Je zwei Personen sitzen sich an den aufgereihten Tischen gegenüber. Angeregtes Geplauder erfüllt den Raum, und in den motivierten Gesichtern blitzen neugierige Blicke zum Gegenüber auf. Da klingelt die Glocke. Die Hälfte der Leute erhebt sich und sucht sich mithilfe der Organisatoren einen neuen Tisch und damit einen neuen Gesprächspartner. Das Durcheinander legt sich und wieder hebt Geplauder an. Aber nein, hier wird nicht die grosse Liebe in fünf Minuten gesucht. Die jungen Menschen, die sich im Gebäude der Fossil Group Europe GmbH am Riehenring zum Speed Dating treffen sind Teilnehmer des Mentoringprogramms Rock Your Life (RYL), das dieses Jahr neu auch in Basel durchgeführt wird.

Studenten als Mentoren

Jugendliche am Ende der obligatorischen Schulzeit stehen vor grossen Aufgaben: Sie müssen Lehrstellen suchen oder sich für eine weiterführende Schule entscheiden. Nicht in allen Fällen können Eltern die nötige Unterstützung bieten; sei es aus zeitlichen, sprachlichen oder kulturellen Gründen. Hier setzt das Mentoring-Programm RYL an. Studenten und junge Erwachsene im Arbeitsleben werden in einer sechstägigen Schulung als Mentoren ausgebildet und helfen Schulabgängern dabei, die richtige Ausbildung oder Lehrstelle zu finden.

Anna Leuenberger, Co-Geschäftsführerin von RYL Schweiz, sagt: «RYL läuft bereits seit 2013 in der Schweiz und das erfreulicherweise sehr gut. Zwischen 2013 und 2016 konnten wir insgesamt 260 Mentoring-Paare zusammenführen.» Dieses Jahr kämen rund 150 neue dazu. RYL gibt es bereits in Bern, Zürich, Luzern, Chur, St. Gallen und Fribourg. «Längerfristig soll auch Basel ein grösserer Standort werden», kündigt Leuenberger an.

Auch Nathalie Rathgeb, Standortverantwortliche für RYL Basel, erklärt: «Wir sehen die Stadt und Region Basel mit ihrer Zentrumsfunktion und ihrer multikulturellen Bevölkerung als spannenden Standort für unser Projekt. Momentan besteht eine Partnerschaft mit der Sekundarschule Reinach, und auch Schüler der Sekundarschulen Bäumlihof und Sandgruben nehmen am Projekt teil. Weitere Schulen im Kanton Basel-Stadt und Baselland werden für nächstes Jahr erwartet.» Dieses Jahr arbeite man auch mit einzelnen Integrationsklassen in Form eines Pilot-Projektes zusammen. «Die Jugendlichen erhalten auf niederschwellige Art und Weise einen grossen Bruder oder eine grosse Schwester an die Seite gestellt, die sie als weitere Bezugsperson in allen Lebenslagen begleiten und ihnen auch als Vorbild fungieren können.»

Ähnliche Lebenswelten

Mit bestehenden Berufsberatungs-Angeboten der Region arbeite man gut zusammen, sagt Rathgeb. «Wir positionieren uns als ergänzendes Projekt, bei dem der Fokus auf der langdauernden Beziehung und dem geringen Altersunterschied zwischen Mentoren und Mentees liegt, sodass die Lebenswelten der beiden Zielgruppen nahe beieinander sind.» Auch Leuenberger stellt klar: «Unsere Mentoren sind keine professionellen Berufsberater — da sind Berufsinformationszentren gefragt —, sondern vielmehr Bezugspersonen, die die Jugendlichen während dem Prozess der beruflichen Orientierung unterstützen und motivieren.»

Die Mentoren, die freiwillig und unentgeltlich für RYL arbeiten, werden an Unis oder bei Partnerfirmen angeworben. «Das Mentoring ist in einzelnen Studiengängen wie zum Beispiel Psychologie besonders beliebt», sagt Leuenberger. An einzelnen Hochschulen gebe es dafür auch ECTS-Punkte.

Helfen als Motivation

Ilijana und Jael sind Psychologiestudentinnen und haben sich als Mentorinnen angemeldet. In der Mittagspause des Speeddatings sagt Ilijana: «Ich finde es eigentlich ganz gut, dass es kein Geld und an der Uni Basel auch keine Kreditpunkte dafür gibt. Das wäre eine falsche Motivation.» Jael stimmt zu und sagt: «Die Freiwilligkeit gibt eine ganz eigene Motivation.» Ausserdem könne sie praktische Erfahrung im Coachen und Motivieren sammeln, was für ihre Studienrichtung wertvoll sei. «Ich hätte mir früher auch gewünscht, dass mich jemand unterstützt hätte. Meine Eltern kannten sich nicht gut aus im Bildungssystem», ergänzt Ilijana.

Für die Schüler ist die Teilnahme als Mentee ebenfalls freiwillig. Leuenberger erklärt: «Wir stellen unser Programm in Partnerschulen vor, in der Regel in Quartieren mit höherer sozialer Belastung.» Schulleitungen und Lehrpersonen entscheiden dann, ob sie das Programm unterstützen möchten. Sekschülerin Sadhbh sagt nach dem Speeddating: «Das Ganze ist sehr gut organisiert, und ich finde es spannend, so viele neue Leute kennenzulernen.» Ihre Schulkollegin Ezgi fügt hinzu: «Es ist toll, so eine Chance zu bekommen.» Auch Reza, Bismillah, Hadi und Talib aus Afghanistan haben sich als Mentees angemeldet. Die vier Jungen besuchen eine Integrationsklasse und müssen schon bald auf Lehrstellensuche. «Ich möchte entweder im Detailhandel oder in der Logistik arbeiten», sagt Reza. «Und ich im Strassenbau.

Aber Maurer oder Gärtner könnte ich mir auch vorstellen», erzählt Bismillah. Sie freuen sich, dass sie an dem Programm teilnehmen können. «Die Idee ist sehr gut», sagt Talib.
In den kommenden Monaten werden sie mit ihren Mentoren an Bewerbungen und Lebensläufen feilen, verschiedene Partnerfirmen von RYL besuchen, Einblicke in die Arbeitswelt erhalten und Vorstellungsgespräche üben und so den Sprung in eine weiterführende Ausbildung oder in die Arbeitswelt meistern.