Strafgericht
Messerstecher gibt rassistische Motive zu - Opfer seit der Tat gelähmt

Am Mittwoch fällt das Urteil gegen einen 29-Jährigen, der vor dem Clarashopping einen Mann niedergestochen hat. Sein Opfer ist seit der Tat querschnittgelähmt.

Merken
Drucken
Teilen
Das Messer hatte die Wirbelsäule auf der Höhe des 5. Brustwirbels durchtrennt und auch den Rückenmarkskanal eröffnet (Symbolbild)

Das Messer hatte die Wirbelsäule auf der Höhe des 5. Brustwirbels durchtrennt und auch den Rückenmarkskanal eröffnet (Symbolbild)

Keystone

Es gab keinen Streit, keine Vorwarnung: An einem Bummelsonntag im März 2014 rammte der heute 29-jährige Mann an der Rebgasse vor dem Clarashopping einem ihm unbekannten 64- jährigen Mann mit voller Wucht ein Messer in den Rücken.

Das Opfer ging durch den spinalen Schock sofort zu Boden und konnte sich nicht mehr bewegen: Das Messer hatte die Wirbelsäule auf der Höhe des 5. Brustwirbels durchtrennt und auch den Rückenmarkskanal eröffnet. Nach einer Notoperation wurde der Mann schliesslich in die Langzeitrehabilitation verlegt, wo er noch immer behandelt wird. Laut dem ärztlichen Bericht wird er lebenslang an einer inkompletten Paraplegie leiden.

«Gehört sich nicht»

Der 29-jährige Messerstecher wählte von seinem Mobiltelefon aus selbst den Notruf. «Weshalb haben Sie die Polizei angerufen?», fragte ihn gestern Gerichtspräsident Marc Oser. «Weil sich das nicht gehört», war die Antwort. «Was denn?», fragte Oser nach. «Jemanden abzustechen.»

Ein eigentliches Motiv habe es nicht gegeben, meinte der Angeklagte vor Gericht: «Wenn ich keinen Alkohol gehabt hätte, wäre das nicht passiert.» Er betonte, er habe «keine Vorurteile». Bei seiner Festnahme klang das allerdings anders: Das Polizeiprotokoll enthüllt nicht nur den Satz «Hoffentlich ist er tot», sondern auch primitivste rassistische Beleidigungen. Später sagte der Mann, er könne seine eigenen Aussagen nicht verstehen.

Frustriert und betrunken

Vor der Tat sass er mit Kumpels in einer Bar und betrank sich; diese sagten aus, er sei frustriert und weinerlich gewesen. Danach ging er nach Hause, holte das Messer und ging wieder auf die Strasse. Der 29-Jährige hat mehrere Ausbildungen abgebrochen und war lange arbeitslos. Mehrere Jobs verlor er wegen seiner Alkoholprobleme. Er versuchte auch schon mehrmals, sich selbst zu töten.

Ein Gutachten spricht von einer Borderline-Störung kombiniert mit chronischem Alkohol-, Cannabis- und Kokainmissbrauch. Dazu kämen Beziehungsstörungen sowie «rassistische Weltanschauungsartefakte». Sein Verteidiger schüttelte dazu nur den Kopf: «Er wartete nicht, bis ihm ein Ausländer über den Weg lief. Er stach auf die nächste Person ein, die ihm begegnete.» Es handle sich um eine Tat ohne Motiv. Eine Freiheitsstrafe von zwei bis drei Jahren wäre angemessen, aufgeschoben zugunsten einer stationären Suchtbehandlung.

Staatsanwalt Flavio Noto hingegen sagte, der Angeklagte habe das Opfer bloss wegen dessen dunkler Hautfarbe niedergestochen. Er beantragte eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren wegen versuchten Mordes, diese sei allerdings aufzuschieben zugunsten einer stationären therapeutischen Massnahme in einer geschlossenen Anstalt. Die fünf Richter fällen ihr Urteil heute. (rud)