Die Sonne brennt heiss auf die rote trockene Erde, die das Backsteinhaus umgibt. Den zwölf Kindern tut dies jedoch nichts ab. Lachend und rangelnd tümmeln sie sich um einen abgewetzten, braunen Lederball, den sie freudig von Seite zu Seite befördern.

Dieses Bild eröffnete sich Mira Muheim, angehende Kleinkinderzieherin, als sie im Jahre 2014 zum ersten Mal auf das Kinderheim «Makimei Childrenshome» in Kikuyu in Kenia zuging. Im Rahmen ihres Zwischenjahres entschied sich die heute 22-Jährige für einen Freiwilligeneinsatz im Ausland. Gemeinsam mit Freundin Lea Sprecher flog die Baslerin nach Kenia. Dort verbrachte sie die nächsten vier Monate mit der Betreuung, Fürsorge und Pflege der rund 58 Pflegekinder, die im Heim Makimei untergebracht sind. «Diese vier Monate prägten meine Weltansicht signifikant. Ich durchlebte Freude, Trauer, Mitgefühl und Zusammenhalt. Und ich wusste, dass ich diese Kinder nicht einfach so zurücklassen kann», sagt Muheim.

Versorgung aus der Schweiz

So entstand die Idee eines Vereins, der die Kinder und die Heimleiter unterstützen soll. Zurück in der Schweiz legte Muheim grosses Engagement an den Tag und fand zwei Mitstreiterinnen, die den Verein «Yamoyo» mitgründeten. Dabei übernahm Nicole Zingg den Posten der Kassierin, Andrea Zanforlin erhielt die Verantwortung für das Sekretariat. Im Mai 2016 wurde der Verein offiziell anerkannt. Ein Meilenstein: «Von diesem Punkt an begannen endlich auch die Kinder von unserer Arbeit zu profitieren», so die Gründerin.

Denn dies ist Muheims Kernanliegen: «Bei uns gehen sämtliche Spenden direkt nach Kenia, sodass die Kinder bestmöglich unterstützt werden können.» Konkret verfolgt der Verein Yamoyo fünf Missionen. Die Spenden gehen zum einen in die Beschaffung von Lebensmitteln, zum anderen in den Kauf von Hygieneartikeln für alle Kinder. Speziell fördern will der Verein auch die Ausstattung für Neugeborene, da sich Windel- und Babyartikelpreise beinahe auf Schweizer Niveau bewegen.

Des Weiteren möchte Yamoyo die medizinische Versorgung und den Lohn der Heimleiterin Rachael Stephens decken. Diese ist zugleich das erste Kind, dass die Heimmutter Margaret Muturi aufnahm.

Polizistin wird Heimmutter

1982 fuhr Muturi auf dem Weg zur Arbeit direkt an einen tragischen Unfall heran: Ein Kleinbus stiess mit einem Auto zusammen. Der Anblick, der sich der damals 22-jährigen Polizistin bot, war verheerend. 13 Tote, die einzigen Überlebenden sind drei Kleinkinder. Muturi selbst brachte die drei in ein privates Spital, um sicherzustellen, dass sie eine angemessene Behandlung erhielten. Und tatsächlich überlebten die drei. Muturi konnte jedoch nur für die älteren zwei Unterschlupf bei Verwandten finden, daher nahm sie die kleine Stephens mit sich nach Hause. Daraus entstand das Makimei Childrenshome, in dem heute über 50 Kinder – Waisen oder Opfer von sexuellem Missbrauch oder körperlicher Gewalt – untergebracht sind. «Muturi ist die Mutter des Heimes, und ich habe noch nie eine Person mit einem so grossen Herzen kennen gelernt wie Muturi. Sie liebt jedes Kind wie ihr eigenes und versorgt es mit Liebe und Zuwendung», so Muheim.

Verein will Grundstück kaufen

Dabei stösst Muturi jedoch auch immer wieder an ihre Grenzen, da das Kinderheim nur über begrenzten Platz verfügt. «Momentan schlafen zwei bis vier Kinder in einem Bett, und jeweils acht bis zehn in einem Zimmer», erinnert sich Muheim. Gegessen wird in einem Zelt im Hof, das Haus ist zu klein für einen eigenen Essraum.

Dennoch kostet die Miete für das Heim umgerechnet 400 Schweizer Franken pro Monat. Von dem kenianischen Staat erhält Muturi keine Unterstützung. Aus diesem Grund verfolgt der Verein Yamoyo langfristig das Ziel, ein Grundstück mit einem Haus für das Kinderheim zu kaufen. Die Gelder für die täglichen Produkte haben jedoch Vorrang. «Das wichtigste ist für uns, dass es den Kindern gut geht», so Muheim.

Traurige Schicksale

Viele Kinder kommen aus sehr misslichen Umständen, wenn sie das Kinderheim erreichen. Am meisten berührt hat Muheim die Geschichte von Baby «Lucky». «Eines Morgens betrat ich das Schlafzimmer der Heimmutter, um einige Tücher zu holen. Als ich am Bett stand, hörte ich plötzlich einen flachen, leisen Atem», erzählt Muheim. Als sie sich umdreht, entdeckt sie ein winziges Neugeborenes, das die 22-Jährige mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. Erstaunt erkundigte sich Muheim daraufhin bei der Heimleiterin, wer das Kind denn sei. «Muturi erklärte mir, das die Polizei das Baby am Abend zuvor in einem geschlossenen Plastikbeutel entdeckt habe. Im letzten Moment konnten sie den Säugling befreien und brachten ihn daraufhin zu Muturi.»

Erlebnisse wie diese veranlassten die Baslerin dazu, die Dinge in die eigenen Hände zu nehmen. «Viele Menschen wollten mir weismachen, dass mein Verein so oder so nur ein Tropfen auf den heissen Stein sei. Ich kann nicht die ganze Welt retten. Doch zu wissen, dass ich das Leben von 58 Kindern erleichtern und verbessern kann, macht mich glücklich.»