«En garde, marchez, marchez, rompez – Arme strecken, Ausfall.» Wir hören die von einer ruhigen Männerstimme fast beschwörend gesprochenen Worte aus dem Off. Das Bild zu den Befehlen des Maître, des Fechtmeisters, im Training wird uns zuerst verweigert. Bevor uns die in Basel lebende Videokünstlerin Florine Leoni das bewegte Bild zum Text gibt, müssen wir die Bilder dazu im Kopf selbst kreieren, uns gleichsam auf eine Spurensuche nach der Bedeutung der Worte begeben.

«En garde» heisst das Videokunstwerk, das Florine Leoni 2014 geschaffen hat. Es ist kein Video über den Fechtsport, auch wenn sie das Training von Maître Vincent Laplaze im Basler Fechtclub in Bilder gebannt hat. Vielmehr geht es um Räume, die Menschen um sich schaffen, um sich abzugrenzen und mit anderen zu kommunizieren. Sie bewegen sich in festgeschriebenen Verhaltensformen. Der stilisierte Kampf wird zum persönlichen Austausch.

Florine Leoni benutzt in unserem Gespräch in ihrem Atelier den Fachbegriff des «personal space». Das Auge der Kamera ist nicht am Kampf interessiert, sondern an den ritualisierten Bewegungen, ebenso an der Konzentration. Diese ist weniger auf den Gegner, als viel mehr auf sich selbst gerichtet, auf die eigene Aktion mit dem Degen. Fechtanzug und Maske bilden den eigenen Schutzraum.

Florine Leoni hat die Fechter mit ihrem Maître auch deshalb als Hauptfiguren ihres Werkes ausgewählt, weil Laplaze neben seinem Maître-Job als Hypnotiseur arbeitet. Wir schauen ihm zu, wie er versucht, Menschen auf eine Reise in ihr Inneres zu schicken. Er tut auch dies mit beschwörenden sprachlichen Formeln. Florin Leoni trennt in «En garde» nicht allein Sprach- und Bildebenen, sondern verwebt ebenso schlüssig die Trainings-Anleitungen mit Laplazes Hypnose-Formeln. In beidem ist er motivierender Trainer. Florine Leoni schafft in Ihrer Videoarbeit Räume, die erzählen – in einer nicht linearen, stets überraschenden narrativen Struktur. Es sind Räume, in die wir mit unserem Denken eindringen können.

Videokunst als Kinoerlebnis

«En garde» wird heute Abend im Stadtkino Basel gezeigt – zusammen mit einer Arbeit des Komponisten und Videokünstlers Jannik Giger und mit Werken aus den Anfängen der Videokunst, aus den 70er-Jahren. Diese entstammen dem Archiv der Basler Galerie Stampa.

Videokunst für einmal im Kino zu erleben und nicht in einem Ausstellungsraum, das bringt neue Seh-Erfahrungen. Im Ausstellungsraum sieht man Videoarbeiten meist auf Bildschirmen, schaut kurz hin und geht weiter zum nächsten Kunstwerk. Hier flimmern sie über die grosse Leinwand, und das Publikum sieht sie als Ganzes. Spannend wird sein, wie Videokunst auf der grossen Leinwand funktioniert. Gut möglich, dass sie sogar besser funktioniert, dass sich neue Räume des Sehens und Hörens öffnet.

Wie Kunst entstehen könnte

Jannik Giger, der Videokünstler und Komponist, der an der Hochschule für Musik Basel den Master machte, verwebt Bild und Ton, somit visuelle und akustische Räume eng ineinander. Die Grenze zwischen Musik und Bild löst sich auf.

In «The making of an exibition» von 2014 laufen vier Bilder und damit vier Geschichten parallel. Geschichten und Bilder verschränken sich, wechseln die Ebene, springen über die Diagonale. Die zweidimensionalen bewegten Bilder erhalten räumlichen Charakter. Giger wechselt mit hintergründigem Humor zwischen fiktionaler und dokumentarischer Ebene. Er erkundet das noch nicht vermessene Feld überlagerter narrativer Strukturen.

Giger bannt die Vorgeschichten zur Ausstellung ins Bild, filmt in Ateliers die Vorbereitungsarbeiten der Künstler. So könnte Gigers Werk auch heissen: «Wie Kunst entstehen könnte». Wie sie wirklich entsteht, bleibt unserem Auge verwehrt. Für den Maler ist der Kreativprozess ein intimer Akt. Allein bei der Schlussarbeit am Bild darf die Kamera zuschauen.

Eine Metapher für neue Kunst der Gegenwart ist, wie Gigers Protagonist Tobias S. durch die völlige Verfremdung von bestehenden Klängen auf Schallplatten neue kreiert. Die Dekonstruktion gehört mit zu Gigers filmischer Erzählkunst, ebenso die Ironie, mit der er seine Kunst-Geschichten aufbricht. Dirigent und Ensemble-Phoenix-Basel-Gründer Jürg Henneberger, der Realisator neuer Musik, wird beispielsweise schalkhaft als Betrachter in den Ausstellungsdiskurs integriert.

Dass Florine Leoni und Jannik Giger gemeinsam ihre Arbeiten zeigen, ist kein Zufall. Zusammen mit der promovierten Medienwissenschafterin Doris Gassert verbindet sie eine fruchtbare gemeinsame künstlerische Arbeit. Doris Gassert arbeitet an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst, wie sie in unserem Gespräch erklärt. Sie begleitet die beiden Künstler, führt mit ihnen einen anregenden Diskurs über Erzählweisen. So treiben sie sich in der Entwicklung von narrativen künstlerischen Strategien voran.

Videos im Kinoraum:

Beide Videos werden rund eine Viertelstunde dauern. In einem zweiten Teil werden Werke aus dem Videoarchiv der Basler Galerie Stampa gezeigt - Werke aus den Anfängen der Videokunst in den 70er-Jahre. Der Abend wird von der Medienwissenschafterin Doris Gassert moderiert. Heute im Stadtcasino Basel, um 20.30 Uhr (diese Vorstellung ist ausverkauft) und um 21.45 Uhr. Reservationen unter: mail@schwarzwaldallee.ch