Buch
Michael-Jackson-Biograph: «Seine Songs höre ich immer noch täglich»

Michael Jacksons General Manager Dieter Wiesner war über Jahrzehnte lang engster Vertrauter des Pop-Stars. Nach Jacksons Tod schrieb er ein Buch über seinen Schützling.

Céline Feller
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Dieter Wiesner war von 1996 an und bis zum Tod Michael Jacksons am 25. Juni 2009 sein General Manager und engster Vertrauter.

Dieter Wiesner war von 1996 an und bis zum Tod Michael Jacksons am 25. Juni 2009 sein General Manager und engster Vertrauter.

Roland Schmid

Herr Wiesner, Sie waren über ein Jahrzehnt lang der General Manager und engste Vertraute von Michael Jackson. Was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie an ihn denken?

Dieter Wiesner: Als ich ihn kurz vor seiner «HIStory Tour» 1995 kennen lernte, und auch anfangs auf der Tour, auf der ich ihn begleitete, war er einfach der Mega-Künstler. Er war immer total fokussiert, der absolute Perfektionist.

Und wie war er privat?

Ganz anders. Er war völlig «down to earth» und zurückhaltend. Seine Neverland Ranch war kein pompöses Schloss, sondern ein Anwesen im Landhausstil. Es gab bei ihm nach den Konzerten keine Aftershow- oder Champagner-Partys. Er wollte immer zurück ins Hotel zu seinen Kindern.

Haben Sie nach den vielen Jahren als sein engster Vertrauter heute noch Kontakt zu seiner Familie?

Ja, ich habe einen guten Kontakt zu ihnen. Ich helfe ihnen, wenn es irgendwelche Fragen gibt. Das ist eine sehr persönliche Sache. Dort bin ich nicht mehr sein Manager, sondern ein Freund der Familie.

Überwiegt bei Ihnen heute noch immer die Trauer über seinen Tod, oder die Freude, ihn gekannt zu haben?

Dass man überhaupt mit so einem Menschen zusammenkommen darf, ist ungewöhnlich und besonders. Als er gegangen ist, war es, als hätte ich ein Familienmitglied verloren. Ich kann es heute ab und zu noch immer nicht glauben. Manchmal denke ich, mein Telefon müsste bald klingeln und er mich wieder mal anrufen. Dann merke ich, dass es wahr ist, dass er nicht mehr da ist. Die Fassungslosigkeit wird wohl nie ganz verschwinden. Da wäre noch so viel gewesen, was er hätte machen wollen.

Was zum Beispiel?

Schon während der «HIStory-Tour» zeichnete sich ab, dass es seine letzte Tour sein sollte. Für ihn war klar, dass er in der Musik alles gemacht hatte, was er machen konnte. Dass er nicht mehr an das, was er gebracht hatte, würde anschliessen können und dass er ab 50 keinen Moonwalk mehr würde tanzen wollen. Also wollte er den nächsten Schritt machen. Sein Traum war es immer, Filme zu kreieren. Zuerst wollte er sein eigenes Leben digital aufarbeiten und dann Filme machen. Er glaubte, dass man mit Filmen nicht in Vergessenheit gerät, denn das war eine Angst, die er tief in sich hatte. Er hat nicht gesehen, dass seine Songs auch für immer bleiben werden.

Um Filme zu machen, plante er unter anderem die Übernahme einer heute sehr bekannten und grossen Firma.

Genau, Michael wollte Marvel übernehmen. Er hatte schon immer eine Nase für solche Dinge, er war ein unglaublicher Geschäftsmann. Die Skandale und Anschuldigungen, die 2003 über ihn hereingebrochen waren, haben die Übernahme aber verhindert. Hätte es geklappt, wäre er mit dem Marvel-Katalog, und dem Beatles-Katalog, der ihm bereits gehörte, heute einer der reichsten Menschen. Und er wollte mit seinem MJ Universe junge Künstler fördern.

Auch dieses Projekt scheiterte an den Skandalen rund um ihn. Sie führen diese Pläne für ihn aber fort. Können Sie erklären, wieso er ausgerechnet Sie zum engsten Vertrauten machte?

Das kann ich bis heute nicht sagen. Er wurde an einem 29. und ich an einem 27. August geboren. Vielleicht hat man da das Feeling, wie der Andere funktioniert. Es hat einfach gepasst, und zwar von Anfang an. Wenn ich es geplant hätte, mit ihm zusammenzuarbeiten, hätte es nicht geklappt.

Sie waren ja gar kein Fan von ihm.

Das war ich nicht, das stimmt. Ich habe nie gesagt «wow, dieser Michael Jackson», oder hätte mir nie eine Platte gekauft oder eines seiner Konzerte besucht.

Aber Sie wurden zu seinem engsten Vertrauten, zu seinem Kummerkasten.

Ja, er hatte ja sonst niemanden. Die Familie war die ganzen Jahre über nicht involviert. Ausser Janet, ihr stand er sehr nahe, und seiner Mutter. Aber ihr hätte er nie erzählt, was ihn innerlich am meisten fertig macht, diese weltweiten Anschuldigungen.

Wie hat er die aufgenommen?

Er sass stundenlang auf dem Bett, weinte bitterlich. Das war ein ganz übles Spiel und das einzige Spiel, mit dem man ihn überhaupt kriegen konnte. Das hat ihn gebrochen als Mensch, nicht aber seinen Lebenswillen. Er wollte leben, er hätte seine Kinder nie alleine gelassen. Das war nie ein Thema. Nie. Er hat Fehler gemacht in seinem Leben, beispielsweise seine Verwandlung von einem Schwarzen zu einem Weissen. Er wollte zeigen, dass das alles nur Farbe ist, dass man die verändern kann. Und er hat gemeint, er wäre als schwarzer Künstler nichts geworden. Aber: Er hätte es kein zweites Mal getan. Nichtsdestotrotz war er mit sich zufrieden und im Reinen. Er wollte leben.

Wusste die Familie diese tiefgründigen Dinge über ihn?

Nein, die wussten Einiges nicht. Das war auch mit ein Grund, wieso Michaels Mutter Katherine mich darum gebeten hat, ein Buch zu schreiben. Ich sollte ihn so darstellen, wie er wirklich war. Und diesen Wunsch wollte ich ihr mit «Die wahre Geschichte» erfüllen.

Wie erinnern Sie sich an ihn?

Die ganzen Shows über ihn, im Cirque du Soleil oder die «Thriller»-Show, habe ich mir nie angesehen. Ich war so nahe dran, da wäre es komisch, mir ein Double anzusehen. Auch «This is it» habe ich nicht geschaut. Aber ich höre jeden Tag seine Musik.

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