Was Lärm ist, das ist irgendwie jedem klar. Und trotzdem wird jeder etwas anderes sagen, wenn er auf Lärm angesprochen wird. Im Interview erklärt der Schlafforscher, woran das liegt.

Das schlägt sich auch in den Diskussionen über Lärm nieder, seien es nun jene zwischen Eltern und ihren Kindern über Musikstile von Schlager über Punk bis House, oder jene in politischen Gremien. Anhand der Debatten im Grossen Rat der letzten Wochen beispielsweise. So sprach das Parlament in seiner vergangenen Sitzung über die Lärmbekämpfung rund um den Autobahnabschnitt Osttangente und über Partylärm am Rheinufer.

Fluglärm und Nachtruhe

Unlängst rüffelte zudem die Umwelt-, Verkehrs und Energiekommission (Uvek) des Grossen Rates die Fluglärmkommission der beiden Basel (FLK). Diese gehe in ihren Berichten viel zu nachsichtig mit dem Euroairport um. Auch der VCS, der Verkehrs-Club Schweiz, kritisierte den Bericht massiv: «Lärm macht krank, sogar wenn man ihn verschläft», schreibt der links-grüne Verkehrsverband. Und führt aus, es komme nicht nur auf die Art des Lärms an, sondern auch noch auf die Zeit, um die er erzeugt werde. Nachts sei er schlimmer als am Tag.

Im Vorstand des Verbands sind einige Grossräte anzutreffen, wie etwa Steffi Luethi (SP), Tonja Zürcher (Basta) oder Raphael Fuhrer (Grüne). Der VCS fährt in Sachen Lärm eine klare Linie: Es gilt ihn zu verhindern. Autolärm, Verkehrslärm generell und Fluglärm, sie alle seien umweltgefährdend und gesundheitsschädigend. Insbesondere Kinder könnten ihr ganzes Leben lang leiden müssen, wenn ihre schulischen Leistungen aufgrund nächtlicher Ruhestörungen abfallen würden und so eine Bildungslücke entstehen könnte.

Aber die Fraktionen der genannten Politiker treten regelmässig auch für mehr Lärm ein – gerade für nächtlichen. Respektive zumindest für die Tolerierung von erhöhten Emissionen. Nämlich dann, wenn es um die sogenannte Mediterranisierung, also um das Nacht- und Freizeitleben im öffentlichen Raum in der Stadt geht.

Dann fordern sie, man solle die Lärmdosis anders bewerten. So wollen sie bei den Emissionen von Menschen am Rheinbord abends und nachts grosszügiger sein. Sie fordern, man solle beim Lärmempfindlichkeitsstufenplan, kurz LESP, in der Innenstadt im Zweifelsfall lieber eine tiefere Empfindlichkeitsstufe wählen als eine höhere. Und als das zuständige Amt für Umwelt- und Energie eine Regel durchsetzen wollte, die den Bass-Gehalt von öffentlich abgespielter Musik gesondert betrachtet, da protestierten zahlreiche Kulturpolitiker massiv gegen dieses Ansinnen.

Lieber Motoren als Gitarren

Das bürgerliche Lager bezieht meist diametral entgegengesetzt Stellung in Lärmfragen. Die bürgerlichen Politiker wehren sich gegen zu harte Lärmauflagen beim Luftverkehr, gegen weitreichende Lärmsanierungen an den Autobahnen und gegen die Sanierung von Strassen mit sogenannten Flüsterbelägen. Zu teuer, zu einschränkend, zu wirtschaftsfeindlich seien solche Schritte. Oder ganz einfach ordnungspolitisch nicht erwünscht, weil zu wenig liberal.
Dafür treten sie gegen neue Ausgangszonen in der Innenstadt ein, wollen die dort ansässigen guten Steuerzahler vor den Emissionen der Gastronomie und ihrer Gäste schützen. Und schon gar nicht will man Scheiaweia am Rheinufer.

Letztere Debatte wurde eben erst in der letzten Grossratssitzung wieder intensiv geführt. Denn die Regierung will das Rheinbord neu gestalten und an einigen Ecken die Aufenthaltsqualität erhöhen. Dagegen regt sich bei den Anwohnern Widerstand. Sonst klar liberal politisierende Grossräte aus LDP und SVP traten hier plötzlich für Verbote und gegen eine «Partyzone» ein. Und mussten sich von den Linken vorhalten lassen, sie plädierten für eine «Schlafstadt». Waren es einst Bongos und Didgeridoos, die, am Rheinufer gespielt die Anwohner nervten, so war das letzte politische Grossthema an selber Wirkungsstätte ein technisches: Lautsprecherboxen.

Diese wurden erst von der Polizei verboten, dann setzten sich Jugendkulturpolitiker vehement für sie ein – worauf sie aus der Bussenliste wieder entfernt wurden. Unter anderem, weil die Polizisten auf Hotspot-Patrouille am Rheinufer selten etwas gegen die Boxen tun konnten aus Angst, wegen einer Ordnungswidrigkeit eine Massenschlägerei zu riskieren. Im Interesse der Verhältnismässigkeit dudelten so die Böxchen weiter. Gegen die offizielle Legalisierung wehrten sich diverse SVP-Politiker, scheiterten aber.

Es gibt sie, die Konsequenten

Allerdings muss festgehalten werden: Die Fronten sind nicht immer so klar. So war es zum Beispiel FDP-Grossrat Stephan Mumenthaler, der zusammen mit Politikern aus der SP bei den LESP dafür eintrat, in der Innenstadt der Gastronomie möglichst viele Freiheiten zu lassen. Eine feinere Abstufung tue not, um den Gegebenheiten auf der Strasse Rechnung zu tragen. Zudem ging es um die Frage, inwieweit der Sekundärlärm berücksichtigt werden soll. Soll der Wirt dafür haften, wenn seine Gäste auf dem Nachhauseweg zu laut sind? Wer ist schuld an der zugeknallten Autotüre? Der Wirt oder der türschletzende Gast? Zusammen mit Mumenthaler kämpfte André Auderset (LDP) für Toleranz. Der kämpft dafür am Rheinbord immer wieder für möglichst viel Ruhe.

Aber es gibt auch die Konsequenten. So wollte beispielsweise der Grüne Grossrat und Uvek-Präsident Michael Wüthrich von einer Lockerung bei den LESP im Bereich der Innenstadt nichts wissen. Genauso wie er gegen Autolärm und Fluglärm ins Felde zieht. Wüthrich hält sich damit eher an die Linie des VCS, der verlauten liess: «Lärm ist nicht relativ».
Die Polizei kann übrigens keine exakten Angaben machen, wie viele Lärmklagen sie erhält. Klar ist aber, in den Monaten mit warmem Wetter geht die Zahl dieser Klagen drastisch nach oben. Denn nun treffen wieder die offenen Fenster der Schlafbedürftigen auf die lauten Lacher der abendlichen Feierwilligen.