Herr Patrignani, worüber reden wir?

Über Entscheidungen. Spannendes Thema! Die Entscheide, die wir fällen, prägen unseren Lebensweg.

Tun Sie sich schwer damit?

Eigentlich nicht. Und falls doch, dann eher bei «einfachen» Entscheidungen. Zum Beispiel, wenn ich Kleider einkaufe. Meist kann ich mich nicht zwischen zwei Hemden entscheiden, die ich anprobiert habe.

Und dann?

Nehme ich alle beide (lacht).

Sind Sie ein Schnäppchenjäger?

Nein, ich bin ein bedarfsorientierter Einkäufer. Selbstverständlich schaue ich auf den Preis, wenn ich etwas kaufen will. Aber ich lasse mich nicht zum Kauf verleiten, nur weil der Preis herabgesetzt ist.

Sie sind seit fünf Jahren Chef der Migros Basel. Erzählen Sie von Ihrer ersten Erinnerung an einen Migros-Laden.

Meine Eltern, italienische Einwanderer, gingen gerne bei Manor einkaufen, wegen des italienischen Sortiments. Der Rest wurde in der Migros gekauft. Da kann ich mich vor allem an die Cremeschnitten erinnern. Die habe ich geliebt.

Ihr Job ist kein Zuckerschleck: Die Migros Basel hat im 2016 weniger Umsatz verzeichnet. Sie haben dies vor allem der rasanten Zunahme des Onlinehandels zugeschrieben. Hand aufs Herz: Kaufen Sie nie online ein?

Gewiss. Aber sehr gezielt. Laserkartuschen für meinen Drucker zum Beispiel. Aber ich lasse mir nie eine Auswahl Kleider ins Haus kommen und schicke dann wieder einen grossen Teil zurück. Das ist ein No-Go.

Ist doch bequem, alles in Ruhe zu Hause anzuprobieren.

Ich gehe lieber in den Laden, lasse mich beraten in guter Atmosphäre. Das finde ich nicht in einer Kartonschachtel.

Sie müssen mit gutem Beispiel vorangehen, sonst sind Ihre Läden bald leer.

Das glaube ich nicht. Im Frischebereich und mit Regionalität können wir uns gegenüber Online und dem Ausland abheben. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Ich möchte den Onlinehandel nicht verteufeln. Wenn man im Internet einkauft, heisst das nicht, dass man sich gegen den stationären Handel entscheidet. Vielmehr verschmilzt das Einkaufen im Laden heute mit dem digitalen Shopping.

Apropos Ausland: Der Euro ist deutlich erstarkt. Eine positive Entwicklung für die Migros Basel?

Davon merken wir nichts. Der Konsument ändert seine Einkaufsgewohnheiten nicht von heute auf morgen, leider.

Also kein gutes Geschäftsjahr 2017?

Es ist weniger schlimm als befürchtet. Wir haben jedoch wieder an Umsatz verloren und gleichzeitig Marktanteile gewinnen können. Letzteres ist sehr erfreulich.

Auf Kosten von kleineren Anbietern oder von Coop?

Auf Kosten unserer Hauptkonkurrenten.

Woher kommt die Umsatzeinbusse?

Besonders die zahlreichen Baustellen in der Stadt haben uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Unter jener auf der Mittleren Brücke, der Münchensteinerbrücke und am Aeschengraben haben der Claramarkt respektive MParc respektive das Drachencenter enorm gelitten. Ich fühlte mich ohnmächtig. Deshalb habe ich im Frühherbst Kontakt mit der Regierung aufgenommen und meinem Ärger Luft gemacht. Ich stelle nicht infrage, dass gebaut werden muss ...

... aber sie hätten sich Unterstützung vom Kanton Basel-Stadt gewünscht?

Ja. Die Antwort ging so: Unser Filialnetz sei doch gross genug, die Kunden würden in einer anderen Filiale einkaufen. So einfach ist es nicht! Mehr Entgegenkommen vonseiten der Stadt wäre begrüssenswert.

Inwiefern sonst noch?

Das Stimmvolk entschied vor vier Jahren gegen liberalisierte Ladenöffnungszeiten. Das akzeptieren wir. Aber es muss doch die Möglichkeit für Ausnahmen geben, etwa dieses Jahr am Samstag, 23. Dezember. Wir fragten an, ob wir zwei Stunden länger geöffnet haben dürfen, wie auch die Geschäfte in Deutschland. Es ist nicht möglich, weil es das System nicht zulasse, so der Wortlaut der Regierung.

Sie haben es vorhin angesprochen: Die Erreichbarkeit eines Detaillisten ist matchentscheidend. Sind Sie zufrieden mit dem Filialnetz in der Region?

Insgesamt ja. Allerdings geht der Trend wieder hin zu kleinen Quartierläden. Wir halten stets die Augen hinsichtlich geeigneter Standorte offen, besonders für das Konzept Migros-Partner. Danach ist der Bedarf da, besonders sonntags!

Bei Sonntagseinkäufern ist auch die Filiale am Bahnhof beliebt. Diese wird derzeit umgebaut. Wann findet die Wiedereröffnung statt?

Erst in zirka vier Jahren. Dafür wird sie dereinst mehr als doppelt so gross sein.

Würde nicht auch noch ein kleiner Laden am Bahnhof Sinn machen?

Doch, wir schauen uns derzeit mögliche Verkaufsflächen an.

Vor Migros zeichneten Sie bei Manor für den Sektor Food verantwortlich. Was hat zum Entscheid geführt, zu wechseln?

Nun, den Ruf der Migros konnte ich kaum ignorieren (lacht). Es ist eine Marke, welche die Schweiz verkörpert, ist mit vielen Emotionen verbunden. Der Wechsel war also kein Entscheid gegen Manor.

Aber heute sind Sie sicher froh; Manor muss laufend Stellen streichen, im September wurde der Abbau von rund 200 Arbeitsplätzen bekannt gegeben.

Froh nicht. Ich leide mit meinen ehemaligen Arbeitskollegen mit.

Sie sind seit mehr als einem Jahrzehnt in Basel tätig. Ihr Wohnsitz befindet sich aber im Kanton Schwyz. Weshalb sind Sie nicht hierher gezogen?

Ich war beruflich schon immer viel unterwegs, wollte aber, dass meine Frau und die beiden Töchter einen Ort haben sollen, an dem sie Wurzeln schlagen können.

Entscheiden Sie eigentlich eher intuitiv oder lassen Sie sich von Ihrer Ratio, Ihrer Vernunft, lenken?

Zahlen gehören zur Entscheidungsfindung. Im Zweifelsfall vertraue ich aber auf mein Bauchgefühl. Das hat bisher gut funktioniert, ich habe im Geschäftsleben meist die richtigen Entscheide gefällt.

Sie bereuen nichts?

Im Nachhinein nicht. Ich war zur Jahrtausendwende während drei Jahren in der Elektronikbranche tätig und realisierte bald, dass dieser Bereich mich nicht glücklich macht.

Auf die längere Sicht war es jedoch ein guter Entscheid, zu bleiben und die Firma durch die Krise zu manövrieren. Diese Erfahrung war sehr wertvoll für meine Karriere, daran bin ich gewachsen. Entsprechend ist es ein guter Entscheid, die Komfortzone auch mal zu verlassen.