Er war 15, als ihn der Fussball packte, erzählt Ueli Marmet aufgeregt und ein bisschen wehmütig. «Ich lief mit meinen Freunden das Fussballfeld im Berner Wankdorf ab, sog den Duft des Rasens ein, berührte das Goal, den Ball. Ich durfte einen Elfmeter schiessen, was natürlich nicht geklappt hat», sagt er schmunzelnd. Seither fasziniert ihn der Fussball. Seither verfolgt er jeden Match per Kopfhörer. Und jubelt.

Der 66- Jährige hört Fussball, statt ihn zu sehen. Während sich die anderen Fussballfans während den letzten drei Wochen zum Public Viewing trafen, war Marmet meist alleine zu Hause. Nur er und seine Kopfhörer. Beim Halbfinalspiel freut er sich auf einen spannenden Abend.

Kämpferischer Fussballfan

Die Dachterrasse des Blindenheims, auf der Marmet den Halbfinal zwischen Deutschland und Italien verfolgt, ist von goldener Abendsonne erwärmt. Sonnenstrahlen, die Ueli Marmet noch nie sah. Das Heim in Basel ist Uelis Zuhause. Sein Zufluchtsort, wie er erklärt. Das Spiel wird angepfiffen. Marmet setzt seine Kopfhörer auf und hört gebannt auf die Worte der ORF Moderatoren, die im eigens eingerichteten Studio live für Hörgeschädigte berichten. «20. Minute. Cassano nähert sich dem Tor, Ballotelli nimmt ab». Marmet trommelt laut auf den kleinen roten Tisch, an der er sich immer setzt, ruft aufgeregt. «Jetzt wird es ein Tor geben.» Und tatsächlich Ballotelli schiesst das 1:0 und Marmet jubelt. Die italienischen Fans in den Basler Strassen in Basel sind nicht zu überhören. So laut wie heute sei es noch nie gewesen, sagt Marmet erfreut. Der Fussball sei der einzige Sport, den er sich bildlich vorstellen kann, seit er das Goal im Berner Wank Dorf Stadion berührt hat.

Bereits von Geburt an konnte Marmet nur zwischen hell und Dunkel unterscheiden. Wenige Jahre später verlor er sein Augenlicht gänzlich. «Ich habe als Kind starke Schmerzen gehabt», erzählt er traurig. Marmet kämpfte um seine Zukunft.

Gehörsinn als Hoffnung

Sein Gehörsinn ist Marmets Hoffnung. Und war es schon immer. Die unzähligen Platten und CD's in seiner Wohnung zeugen von seiner grossen Leidenschaft für Musik. Es war auch die Liebe zur Musik die ihn schliesslich 1966 als Klavierstimmer zu Musik Hug in Basel brachte.

«Die Arbeit war schön, wenn auch sehr anspruchsvoll. Als Blinder hatte ich oft mit Schwierigkeiten zu kämpfen.», erzählt er. Seit März dieses Jahres ist der lebensfreudige Klavierstimmer pensioniert. Der gebürtige Adelbodner spricht bilderhaft von seinem Leben, erinnert sich an alle Menschen, die seinen Weg kreuzten und wie deren Stimme klang. So gut wie Christiano Ronaldo Fussball spielt, ist mein Gehörsinn», sagt er.

«Die Italiener. Sie klatschen. Da muss was passiert sein», schreckt er auf. Die Stimmen der Kommentatoren erheben sich und die Anspannung überträgt sich auch auf Marmet. «Ballotelli, typisch mit Irokesenschnitt, stürmt Richtung Tor.» Ballotelli sei gut, sagt Ueli und lacht über die detaillierte Beschreibung der Frisur des Italieners. Er wisse nicht, wie die Menschen in seiner Umgebung aussehen, und wesentlich sei es für ihn auch nicht. Er spüre deren Charakter durch deren Stimme. Beim 2:0 für Italien lehnt sich Marmet ans Geländer der Terrasse und lauscht den hupenden Autos.

«Ich hoffe meinen Gehör nie zu verlieren», sagt er nachdenklich.