landzunge und Stadtmund
«Meine Meinung gilt und nur ich habe recht» – Uneinigkeit in der Zeit der Besinnlichkeit

Eva Oberli
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Können wir nur noch miteinander kommunizieren, wenn unsere Meinung in dieselbe Richtung geht? (Symbolbild)

Können wir nur noch miteinander kommunizieren, wenn unsere Meinung in dieselbe Richtung geht? (Symbolbild)

Nikkol Rot

Die eine ist anfangs 20, trägt eine karierte Hose und einen Kapuzenpulli mit der Aufschrift «Feminism is my second-favourite f-word». Hinter ihrem rechten Ohr stecken ein gelber Kuli und ein buntes Herbstblatt, in ihrem linken Ohr fünf Piercings. Die andere ist weit über 80, von Kopf bis Fuss in Ocker gekleidet und hat dieselben krausen Haare wie der übergewichtige Yorkshire-Terrier in ihrer Handtasche. So sitzen zwei Frauen nebeneinander im Zug und teilen sich eine Tüte Mungbohnensprossen, während sie über Apfelkuchen fachsimpeln.

Es ist seltsam, so etwas zu sehen. Auf den ersten Blick haben sie nichts gemeinsam. Und wir würden erwarten, dass sich die beiden eher geringschätzig mustern oder gar abfällig äussern würden, statt sich auf Anhieb angeregt zu unterhalten. Aber wieso eigentlich? Generationenunterschiede, verschiedene Vorlieben, andere Lebensinhalte – das sind solide Gründe, um keine gemeinsamen Nenner zu finden. Weil man sich in der heutigen Welt offenbar nur dann gut verstehen kann, wenn man die Welt auf dieselbe Art und Weise versteht. Gleicher Meinung muss man sein, sonst sind Konflikte programmiert. Das ist einfach – aber es ist auch schade. Soviel geht verloren, wenn man sich nur mit Leuten umgibt, die dasselbe gut und dasselbe schlecht finden.

Die Gesellschaft hört und spricht auf der Beziehungsebene. Meine Meinung gilt und nur ich habe recht.

Und vor allem liegt das Problem nicht mal in den unterschiedlichen Interessen, sondern darin, wie wir uns ausdrücken. Die einzige zu überwindende Barriere dabei wäre die Kommunikation. Genau die beherrschen wir nicht mehr. Die Gesellschaft hört und spricht auf der Beziehungsebene, meine Meinung gilt und nur ich habe recht. Eine ziemlich ungesunde Haltung, in unserer ach so offenen Welt. Aber überall wird sie praktiziert, als normal dargestellt und zu Unterhaltungs- und Informationszwecken gebraucht.

Wenn vor den Wahlen eine als seriös konzipierte Debatte im Fernsehen übertragen wird, nennen wir das folgende Spektakel der Engstirnigkeit und fehlender Kommunikationsfähigkeiten ja auch nicht «Eine Handvoll Erwachsene benimmt sich, unter dem Vorwand, die eigene politische Sichtweise zu vertreten, wie Fünfjährige und tut dabei so, als hätte sie Ahnung von Rhetorik», sondern «Diskussionsrunde zu aktuellen, wirtschaftlichen, innen- und gesellschaftspolitischen Themen.»

Da muss sich auch keiner wundern, wenn die Leute vollends Anstand und Nachsicht verlernen. Vom Auffahrunfall bis hin zum Zusammenstoss zweier Einkaufswagen vor dem Müsli-Regal ergeben sich so jeden Tag Dramen, die mit ein bisschen Kommunikation nichts weiter wären als ein dumpfes Rums.

«Let’s agree to disagree» – «Einigen wir uns darauf, dass wir uns nicht einig sind.» Das wäre doch etwas, was wir uns in der bevorstehenden Zeit der Besinnlichkeit vornehmen könnten. Abgesehen von Entschleunigung und keinem unnötigen Abfall beim Geschenke-Verpacken zu produzieren, gilt es diesen Advent auch, offen zu sein, wirklich zuzuhören und eine andere Meinung auch einfach mal zu akzeptieren. Dann bleibt für alle mehr vom Apfelkuchen.

Eva Oberli ist Schülerin am Gymnasium in Muttenz und wohnt auf einem Bauernhof in Niederdorf.