In der Stadt kleben an zahlreichen Strassenlaternen und Verkehrsschildern Stickers, die auf Missstände hinweisen (siehe Bild). Sie stammen vom Lernendenkollektiv, das eine ebenfalls anonym gehaltene Website betreibt, wo ein gutes Dutzend konkreter Probleme inklusive Forderungen aufgelistet sind.

Die Lehrlinge haben auf Kontaktversuche der bz nicht reagiert. Dafür haben sich zwei Fachleute die Aussagen angeschaut und kommentiert. Brigitta Spalinger, Leiterin der Lehraufsicht beim Kanton Basel-Stadt, und Reto Baumgartner, Leiter Berufsbildung beim Gewerbeverband Basel-Stadt. Für die reisserischen Sprüche («Ist dein Chef auch ein Arschloch?») haben die beiden wenig übrig, einige der Forderungen decken sich aber mit ihren Anliegen.

«Wir fordern: Einführung von branchenübergreifenden Mindestlöhnen, die zu einem selbstständigen Leben ausreichen!»

Reto Baumgartner: Bei einer Berufslehre steht nicht der Lohn im Vordergrund, sondern die Ausbildung. Der Deal in der Lehre heisst Ausbildung gegen Arbeit, das Geld ist kein Lohn, sondern eine Entschädigung. Würde der Staat die Lehrlingslöhne bezuschussen, wie etwa in Österreich, dann wäre diese Forderung erfüllbar und würde aus unserer Sicht die Attraktivität der Berufslehre weiter steigern. Aber ohne Subventionen vom Staat würden sehr viele Lehrstellen wegfallen, wenn die Ausbildungsbetriebe Löhne bezahlen müssten, die zum Leben ausreichen.

«Wir fordern: Eine Ausbildung, die sich nach unseren Interessen richtet und uns die Möglichkeit gibt, uns beruflich zu entfalten.»

Brigitta Spalinger: Diese Anspruchshaltung gibt es, allerdings gehört zu einer Ausbildung dazu, dass man auch Dinge lernt, die vielleicht nicht den Interessen entsprechen. Wer Koch werden will, muss auch Gemüse schälen, und angehende Köche, die sich vegan ernähren, werden Fleisch kochen müssen.

Baumgartner: Es gibt in der Schweiz rund 240 verschiedene Berufslehren, somit kann eine Lehre gewählt werden, welche den Interessen und den Stärken der Jugendlichen entspricht.
Spalinger: Prekär kann es in Branchen werden, die stark unter Druck stehen und Lehrlinge als schlecht bezahlte Arbeitskraft einsetzen, etwa beim Haarewaschen in der Coiffeur-Lehre oder beim Tellerwaschen in der Gastronomie. Dort schauen wir genau hin und greifen ein, wenn Lehrlinge zu uns kommen und Missbräuche geltend machen. Es gibt klare, gesetzlich geregelte Ausbildungsvorgaben.

«Wir fordern: Höhere Löhne und bessere Weiterbildungsmöglichkeiten aller Berufe, die heute noch als feminisierte Berufe gelten!»

Spalinger: Das Problem ist bekannt, bezieht sich aber nicht auf die Ausbildung. Ich arbeite seit 18 Jahren in der Lehraufsicht, und an den schlechten Bedingungen in typischen Frauenberufen wie etwa der Betreuung bewegt sich kaum etwas.

Baumgartner: Es wird viel unternommen, dass mehr Frauen Ausbildungen in sogenannten Mint-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) ergreifen, etwa spezielle Angebote an den Berufsmessen.

Spalinger: Es ist allerdings schon so, dass Frauen mit besseren Noten in die Lehre starten, aber schlechter abschliessen als ihre Kollegen – die Forschung sagt, weil Frauen von Frauen und Männern schlechter bewertet werden.

«Wir fordern: Stopp der Ausnützung junger Praktikant*innen! Verbot obligatorischer Vorpraktika!»

Spalinger: Gerade in der Kinderbetreuung sind Praktika ein echter Missstand. Grundsätzlich sollen Berufslehren ohne vorgängige Praktika zugängig sein. Besonders inakzeptabel sind Praktika dann, wenn nicht einmal eine richtige Anschlusslösung zur Verfügung steht. Wenn beispielsweise in einer Krippe fünf Praktikumsplätze angeboten werden, aber nur drei Lehrstellen verfügbar sind. In solchen Fällen teilen wir den Unmut der Lehrlinge zu 100 Prozent.