Nähkästchen

Miguel Engewald: «Ich werde nicht gerne Lebenskünstler genannt»

Im Nähkästchen der «Schweiz am Wochenende» verstecken sich verschiedene Begriffe. Das Thema für Miguel Engewald: «Tagträume».

Im Nähkästchen der «Schweiz am Wochenende» verstecken sich verschiedene Begriffe. Das Thema für Miguel Engewald: «Tagträume».

Der ehemalige Zirkus-Artist und Gastronom Miguel Engewald plaudert aus unserem Nähkästchen. Über Tagträume in den Süden und Feuerschlucker an der Rezeption.

Herr Engewald, worüber reden wir?

Bei diesem herbstlichen Wetter reden wir über nichts anderes als über Tagträume.

Der Begriff passt zu Ihnen, oder?

Ziemlich. Ich glaube, ich bin ein Träumer.

Wovon träumen Sie im Moment?

lch habe ständig irgendwelche Projekte im Kopf, träume von zwischenmenschlichen Dingen und davon, die Euro-Millions zu gewinnen. Darin kann ich mich suhlen.

Erfüllen Sie sich mit der Bar auf der Kraftwerkinsel Ihren Lebenstraum?

Zu diesem Ort kam ich zufällig, von einem Gastrobetrieb in Wohnwagen träume ich schon lange. Eigentlich, seit ich nicht mehr als Artist arbeite. Einerseits bin ich mit meinen 45 Jahren zu alt für Hochseil-Akrobatik, anderseits hatte ich einen Unfall, der mich eine Weile ausser Gefecht gesetzt hat.

Die Wohn- und Zirkuswagen sind demnach Ihr letzter Zirkus-Strohhalm?

Ja, vielleicht. Und Wohnwagen sind halt etwas Romantisches. Ich habe schöne Zeiten im Wohnwagen erlebt, als ich noch darin wohnte. Es ist intensiv, auf einer dermassen kleinen Fläche zu leben, man ist wie gefangen. Es ist ein schönes Gefängnis.

Warum leben Sie nicht mehr im Wohnwagen?

Das Leben im Wohnwagen ist nur auf einem Platz mit anderen Leuten toll. Allein stelle ich es mir einsam vor. Oder anders gesagt: Ich muss dort arbeiten können, wo ich wohne. Wäre es erlaubt, auf der Kraftwerkinsel zu leben, würde ich das tun.

Als Sie erstmals ein Konzept für eine Wohnwagen-Beiz ausarbeiteten, waren Foodtrucks kein Thema. Jetzt schiessen sie wie Pilze aus dem Boden. Sind Foodtrucks eine grosse Konkurrenz?

Nein, ich sehe es als Ergänzung. Als ich der Allmendverwaltung vor gut zwei Jahren ein Projekt vorstellte, hiess es: Sie kommen zu früh! Basel ist noch nicht so weit.

Ihr «La Strada»-Projekt hatte in der Rheingasse wegen Einsprachen keine Chance. Mussten Sie jetzt in Birsfelden auch bangen, dass es nicht klappt?

Im Gegenteil. Der CEO des Kraftwerks war von Anfang an offen. Bereits nach wenigen Sitzungen war klar: Wir machen das!

Kam Widerstand aus der Bevölkerung?

Den gab es bis jetzt kaum. Wobei vor einigen Tagen, als wir am Aufbauen waren, eine Frau mit ihren Hunden vorbeikam und sich beschwerte, dass es dort nun auch eine Partymeile gäbe. Wir konnten sie aber beruhigen, indem wir ihr sagten, dass wir nur bis 22 Uhr offen haben dürfen. Sonst reagieren die Leute bisher aufgeschlossen.

Rutschen Sie immer ins Glück herein?

Oh nein! Ich muss oft lange kämpfen und hart arbeiten, um meine Ziele zu erreichen. In Birsfelden zahle ich etwa sehr viele Gebühren für die Gelegenheitswirtschaft. Mir fällt nicht alles in den Schoss.

Sie haben als Ergänzung zu den drei Wohnwagen zwei alte Zirkuswagen gekauft. Wie sind sie dazu gekommen?

Ich kenne noch Leute aus der Zirkus-Szene, dort habe ich herumgefragt. Die sind manchmal froh, wenn sie mit den alten Wagen etwas Geld verdienen können. Für mich war es wie Weihnachten, als ich die Wagen mit dem Traktor abgeholt habe.

Was machen Sie nach dem Sommer?

Ich wurde schon von zwei Messen angefragt, ob ich mit «La Strada» teilnehme.

Also bleiben Sie ein Reisender?

Ja, aber ich mag nicht jede Art von Reisen. Märkte etwa sind nicht mein Ding, wie ich feststellen musste, als ich neulich teilnahm. Ausserdem ist es recht stressig, so früh am Morgen anzufahren, alles auf- und am Abend wieder abbauen zu müssen.

So kommen Sie nie zum Tagträumen.

Doch, abends. Im Bett spinne ich den Tag in Gedanken weiter, stelle mir vor, wohin es mich mit «La Strada» verschlägt — und lande plötzlich an der Côte d’Azur. Was mir weniger liegt sind Tagträume à la Hans Guck-in-die-Luft. Ich mag es auch nicht, wenn Leute sagen, ich sei ein Lebenskünstler.

Dieser Begriff ist für mich nicht positiv besetzt. Ich arbeit zu hart und zu gern, um das sein zu können, was ich mir unter einem typischen Lebenskünstler vorstelle.

Sie riskieren immer wieder was Neues, reissen neue Projekte an, vielleicht verstehen die Leute das darunter.

Ja, klar, aber ich muss wie jeder andere auch Miete zahlen, Krankenkasse, Versicherungen und all das. Oder finden Sie, ein Lebenskünstler sei etwas Positives?

Ich weiss es nicht. Lassen Sie uns nochmals übers Träumen reden. Welchen Traum wollen Sie sich noch erfüllen?

Ich möchte eine eigene Familie gründen. Beruflich träume ich davon, wieder einmal eine Art Varieté zu haben, wie damals beim «Atrio Vulcanelli» wieder in Kombination mit Gastronomie. Das kann auf der Reise sein, aber auch an einem festen Ort, eine Art Hotel zum Beispiel.

Der Mann an der Rezeption wäre gleichzeitig ein Feuerschlucker und das Zimmermädchen würde das Bett im Handstand machen (lacht). Ich möchte die Kunst mitten ins Leben holen.

Eröffnung am 1. Mai: Café-Bar «la Strada» auf der Kraftwerkinsel Birsfelden. Mo bis Sa, 11 bis 22 Uhr. So 10 bis 22 Uhr.

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