Zolli
Mit dem richtigem Futter wächst auch das Vertrauen

Tierpfleger ist ein Traumberuf. Für die bz-Redaktorin gar ein Kindheitstraum. Während ihrem Tag im Affengehege macht sogar das Putzen Spass und wenn sich die kleinen Äffchen auf den eigenen Hosen erleichtern, ist das auch kein Drama.

Muriel Mercier
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bz-Redaktorin Muriel Mercier beglückt die Weisskopfsakis im Zolli mit Kürbiskernen – die fressen sie besonders gern. Kenneth Nars

bz-Redaktorin Muriel Mercier beglückt die Weisskopfsakis im Zolli mit Kürbiskernen – die fressen sie besonders gern. Kenneth Nars

Mein Kindheitswunsch geht in Erfüllung: Ich stehe vor dem Gehege der Klammeraffen – und zwar nicht auf der Besucher-, sondern auf der Wärterseite. Neben mir ist Ruth Chaoukari, Tierpflegerin der Kleinaffen im Zolli. Neugierig hangeln sich Inka, Ennio und Co. quer durch ihre Anlage zum Gitter. Komme ich zu nahe, springen sie flink davon, können es aber nicht lassen, gleich wieder einen Satz ans Gitter zu machen.

Nach mehreren Aktionen dieser Art haben sie Vertrauen gefasst. Juanita hält bald sogar ihr Ärmchen hindurch. Noch zaghaft strecke ich ihr meine Hand entgegen – und bin erstaunt. Sie lässt es zu, schliesst sogar ihre kalten Fingerchen darum.

Und dann das: Ein Zentimeter vor meinem Gesicht plätschert plötzlich ein feiner Strahl hinunter, ein paar Tropfen treffen meine Hose. Ich blicke hoch: Der einjährige Inka muss mal. «Das ist normal, die Klammeraffen hängen sich gerne ans Gitter zum Pinkeln», erklärt Chaoukari. Ich nehme es als Kompliment: Inka nimmt mich in seinem und im Namen seiner Kollegen auf.

Kürbiskerne als Geheimtipp

Bei den Löwenkopfäffchen ist ebenfalls Hektik angesagt, als sie Pflegerin Chaoukari und mich bemerken. Der Unterschied zu den Klammeraffen ist, dass die kleinen goldroten Tiere zwar neugierig gucken, sobald ich mich aber bewege in ihre Höhlen verschwinden, um gleich ihren süssen Kopf wieder rauszustrecken. Sie brauchen ein bisschen Zeit, um sich an mich zu gewöhnen.

Meine Chefin weiss, wie man ihnen die Schüchternheit nimmt. Kürbiskerne heisst der Geheimtipp – die lieben sie über alles. Schnell füllt Chaoukari in der Küche einen Teller mit dem geliebten Futter und lässt mich zu den Äffchen rein. Die lassen mich – oder eher den Teller – nicht aus den Augen. Das Mutigste springt auf den Ast neben mir und streckt sein Ärmchen aus.

Es wagt einen letzten Blick in meine Augen, dann streckt es seine Hand vor, klaubt sich zwei Kerne und saust davon. Die anderen wollen auch – einer nach dem anderen tut es seinem Kollegen gleich. Und am Ende bleiben sie sogar sitzen, essen und langen nach dem nächsten Kern. Dasselbe Prozedere folgt bei den Weisskopfsakis – die sind verrückt nach Kirschen.

Kotbällchen sind zum Glück fest

Doch eigentlich ist um 9 Uhr keine Zeit für Streicheleinheiten – bis zum Mittag sollen sämtliche Käfige der Kleinaffen geputzt sein. Nur: Sauber machen freut eigentlich niemanden. Oder doch? «Müsste ich zu Hause jeden Tag Staub wischen, würde mir das stinken. Aber für meine Affen putze ich gerne, weil ich sehe, wie sie nachher fröhlich wieder von Ast zu Ast springen», erklärt Chaoukari. Zu den Affenarten, die die Tierpflegerin betreut, gehören neben den Sakis, den Klammer- und Löwenkopfaffen auch die Sumpfspringaffen und die Tamarin.

Wir machen uns also an die Arbeit. Zuerst spritze ich mit einem starken Wasserstrahl das Gehege und die Fensterscheibe im Zuhause der Weisskopfsakis ab. Salatblätter und Fruchtschalen sammle ich ein, zusammen mit den kleinen Kotbällchen, die zum Glück fest sind. Dann müssen die Sitzflächen gründlich abgewischt und die Scheiben getrocknet werden. Die Klammeraffen müsse man speziell beschäftigen, sagt Chaoukari. Wir hängen zugeklebte Kartonschachteln an die Äste, die mit Gras oder Früchten gefüllt sind.

Ruth Chaoukari hat recht: Putzen im Affenhaus ist spannender als zu Hause. Einer der Sakis kann es zum Beispiel nicht lassen, die eine Hälfte seines Käfigs zu verlassen und zu beobachten, ob ich meine Aufgabe denn auch richtig mache.

Kaum fertig geputzt, dreht sich bei den Kleinaffen wieder alles um ihre Lieblingsbeschäftigung: das Fressen. Ich kümmere mich in der Küche um die reichhaltigen Menüs: Ich schneide Gurken, Peperoni, Tomaten, Fenchel, Salat, Gschwellti, Trauben, Papaya, Orangen, Ananas, Kiwi, Äpfel und Bananen. Und für die Sakis – wie ich schon gelernt habe – stelle ich Kürbiskerne und Kirschen bereit. Manchmal stehen auch Mehlwürmer oder Heuschrecken auf der Gourmetliste.

Streit um den Hüttenkäse

Dann holt Chaoukari eine weitere Köstlichkeit auf den Tisch: Rindfleisch für die Sakis und Hüttenkäse für die Klammeraffen. Gleichzeitig bereitet eine andere Pflegerin Futter für die Gorillas vor. Einer der schwarzen Riesen hat sich schon ans Gitter gesetzt, das an die Küche grenzt, und beobachtet, was es heute zu essen gibt. «Achtung, nicht die Hand hinhalten», ruft mir Chaoukari zu.

Nun bietet sich mir ein herrliches Spektakel. Während Chaoukari ihre Klammeraffen in die eine Seite des Käfigs sperrt, verteile ich das Fressen in der anderen. Die Hüttenkäse-Becher soll ich auch irgendwo verstecken. Kaum wieder draussen, lässt die Tierpflegerin die Affen raus, die sich auf das Essen stürzen, als hätten sie schon ewig nichts mehr bekommen. Der Hüttenkäse ist tatsächlich begehrt, die Affen kämpfen darum. Die zwei Gewinner, die die Plastikbecher erwischt haben, bringen sie eilig in Sicherheit.

Mit dem Tag als Tierpflegerin bei den Kleinaffen wurde mir tatsächlich ein Traum erfüllt. Überrascht hat mich, dass die süssen Tiere so schnell Vertrauen gefasst und Essen von meiner Hand genommen haben. Ich habe den Zolli glücklich strahlend wie ein kleines Kind verlassen. Und wenn ich mal nicht mehr weiss, was ich schreiben soll, weiss ich jetzt, welcher Job mir auch gefallen würde.