Basler Pop-Preis 2017
Mit Alma Negra geht die Sonne auf

Kleine Weltreise gefällig? Die Musik von Alma Negra trägt weit und trifft tief.

Naomi Gregoris
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Da waren sie endlich komplett: Dario Rohrbach, Diego Figueira, Dersu Figueira und Mario Robles. Oder kürzer: Alma Negra.

Da waren sie endlich komplett: Dario Rohrbach, Diego Figueira, Dersu Figueira und Mario Robles. Oder kürzer: Alma Negra.

Kenneth Nars

Es beginnt chaotisch. Mario Robles und die Zwillinge Dersu und Diego Figueira stehen vor der Kaserne und warten auf ihr viertes Kollektivmitglied. Dario Rohrbach sitzt noch im Tram. Und Mario – Siezen kommt bei Alma Negra nicht infrage – sollte in 20 Minuten wieder los. Verkehrskunde-Unterricht. Er lacht. Klingt aufregend, gell. Der Fotograf zuckt mit den Schultern. Warten wir halt.

In diesem Moment könnte man genervt sein, oder komisch rumstehen, oder beides, aber mit Alma Negra passiert sowas nicht. «Mit Alma Negra geht die Sonne auf», sagte mal jemand und es stimmte doppelt: Man stand in der verrauchten Ladybar und von draussen kroch langsam die Morgensonne rein, während das DJ- und Produzentenkollektiv noch einen Track auflegte, und noch einen, und noch einen. Es war längstens Zeit zu gehen, aber man wollte nicht, denn Alma Negra ist Musik für die Seele, sie macht glücklich, eben genau: Mit ihr geht die Sonne auf.

Aber zurück zur Kaserne. Hier geht die Sonne langsam unter und die Jungs haben leere Bierbecher. Schnell auffüllen und hinsetzen. Und erzählen: Von den Anfängen im Hinterhof, als Mario und Dario begannen, die übliche House-Clubmusik zu sprengen. Mit karibischen Klängen, mit Afro-Funk oder kolumbianischen Salsa-Rhythmen. Das war etwas selten Gehörtes– und kam nicht immer gut an: Als Mario einmal alleine in Zürich einen wagemutigen Track auflegte, kam einer vors Mischpult und sagte ihm, er solle diese Musik jetzt sofort ausschalten. Mario lacht. «Er war richtig schockiert.» Solche Momente waren aber eher selten, die meisten Clubgänger mochten den Mut der beiden Basler DJs.

Alle verschieden, alle eins

Darunter auch Tobi Holzer, der Booker der Ladybar, die kurze Zeit darauf eröffnete. Er buchte sie, zusammen mit einem anderen DJ, der früher auf dem nt/areal Funk und Afrosound aufgelegt hatte: Dersu Figueira. Man kam aus verschiedenen Ecken, aber die Kombo ging auf: «Es hat von Anfang an voll gepasst», sagt Dersu. Als dann noch sein Bruder Diego anfing, zu produzieren, war das Kollektiv komplett. Und wurde schnell erfolgreich: London, Berlin, Paris, Lissabon, die Liste ist lang.

Fünf Fragen an Alma Negra

1 Mit welchem Musiker/in, welcher Band (die ihr bewundert) möchtet ihr auf Tour gehen? Und warum?

Mit dem Produzenten Esa Williams und der Ata Kak Band. Weil Esa ein genialer Musiker und einfach ein toller Mensch ist. South African Future!

2 Was würdet ihr mit dem Preisgeld anstellen?

Viel ins eigene Label investieren und in den Studioumbau. Der Rest geht in die Firmenkasse.

3 Wenn eure Band ein Tier wäre: Welches?

Kamel. Weil wir sehr wenig brauchen und lange durchhalten (lacht). Oder eher Chameleon: Weil wir sehr facettenreich und immer wieder anders daher kommen, resp. für Überraschung sorgen.

4 Wer eure Musik hört, ist…

... fröhlich!

5 Wo landet ihr am liebsten nach euren Konzerten?

Je nach Stimmung irgendwo mit Kollegen oder einfach im Hotel – zum Schlafen.

«Da ist er endlich», sagt Diego und zeigt auf Dario, der in gelber Jacke angelaufen kommt, «Sorry!» ruft und sich sofort für den Fotografen hinstellt. Das Bild ist schnell gemacht, fotogene Gesichter, keine Allüren, schon fast bisschen Boyband. Oder? Später, beim zweiten Bier, zählt Diego auf: «Ich bin sicher der Pazifist.» Dann: Dario ist der Kreative, Diego der Diplomat und Mario der Pragmatiker. Eine ganz gute Mischung, die in der Nähe des Dreispitz ihre Tracks baut, im ehemaligen Künstleratelier von Darios verstorbenem Vater. Der Ort passt zum Kollektiv: Ein Sammelsurium an Instrumenten und elektronischen Musikgeräten, dazu bunte Kunstwerke und ein riesiges, glitzerndes Wandmosaik. «Das ganze Studio ist eigentlich Kunst», sagt Diego. Wie ihre Musik. Sagen sie nicht, ist aber so: Was Alma Negra so besonders macht, ist ihre Fähigkeit, instrumental Geschichten zu erzählen. Es geht runter bis nach Tansania, später nach Cap Verde oder an karibische Strände. Dann plötzlich in einen Second Line in New Orleans, oder in ein Strassenfest nach Sao Paolo. Jeder Act, jedes Album eine Weltreise.

Ganz am Schluss reden die Drei – Mario ist längst im VKU – noch über ihre Motivation. Das, was jeden Menschen antreibt: Heureka-Momente. In der DJ-Sprache hört sich das so an: «Wo sich der Kreis schliesst», sagt Dario. «Du hast es im Kopf, du spürst es», sagt Diego. «Und die anderen ziehen mit, du fühlst ihre Stimmung», sagt Dersu, «alles passt einfach.» Sie schauen sich an, lächeln, keiner sagt mehr was. Zwei Sekunden, höchstens. Genau dieser Moment – das ist Alma Negra.