«Das ist mein Selbstporträt als Mülleimer», sagt Michael Landy und stellt sich neben das Kunstwerk. Quietschentengelb, hüfthoch, mit einem ikonischen Männchen darauf, das etwas wegwirft. Wir stehen inmitten seiner am Dienstag eröffnenden Ausstellung «Out of Order», der ersten Retrospektive, die das Basler Museum Tinguely dem britischen Künstler widmet. Und der Mülleimer ist tatsächlich die kompakte Zusammenfassung von Michael Landys Wesen und Wirken.

Denn dieser Mann kann aus Abfall alles produzieren – und produziert alles zu Abfall. Seine freudige Zerstörungswut macht keinen Halt vor nichts. Am eindrücklichsten bewies er das 2001, als er sein gesamtes Hab und Gut, 7227 Sachen, erst katalogisierte, dann zerstörte. Restlos alles, vom Saab 900 bis zur Zahnbürste. Kunstwerke – die eigenen und die anderer Künstler. Sogar sein Pass, seine Geburtsurkunde und all sein Geld landeten am Ende in einer Mülldeponie. Nur Michael Landy blieb zurück, unter nll, mit Schulden.

Michel Landys Ausstellung "Out of Order" im Museum Tinguely 2

Eine von Landys Maschinen-Skulpturen in Aktion.

   

Zuvor wohnten 50'000 Personen dem zweiwöchigen Zerstörungsakt bei. In einem eben leergewordenen Kaufhaus von C&A an der Oxford Street, Londons Shopping- und Konsummeile par excellence. Dort drehte Ding um Ding eine Runde auf dem Fliessband, bevor es in seine Einzelteile zerlegt und dann zerschreddert wurde. Geblieben ist materiell nichts, doch geistig ganz vieles. Zuvorderst die Frage: «Wie haben wir es mit dem Konsum?»

Heilige als Skulptur-Maschinen

«How can I fuck it up for myself?» Wie kann ich es mir selber verderben? Mit dieser Frage habe jenes Kunstprojekt «Break Down» seinen Lauf der Dinge genommen, sagt Landy. Im Museum zu sehen ist ein Video des Zerstörungsprozesses im Kaufhaus sowie eine enorme weisse Wand, auf dem das gesamte Inventar aufgelistet ist.

Die Faszination für die Zerstörung begann aber schon viel früher. Schon als Kind zerlegte er gerne Sachen. Später widmete er sich über Jahre obsessiv Tinguelys Werk «Homage to New York». Dieser riesigen Maschinen-Skulptur baute Tinguely einen Selbstzerstörungsmechanismus ein, sodass sie sich, nach einer 27-minütigen Vorführung im Garten des Museums of Modern Art, selbst vernichtete.

Das war 1960 in New York. Jahre später sammelte Landy zusammen, was doch davon übrig geblieben war. Gerne hätte er diese Maschine nochmals zusammengeschweisst – um sie nochmals sich selbst zerstören zu lassen. Doch Tinguelys Nachfahren waren dagegen. Stattdessen hat Landy die ganze Geschichte in vielen Bildern und einem Dokumentarfilm aufgearbeitet. Eine Hommage an «Homage to New York».

Zerstörung ausgesetzt sind auch die katholischen Heiligen. Inspiriert von Renaissancebildern in der Londoner Nationalgalerie hat Landy aus allerlei Schrott und Antiquitäten überlebensgrosse, kinetische Figuren geschaffen. Selten haben Heilige so Spass gemacht. Die Besucher dürfen sie mit Steinen bewerfen, via Pedal in Bewegung setzen oder mit einem Glücksgriff per Kran ein T-Shirt aus dem heiligen Franziskus ziehen. Der gibt ja gern. Hinter dem Witz wartet aber stets der Ernst. Und richtig traurig macht Landys Auseinandersetzung mit der Geschichte seines Vaters, ein Bergarbeiter, der nach einem Arbeitsunfall den Rest seines Lebens gesundheitlich angeschlagen war.

Michel Landys Ausstellung "Out of Order" im Museum Tinguely

Landys Kunst lässt sich noch bis zum 25. September bewundern.

   

Trotzdem: Der schwarze, britische Humor überwiegt. Sogar das Tinguely- Museum hat Michael Landy schon in die Luft gesprengt. Jedenfalls in seiner Fantasie, wie eine Zeichnung belegt. Vorsicht, Herr Museumsdirektor!

www.tinguely.ch