Mediation

«Menschen sind selbst die besten Experten, um ihre Probleme zu lösen»

Hintergründiges offenlegen: Das Mediations-Team mit (von links) Beat Münch, Birgitta Rebsamen und Katja Windisch.

Hintergründiges offenlegen: Das Mediations-Team mit (von links) Beat Münch, Birgitta Rebsamen und Katja Windisch.

Immer mehr Scheidungsfälle, Nachbarschaftsstreitigkeiten und Firmenkonflikte werden aussergerichtlich gelöst. Die Alternative heisst Mediation. Das Mediations-Team Basel erklärt, worum es dabei geht.

Paare im Streit um Wohn- und Sorgerecht, Kinder zwischen Vater und Mutter, eine zerrüttete Ehe, eine Familie vor dem Aus. Solche Szenarien dürften den meisten Lesern aus ihrem nächsten Umfeld bekannt sein: In der Schweiz wird zurzeit fast die Hälfte aller Ehen geschieden. Scheidungsarbeit gehört auch für die Mediatoren des Mediations-Teams Basel zur Tagesordnung.

Wille zur Lösungsfindung

«Bei solch einem Fall gibt es viele Steine des Anstosses: die Kinderbetreuung, die finanzielle Lage oder die Wohnsituation», erklärt Birgitta Rebsamen, die in ihrer Arbeit als Juristin und Mediatorin täglich mit diesen Fragen konfrontiert ist. Ein Patentrezept hält sie nicht bereit: In der Mediation soll es um die Eigenverantwortung der Parteien, ihren Willen zur Lösungsfindung und ihre Selbstbestimmung gehen.

Die Illustration auf dem Poster, das am Vortag bei einem aktuellen Mediationsfall verwendet worden ist, zeigt eine Familie, die am Anfang eines langen Weges steht. Ein treffendes Symbol, meint Mediator Rolf Münch: «Menschen in Konfliktsituationen sind selbst die besten Experten, um ihre Probleme zu lösen. Die besten Lösungen entwickeln sie deshalb auch selbst.» Er sieht den Mediator nicht als Mittlerfigur, wie es der lateinische Ursprung des Wortes nahelegen würde. «Ein Mediator hilft den Parteien, offen zu legen, worum es im Konflikt wirklich geht», erklärt Münch. Dies seien oft nicht die vordergründig thematisierten Streitpunkte, sondern vielmehr individuelle Interessen und Bedürfnisse.

Gerichte meiden und Geld sparen

Doch Mediation funktioniert nicht nur, wenn sie durch die Konfliktparteien freiwillig gewählt wird. So sieht Katja Windisch, ebenfalls Mediatorin und Soziologin an der Uni Basel, gerade in öffentlich-rechtlichen Institutionen, wie der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb), ein Potenzial für die Methode der Mediation. «Die Kesb hat die Befugnis, Mediationen zu empfehlen oder sogar anzuordnen», meint Windisch. Von einer häufigeren Beanspruchung dieser Möglichkeit erhofft sie sich eine Entschärfung von Konflikten, die in letzter Zeit vermehrt medial aufgegriffen wurden. Ein grosses Konfliktpotenzial, so Windisch, liege im gemeinsamen Sorgerecht, das vor zwei Jahren eingeführt wurde: «Seither geht es nicht mehr um die grossen Fragen, sondern der Teufel steckt im Detail.»

Gerade in diesen Fällen ist ein Weg über die Mediation einem Gerichtsfall vorzuziehen. So lohnen sich Mediationen sowohl für die einzelnen Parteien als auch für deren Versicherungen: «Verglichen mit einem Rechtsstreit ist eine Mediation in den meisten Fällen ökonomischer», erklärt Birgitta Rebsamen. Für die Mediatoren selbst stellt sich die finanzielle Lage anders dar: «Ausschliesslich von Mediationen zu leben, ist derzeit noch unrealistisch», meint Rolf Münch. Deshalb seien die meisten Mediatoren, wie auch er selbst, zusätzlich im psycho-sozialen Bereich, in der Rechtsberatung oder im wirtschaftlichen Coaching tätig.

Ein Trend mit Aussicht

Trotzdem wachsen Nachfrage und Angebot im Bereich der Mediationsausbildungen kontinuierlich und schnell. Im Mediations-Team Basel freut man sich über das gesellschaftliche Interesse, mahnt jedoch gleichzeitig zur Vorsicht: «Ein grosses Problem der Branche ist, dass der Titel des Mediators nicht geschützt ist. Kleinere Workshops sind zwar geeignet für Berufstätige, die die Idee in ihre Arbeit einfliessen lassen wollen», meint Katja Windisch, «doch wer sich an einen Mediator wendet, sollte auf eine offizielle Akkreditierung, zum Beispiel durch den Schweizerischen Dachverband, achten.» Noch beruhe die Wahl der Mediation hauptsächlich auf persönlichen Empfehlungen und Mundpropaganda, sagt Windisch.

Bis sich das Konzept neben der privaten oder der rechtlichen Konfliktschlichtung durchgesetzt hat, werde es noch einige Zeit dauern: «Wir sind aktuell erst die zweite Generation der Mediatoren im deutschsprachigen Teil Europas. Ein gesellschaftlicher Mentalitätswandel vollzieht sich kaum in so schneller Zeit», schätzt Rebsamen die Situation ein. Allerdings ist sie zuversichtlich: Der Schweizer, der heute noch «für sein Recht kämpft», wird in Zukunft nach ökonomisch sinnvollen kreativen Lösungen suchen. Dass diese über den Weg der Mediation zu finden sind, davon sind die drei Mediatoren überzeugt.

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