Stadtentwicklung

Messeturm-Architekt Morger tritt kürzer – sein Claraturm wird erst noch gebaut

Architekt Meinrad Morger tritt kürzer – doch er bleibt ein scharfer Beobachter des Wandels in Basel. Sein Stolz ist der Messeturm, den er mit dem teils heftig umstrittenen Claraturm nun ergänzt.

Wer sich jüngere Basler Architekturgeschichte mit eigenem Auge anschauen möchte, der findet sie an der Spitalstrasse. Hermann Baurs denkmalgeschütztes Klinikum 1 steht dort, das Bettenhaus des Klinikums West von Silvia Gmür, die grün-reflektierende Spitalapotheke von Herzog & de Meuron, ein barockes Haus mit einem gepflegten Garten, gesichtslose Industriearchitektur aus den siebziger Jahren. Und die eigentümlich «gebrochene» Glasfassade des Gebäudes mit der Nummer 8/12.

Ein Klingelschild dort verrät: Hier arbeiten Morger Partner Architekten. Die Beschriftung lautete schon anders: «Morger Degelo» und danach «Morger Dettli» hatte da einst gestanden. Doch das ist Vergangenheit. Geblieben ist Meinrad Morger. Geboren 1957 in Appenzell, seit fast 40 Jahren in Basel lebend. Genauer gesagt: Er wird bleiben, in dem von ihm und Heinrich Degelo erdachten Gebäude weiter tätig sein. Aber in klar anderen Rollen. Vor ein paar Monaten hat er seine Firma, die derzeit über 60 Mitarbeiter zählt, an die leitenden Partner Martin Klein und Henning König übergeben. Der Gründer gibt die operative Geschäftsleitung also ab, bleibt seinem Büro per Fünfjahresvertrag jedoch als Präsident des Verwaltungsrats, als Berater und als entwerfender Architekt erhalten.

Das Gegenbild unseres Überflusses

«Ich will mit diesem Schritt der nächsten Generation eine Perspektive öffnen», sagt Morger bei einem Kaffee im lichtdurchfluteten Sitzungszimmer seines Büros. Für ihn selbst sei das nach drei Jahrzehnten im eigenen Büro eine Entlastung, für die Nachfolger eine Chance. Für Beobachter der Architekturszene kommen solche Teilrückzüge nicht überraschend. Sie sind der Versuch von Autoren-Architekten, ihre Firmen ohne harten Schnitt in Hände zu legen, die das Erbe in ihrem Sinn (und unter ihrem Namen!) weiterführen.

Ob Meinrad Morgers Teilrückzug gelingen wird, bleibt abzuwarten. So oder so hinterlässt er schon heute ein äusserst beachtliches architektonisches Werk. Die Architekturzeitschrift Hochparterre schrieb einmal, seine Bauten seien «vorwiegend begabte, virtuose Deklinationen von Aufgaben im rauen urbanen Klima». In seiner Wahlheimat Basel stechen Morgers grosse Bauwerke wie der gläserne Messeturm oder der silbern schimmernde Fachhochschul-Bau auf dem Dreispitz hervor. Aus seiner Feder stammt auch der Claraturm, dessen Fundament nach Jahren juristischer Auseinandersetzungen eben erst gelegt wurde.

Auf den Messeturm, errichtet zwischen 2000 und 2003, ist Morger heute noch stolz: Er sei wohlproportioniert. «Seine Fassade ist im ewigen Gespräch mit der Natur und dem Licht.» In der architektonischen Zurückhaltung sei dieses Gebäude «das Gegenbild unseres Überflusses». Morger sieht im Messeturm jenes architektonische Attribut zur Vollendung gebracht, nach dem er in seinem Werk immer strebt: der datierbaren Zeitlosigkeit.

Der versperrte Blick auf den Messeturm

Dieser Turm hat Meinrad Morger später auch in eine öffentliche Diskussion gebracht. Er hat keinen Hehl daraus gemacht, dass ihm die 2013 eröffnete Messehalle von Herzog & de Meuron ein Dorn im Auge ist: Sie zerstört die aus seiner Sicht städtebaulich wichtige Achse von der Mittleren Brücke bis zum Badischen Bahnhof – und versperrt damit auch den Blick auf den Messeturm. In Basels Architekturkreisen munkelte man, der Bau des Claraturms sei Morgers späte städtebauliche Wiedergutmachung dafür. Tatsache ist, dass Meinrad Morger keines seiner Gebäude isoliert betrachtet. Wichtig ist ihm stets auch die Auseinandersetzung mit der Umgebung, mit der Geschichte des Orts, der Morphologie und der Typologie.

Im Gespräch erweist er sich als intellektuell scharfer und mit einer sozialen Ader ausgestatteter Beobachter der Basler Stadtentwicklung. Er begrüsst zwar die Veränderungsprozesse, die der Stadt Wohlstand und gar Reichtum bringen. Andererseits erinnert er an jene, die in diesem Hype vergessen gehen, also die sozial Schwächeren: «Man muss diese Kehrseite der Medaille sehr ernst nehmen.» Es könne beispielsweise nicht sein, dass Menschen, die in der Stadt arbeiten, nicht auch dort wohnen und leben können. So befürwortet er, dass die Politik als Massnahme gegen Verdrängungsprozesse und Spekulation einen bestimmten Prozentsatz an gemeinnützigem Wohnraum festschreibt. Aber eine Wohnsitzpflicht, wie sie der Grosse Rat dem Wohnprojekt von Morger auf dem Areal des ehemaligen Radio-Studios Bruderholz auferlegte, gehe dann doch ein Stück zu weit.

Die Fassade als öffentliches Gut

Auch die Nutzung des öffentlichen Raums ist Meinrad Morger ein grosses Anliegen. «Als ich 1980 nach Basel kam, war er wenig existent, kaum jemand nutzte ihn.» Das habe sich in den vergangenen Jahren offensichtlich und massiv verändert. «Heute müssen wir dazu Sorge tragen, dass der öffentliche Raum nicht immer stärker vom Kommerz dominiert wird.» Dazu gehört eben auch Architektur, die nicht nur auf der Basis des Profits oder der Spekulation errichtet wird. «Jede Fassade ist öffentliches Gut», sagt Morger. Gesichtslose, unreflektiert gebaute Häuser trügen eben auch zu einer negativeren Wahrnehmung des öffentlichen Raums bei. Ebenso müssten, wo immer möglich, die Erdgeschosse «aktiviert» werden, um einer Entfremdung oder dem Gefühl einer Leere vorzubeugen.

Partnerschaften mit Brüchen

Meinrad Morger versteht sich und seinen Beruf in diesem Sinn nicht nur als Dienstleister, respektive als Dienstleistung. Sondern als Autor oder als Kunstschaffender, der eine Stadtkultur mitprägt. Gerade schwierige Rahmenbedingungen seien für ihn Ansporn zu architektonischen Höchstleistungen. Dies alles möchte er auch jüngeren Generationen mitgeben. Zwischen 2010 und 2017 war Meinrad Morger Professor für Entwerfen und Gebäudelehre an der Technischen Universität in Darmstadt. Seit 2017 amtet er am Karlsruher Institut für Technologie als Professor für Gebäudelehre.

Seine Laufbahn begann er mit einer Lehre als Hochbauzeichner, danach absolvierte er ein Architekturstudium an der HTL in Winterthur. Auf dem Weg zum heutigen Büro Morger Partner begleiteten ihn seine langjährigen Mitstreiter Heinrich Degelo (1988 bis 2005) und Fortunat Dettli (2006 bis 2015). Morger verhehlt im Rückblick nicht, dass diese zu Bruch gegangenen Partnerschaften ihn zeitweise sehr belastet haben. Er sagt jedoch auch, die Brüche hätten die Aussenwelt «mehr irritiert» als jene, die Einsicht gehabt hätten. «Trennungen sind Teil des Systems. Danach kämpft man sich wieder ins Geschehen zurück.» Und es beginne ein Neuanfang.

Die Behebung des urbanen Notstands

Auf die inoffizielle Basler Architekturkarte schaffte Meinrad Morger es erstmals mit der Überbauung Dreirosen-Klybeck (1993 bis 1996). Dieser Bau ist wohl ein Paradebeispiel dafür, was er meint, wenn er sagt: «Wir Architekten sollten nicht mit der romantischen Sehnsucht nach einer Idealstadt leben, sondern das Beste machen aus Brüchen.»

Zunächst ging es bei diesem Projekt darum, den Mangel an Turnhallen zu beheben. Daraus machten Morger und Degelo eine Idee, die auch den «urbanen Notstand» beheben sollte: Die Turnhallen wurden unter den Boden verlegt, oberirdisch entstanden neue Schulräume und 29 Wohnungen – unauffällig modern und datierbar zeitlos.

Autor

Patrick Marcolli

Patrick Marcolli

Meistgesehen

Artboard 1