Kleinbasel

Mit dem Verkehrskonzept Innenstadt wird die Rotlicht-Zone autofrei

In der Toleranzzone an der Ochsengasse dürfen Prostituierte Männer auf der Strasse anwerben – diese müssen ihr Auto aber bald daheim lassen.

In der Toleranzzone an der Ochsengasse dürfen Prostituierte Männer auf der Strasse anwerben – diese müssen ihr Auto aber bald daheim lassen.

Familien mit Kindern machen einen grossen Bogen um das Rotlicht-Quartier im Kleinbasel. Mit dem Verkehrskonzept Innenstadt wird das Viertel zur Begegnungszone. Autos dürfen nur noch morgens zum Güterumschlag hereinfahren.

Autos rasen keine mehr durch die Gassen. Die Frauen aber, die sind noch da. Familien mit Kindern und Hündchen machen weiterhin einen grossen Bogen um dieses Quartier, respektive den einschlägigen Teil davon. Jürg Luchsingers Vision von seinem Viertel könnte Anfang nächsten Jahres Wirklichkeit werden. Mit dem Verkehrskonzept Innenstadt wird die Strasse, in der er lebt, zur Begegnungszone. Luchsinger begrüsst diesen Umstand, weil er bedeutet: Autos dürfen nur noch morgens zum Güterumschlag hereinfahren; aus seiner Sicht verbessert sich so die Lebensqualität.

Wäre da nicht ein Haken: Die Strasse, in der er lebt, ist zur Rotlicht-Zone geworden. Zwar dürfen die Prostituierten eigentlich keine Männer anwerben dort; sie tun es trotzdem. Tag und Nacht. Der legale Strich, der in Verwaltungssprache «Toleranzzone» heisst, befindet sich um die Ecke und ist zu eng für die bis zu sechzig Frauen, die täglich anschaffen. Eine Prostituierte hat es Anwohner Luchsinger erzählt: «Wir müssen auf die illegalen Zonen ausweichen, weil wir uns sonst auf den Füssen herumstehen würden.» Die Polizei verscheucht die Frauen von der illegalen in die legale Zone – Tag und Nacht.

Toleranzzone soll bestehen bleiben

Seit 2011 hat sich die Lage massiv verschärft, vor allem zahlreiche Ungarinnen drängen auf den Markt. Bald ändert sich die Situation wieder. Die Frage ist bloss: In welche Richtung? Luchsinger will nicht Kaffeesatzlesen, eines aber ist für ihn klar: «Eine typische Begegnungszone für Familien und dergleichen wird das hier nicht.»

Verlagerung des Strichs befürchtet

Heidy Ruf fürchtet gar: «Ich glaube, mit der Verkehrsberuhigung wird es noch schlimmer.» Die Betreiberin eines Herrencoiffeur-Salons macht sich keine Illusionen mehr. Vor einigen Jahren dachte sie, schlimmer könne es nicht werden. Inzwischen spricht sie von einer «Katastrophe». Ihr Geschäft befindet sich an der Webergasse. Es ist einer der wenigen Betriebe, der mit dem Milieu nichts zu schaffen hat. Wer das nicht weiss, könnte einen anderen Eindruck gewinnen: Vor dem Salon stehen ständig Frauen und werben Männer an. «Meine Kunden finden das sehr unangenehm», sagt Heidy Ruf. Wären sie ihrer Coiffeuse nicht seit Jahren treu, wären sie längst abgesprungen. Und wäre Zügeln nicht teuer und mit dem Verlust von Kunden verbunden, würde Heidy Ruf längst in einem anderen Lokal Haare schneiden.

Doch: Die Toleranzzone bleibt. Das ist derzeit unbestritten. Im Verkehrskonzept Innenstadt steht jedoch kein Wort davon. Ein Versäumnis sei dies aber nicht, sagt Marc Keller vom Bau- und Verkehrsdepartement (BVD). «Es besteht kein Zusammenhang zwischen Prostitution und dem Verkehrskonzept.» Ausserdem sei «Begegnungszone» ein technischer Begriff, der kläre, was erlaubt sei – und was nicht. Der Begriff suggeriere nicht, dass auf einmal ganze Familien dort flanierten. Anwohner Jürg Luchsinger aber hat den Begriff «Begegnungs- und Flanierzone» im Ohr, er will ihn an einer Anwohnerinformation gehört haben. «Vielleicht ist es auch nur eine Fantasie von mir», sagt er im Scherz.

Ernst meint er hingegen dies: «Lebte ich in einer Miet- und nicht in einer Eigentumswohnung, wäre ich längst ausgezogen.» Vor einigen Jahren habe er die wenigen Prostituierten erkannt, respektive sie ihn. Mit der Zeit hätten sie gewusst, dass es sich nicht lohne, ihn anzusprechen. Inzwischen seien es Dutzende Frauen, die zudem so häufig ausgewechselt würden, dass es keinen Sinn habe, jeder zu erklären: «Ich wohne hier und bin kein Freier.»

«Nichts», sagt Martin Schütz vom Justiz- und Sicherheitsdepartement auf die Frage, was sich in der Toleranzzone ändert, sobald diese autofrei ist. Wie sein Kollege Marc Keller vom BVD stellt er keinen Zusammenhang zwischen Verkehrskonzept und Rotlicht her. Auch die Befürchtung von Anrainern, der Strich könnte sich noch mehr ausweiten, zumal in nahe Tempo-30-Zonen, teilt Schütz nicht. Bereits jetzt sei die Polizei ständig dabei, Prostituierte aus illegalen Zonen wie der Claramatte wegzuschicken. Das täte sie weiterhin.

LDP-Grossrat André Auderset sieht es weniger gelassen: «Ich gehe davon aus, dass sich der Strassenstrich noch mehr zur Claramatte verlagern wird, wenn die Toleranzzone autofrei ist.» Er werde die Situation weiterhin genau beobachten – und gegebenenfalls politisch aktiv werden.

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