Nähkästchen

Michael Hediger über Musik und die Arbeit im «Hirscheneck»: «Sorgen gehören zum Menschsein»

Michael Hediger (53) zieht aus dem Nähkästchen der «Schweiz am Wochenende» den Begriff «Sorgen».

Michael Hediger (53) zieht aus dem Nähkästchen der «Schweiz am Wochenende» den Begriff «Sorgen».

Michael «Hede» Hediger ist Musiker, Tontechniker und Service-Urgestein im «Hirscheneck». Er spricht über Sorgen seiner Branche(-n).

Michael Hediger, welchen Begriff haben Sie aus dem Nähkästchen gezogen?

Michael Hediger: Sorgen!

Was kommt Ihnen dabei als erstes in den Sinn?

Da wären zu allererst sicher immer finanzielle Fragen. Hat man Ende Monat genug Geld, um alle Rechnungen zu bezahlen? Solche Gedanken macht sich wohl fast jeder einmal. Aber eigentlich kann es überall kleine Sorgen geben, die auftauchen – sei das etwa in der Liebe, im Beruf oder am Auto. Wichtig finde ich, dass man in jeder Krise immer auch Chancen sehen sollte. Sonst macht man sich nur kaputt.

Sie arbeiten seit über zwanzig Jahren im «Hirscheneck» im Service. Ist man da manchmal ein wenig Ersatz-Psychiater für die Gäste?

Es kommt schon vor, dass die Leute einmal ihre Sorgen an einen herantragen, wenn man ins Gespräch kommt. Aber umgekehrt ist es dasselbe. Auch wenn mich etwas beschäftigt, kann ich das im «Hirschi» loswerden. Aber natürlich geht jeder auch anders mit seinen Sorgen um. Man muss selbst wissen, wie viel man preisgeben will. Je später der Abend wird, desto leichter fällt einem das sicher auch (lacht). Aber grundsätzlich bin ich dabei schon eher der Zuhörer, der kommentiert.

Sie sind letzte Woche 53 Jahre alt geworden. Bemerken Sie da eine Veränderung in dem, was Sie beschäftigt?

(Lacht) Auf jeden Fall! Es kommt anderes auf einen zu und man muss sich mit Dingen befassen, die einem vor zwanzig Jahren vielleicht noch egal waren. Altersvorsorge wäre etwa so ein Thema.

Sie sind in der Punk-Rock-Szene gross geworden. Dort lebt man eher auf Moment fixiert. Können auch Rocker älter werden und über Dinge wie Altersvorsorge und Pensionierung nachdenken?

Ich glaube, das macht jeder Mensch. Das kommt nicht darauf an, aus welcher Szene er stammt oder welchen Lebenshintergrund er hat. Sich Sorgen um die Zukunft zu machen, gehört irgendwo zum Menschsein. Gerade in Zeiten wie diesen.

Sie sind nicht nur Service-Mitarbeiter, sondern auch in der Musikbranche tätig. Wie haben Sie die Lockdown-Monate als Kulturschaffender erlebt?

Am Anfang war es – ehrlich gesagt – ziemlich beschissen. Ich kam gerade von einer Europa-Tour zurück, wo ich als Tontechniker dabei war. Da war man nonstop unter Leuten. Wenige Tage später war alles dicht und man sitzt plötzlich zuhause. Da fühlte ich mich nach zwei Wochen ziemlich eingesperrt. Aber letztlich sind alle in der Band gesund geblieben – und das ist das Wichtigste.

Trotzdem werden auch Sie die finanziellen Einbussen durch Event-Absagen zu spüren bekommen haben.

Das ist so. Aber man kann es nun mal nicht ändern. Was mich aber wirklich stört, ist, wie träge mit der Hilfe für Kulturschaffende umgegangen wird. Zu Beginn des Lockdowns habe ich zwei Formulare für eine Ausfallentschädigung eingereicht. Bis heute warte ich auf eine Antwort, nicht einmal den Erhalt der Unterlagen hat man mir bestätigt. Und das nach den grossen Ankündigungen, die gemacht wurden. Da bekommt man schon das Gefühl, man sei diesen Stellen schlicht egal.

Das Corona-Virus wird uns noch Jahre beschäftigen. Sehen Sie die Live-Kultur in Gefahr?

Das nicht unbedingt. Aber man muss jetzt schon aufpassen, dass gerade die Veranstalter, die teilweise enorm gelitten haben, nicht vergessen werden. Trotzdem glaube ich nicht, dass Live-Konzerte aussterben werden. Sobald es wieder möglich sein wird, vor Publikum zu spielen, wird man das auch tun. Denn für dieses Gefühl leben wir Musiker.

War ihr Hintergrund in der Musikszene auch der Grund, wieso Sie vor gut zwanzig Jahren im «Hirscheneck» angeheuert haben?

Ich war im Aargau bereits als Konzertveranstalter tätig und hatte einen Plattenladen. Meine damalige Freundin machte mich dann darauf aufmerksam, dass im «Hirschi» ein Koch gesucht wird. Ich habe mich beworben, aber gleich gesagt, dass mich eigentlich der Konzertkeller viel mehr interessiert. Und keine zwei Monate später durfte ich meine erste Show organisieren. So bin ich hineingerutscht. Heute wohne ich sogar direkt über der Beiz.

Der Konzertkeller im «Hirscheneck» ist mindestens so bekannt wie die Organisation des Lokals. Alle Mitarbeitenden erhalten denselben Lohn und leiten den Betrieb im Kollektiv. Wie haben Sie das erlebt?

Ich war zweieinhalb Jahre im Kollektiv dabei, jetzt bin ich nur noch als Aushilfe angestellt. Die Entscheidungsfindung hier ist eine ganz andere, weil jeder mitreden darf und soll. Da werden die Prozesse einerseits viel träger, andererseits aber auch viel durchdachter. Auf jeden Fall macht es das «Hirschi» einzigartig.

In den letzten Jahren kam die Techno-Szene immer mehr auf und drängte sich auch im «Hirscheneck» zwischen Rock- und Punk-Events. Hatten Sie da Sorgen um die Identität des Lokals?

Am Anfang war das schwierig. Wenn unten Techno war und oben die Beiz normal lief, dann waren das einfach zwei Welten, was überhaupt nicht gepasst hat. Die Techno-Leute sind etwa einfach durch den Hintereingang rein. Heute sind neue Leute für die Organisation zuständig und es wird viel mehr auf eine Symbiose der beiden Szenen geachtet. So funktioniert es sehr gut.

Das Lokal musste unlängst einen Spendenaufruf starten. Wie schlimm steht es ums «Hirschi»?

Das «Hirschi» hatte das Glück, das vor zwanzig Jahren irgendwer eine Pandemie-Zusatzversicherung abgeschlossen hat. Aber natürlich hat man trotzdem enorme Umsatzeinbussen und einen Rattenschwanz, der sich noch Jahre weiterziehen wird. Wir hoffen jetzt einfach, dass sich alles baldmöglichst normalisiert und wir ab Herbst wieder mit Events starten können.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1