#RoadToRothuus
Mit einer Intellektuellen zu Besuch im Weiler Yachthafen

Martina Bernasconi war noch nie im Gasthaus Bootssteg. Die bz entführte die Regierungskandidatin nach Weil am Rhein – ausgerechnet mit einem Golf Turbodiesel. Dabei fährt die Grünliberale doch Elektrovelo oder ihr Hybridauto.

Peter Schenk
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Sollte Martina Bernasconi Regierungspräsidentin werden, hat sie auch mit den Nachbarn in Weil (D) und den Franzosen von der anderen Rheinseite zu tun.

Sollte Martina Bernasconi Regierungspräsidentin werden, hat sie auch mit den Nachbarn in Weil (D) und den Franzosen von der anderen Rheinseite zu tun.

Kenneth Nars

Im Weiler Yachtclub in der Nähe des Stauwehrs Märkt, vielleicht sieben Kilometer nördlich vom Basler Hiltalinger-Zoll, wiegen sich neben dem einen oder anderen Motorboot auch grössere Yachten im Rheinwasser. Das Gasthaus Bootssteg daneben wirkt vor allem innen ein wenig bieder und zieht ein breites Publikum an. Die Gäste lieben währschaftes Essen zu korrekten Preisen. Am Mittag gibt es günstige Menüs. Wir sind im Euroland.

Martina Bernasconi, GLP Regierungsrats- und Regierungspräsident-Kandidatin, «liebt den Rhein», wie sie von sich sagt – in der Weiler Beiz war sie noch nie. «Ich gehe allerdings oft in den «Rostigen Anker», einer Alternativbeiz, ein wenig versteckt am Quai des Basler Hafenbeckens 1. Bernasconi versteht sich selbst als Intellektuelle, «aber immer mit Bezug zum alltäglichen Leben» und weder verbissen noch ideologisch: «Das Schwarz-Weiss-Malen liegt nicht in meiner Natur, ich bin nie extrem oder missionarisch und sehr offen.»

Im VW Diesel statt Hybridauto

Richtig Probleme hat sie nicht mit dem Überraschungsbesuch im Badischen, zu dem sie die bz an einem Mittwochmittag entführt hat – wohlgemerkt mit einem Golf Turbodiesel statt mit ihrem eigenen Hybridauto. Trotz Diesel und VW liess sie sich chauffieren. «Im Umkreis von 15 Kilometern bewege ich mich in Basel mit meinem Elektrovelo», betont die grünliberale Politikerin. Dass der Redaktor ihr beim Einsteigen die Türe aufgehalten und geschlossen hat, ist ihr aufgefallen. «Ich bin emanzipiert, aber ich schätze es auch, wenn mir jemand in den Mantel hilft», sagt sie.

Fünf Fragen unserer Leser

Was tun Sie als Erstes, um die horrenden Gesundheitskosten und abartig hohen Krankenkassenprämien in Basel zu senken?

Primär zuständig für die Gesundheitskosten in unserem Kanton ist Regierungsrat Lukas Engelberger. Er hat mir versichert, bei einer Wiederwahl im Gesundheitsdepartement zu bleiben und sich weiterhin für tiefere Krankenkassenprämien einzusetzen – auch gemeinsam mit BLRegierungspräsident Thomas Weber, wie dies aktuell in der bikantonalen Spitalplanung geschieht.

Was ist Ihr Plan, um mehr bezahlbaren Wohnraum in Basel zu schaffen?

Im Moment läuft viel in Sachen (bezahlbarer) Wohnraum: Felix-Platter-Areal, Erlenmattquartier, Klybeckareal, Hafen etc. Als Regierungsrätin werde ich diese mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützen und weiterentwickeln.

Was tun Sie, um das Betreiben von Läden und Restaurants in der Innenstadt attraktiver zu machen, also gegen die grassierende, demotivierende «Regulitis»?

Als Mitglied des Gewerbeverbandes bin ich schon länger erfolgreich daran, mit diversen Vorstössen, die «Regulitis» zu mindern. Als Regierungsrätin werde ich mehr Einfluss haben, die Innenstadt lebendiger und attraktiver zu gestalten.

Behält Basel mit Ihnen im Regierungsrat nicht weiterhin eine linke Regierungsrats-Mehrheit?

Ich bin eine Mittepolitikerin mit Nähe zu den Bürgerlichen. Der Regierungsrat wird mit mir bürgerlicher als mit allen links-grün Kandidierenden.

Beim letzten Mal blieben Sie chancenlos. Jetzt sind die Vorzeichen noch schlechter. Warum tun Sie sich das an?

Ich hatte 2014 36 Prozent aller Stimmen. Laut Vorhersagen hätte ich null Prozent Chancen gehabt. Wenn ich nicht überzeugt wäre, eine realistische Chance zu haben, würde ich nicht antreten; und Wahlkampf «tue ich mir nicht an», sondern er macht mir Spass.

Wir essen in der Beiz, da man nur drinnen reservieren kann und die Aussentische an diesem strahlenden Sommertag sowieso alle belegt sind. Als Menü gibt es zum Beispiel «Picata Milanese». «Da fehlt ein c», fällt der Politikerin mit den italienischsprachigen Wurzeln sofort auf.» Ihr Vater stammt aus dem Tessin, deshalb ist ihr Heimatort auch Lugano, seit letztem Jahr ist Basel dazu gekommen. Sie wohnt im Neubadquartier in der Tessinstrasse. «Ein schöner Zufall», kommentiert Bernasconi.

Sie zieht sich gerne gut an und liebt Kleidung und Schuhe. Viel Geld gibt sie dafür nicht aus: «Ich kaufe sie im Ausverkauf oder im Secondhandshop und habe meine Läden in Basel, Zürich, Bern, Hamburg, Berlin und Milano.» Der Sinn für Ästhektik zeigt sich auch beim Foto im Restaurant, als sie dafür sorgt, dass die hässlichen braunen Plastik-Speisekarten vom Tisch verschwinden. Hinter ihr hängt ein Rettungsring, auf dem geschrieben steht: «Willkommen an Bord». Ein gutes Omen? Für die Illustration der Reportage hat die Redaktion sich für den Yachthafen entschieden; das ist keine Stellungnahme.

Über Frauenliste zur Politik

Zur Politik ist sie 1998 über die Frauenliste Basel gekommen. Bei den Grünliberalen landete sie bei der Gründung 2008 und sitzt seitdem für die GLP im Grossen Rat. Bei den letzten Regierungsersatzwahlen vor zwei Jahren verbuchte sie mit knapp 36 Prozent im ersten Wahlgang einen Überraschungserfolg, wohl auch, weil sie die einzige Frau war, die gegen Lukas Engelberger antrat. Diesmal wird es schwerer, weil mit Heidi Mück (Basta) und Elisabeth Ackermann (Grüne) neben Regierungsrätin Eva Herzog (SP) weitere Frauen antreten.

Bernasconi rechnet sich dennoch Chancen aus. Entscheidend dürfte das Abschneiden des SVP-Kandidaten Lorenz Nägelin sein. Bernasconi politisiert in der Mitte, wobei ihr ökologische Positionen und umweltschonendes Verhalten wichtig sind: «Ich ernähre mich zu 95 Prozent regional und biologisch. Einmal im Monat fahre ich zum Alnatura nach Weil am Rhein, um den Grundbedarf zu decken.»

Muss sie sich zwischen linken und rechten Positionen entscheiden, ist ihre Position klar: «Wenn ich gezwungen werde, bin ich eher bürgerlich.» So ist sie dezidiert der Meinung, dass das Sozialsystem nicht weiter ausgebaut werden soll. «Für die Schwachen zu schauen, reicht mir.» Generell plädiert die GLP-Politikern für Selberdenken und weniger Staatseinfluss. «Es ist nicht seine Aufgabe, Löhne zu verbieten, wenn die Firmen bereit sind, sie für jemanden zu bezahlen. Ein Gehalt von zwei Millionen Franken den Monat finde allerdings auch ich Überissen», sagt sie. Das Erziehungsdepartement, ihr Wunschdepartement, ist ihrer Ansicht nach «aufgebläht».

Sie selber erwirtschaftet ihr Einkommen mit ihrer philosophischen Denkpraxis, als Lehrerin für Sozialwissenschaften an einer Berufsfachschule und als Politikerin. Durch die Sitzungen in verschiedenen Grossrats-Kommissionen kämen im Jahr immerhin brutto 30 000 Franken in die Kasse, berichtet sie freimütig. Neben ihrem Philosophiestudium hat Bernasconi auch eine psychoanalytische Ausbildung.

Sehr schroff, wenn es nötig ist

In ihrer Praxis therapiert sie nicht, sondern berät ihre Kunden, erarbeitet vor allem Biografien für Bestattungen und Trauungen. Auf ihrer Facebook-Seite wie auf der Internetseite und auch im Gespräch ist die Politikerin sehr offen und gibt viel von sich preis. Kann das nicht ein Problem werden? «Ich habe ein gutes Gespür dafür, was missbraucht werden könnte. Wenn mich jemand absichtlich in die Pfanne haut, kann ich sehr schroff werden und mich gut wehren», sagt Bernasconi. Ihr Blick verrät: Man kann es ihr glauben.