Umgangsformen

Mit Gott ist man per Du und auch im Ikea-Katalog wird geduzt

Im deutschsprachigen Ikea-Katalog wird man konsequent geduzt.

Im deutschsprachigen Ikea-Katalog wird man konsequent geduzt.

Die Umgangsformen befinden sich in einem Wandel. Wo siezt man und wo spricht man die Leute mit Du an? Der Alpen-Knigge sagt: In der Berghütte sagen sich alle Du. Unter 1000 Meter über Meer gilt wieder die förmliche Anrede.

> Wer beim Siezen das Betonen von Hierarchien nicht mag, sollte froh sein, nicht im Absolutismus zu leben. Damals kam neben dem «Du» das «Ihr» auf, mit dem man höhergestellte Adlige ansprach. Das heutige Siezen entstand erst im 19. Jahrhundert mit dem Zerfall der feudalistischen Herrschaft. Das Bürgertum drückte damit seine Gleichwertigkeit gegenüber angeblich Hochwohlgeborenen aus.

> Seit einem halben Jahrhundert spricht das Einrichtungsgeschäft Ikea im deutschsprachigen Katalog Kunden mit du an, ebenso in der Werbung. Stellt sich nur die Frage: Darf man umgekehrt als Kunde das Personal duzen?

> Es gibt Zwischendinger zwischen Duzen und dem Siezen: Das Hamburger Siezen («Matthias, Sie sind gefeuert!») gilt als elegant. Rüpelhafter ist das Münchner Du («Frau Vogel, mach mal Kaffee!»).

> In englischsprachigen Filmen sagen einander alle «you», ob man einander grad abknallt oder liebt. Bei der deutschen Synchronisierung oder Untertitelung gilt die Regel: Spätestens beim ersten Kuss wechseln die Protagonisten zum Du. Ausnahme ist der amerikanische Präsident. Der ist sogar für Monica Lewinsky «Mister President».

> Unter sozialistischen Genossen hat man sich schon immer eifrig geduzt, so auch die Parteibonzen in der DDR. Der Liedermacher Wolf Biermann sträubte sich im Westen dagegen, wild drauflos geduzt zu werden. Im sozialistischen Deutschland sei eben das Siezen Zeichen von Opposition und Freiheit gewesen, erklärte er seiner verdutzten Zuhörerschaft.

> 1990 bot Helmut Kohl dem letzten Ministerpräsidenten der DDR, Lothar de Maizière, das Du an. Dieser erwiderte: «Herr Bundeskanzler, ich habe nicht 40 Jahre DDR-Genossen-Du überstanden, um mich nun in der Bundesrepublik gleich wieder duzen zu lassen.»

Die Katholiken im deutschsprachigen Raum sind nicht konsequent. Gott, der über allem steht, duzen sie. Ihre kirchlichen Würdenträger hingegen müssen sie siezen. Die französischen Katholiken siezen immerhin die Jungfrau Maria.

> Logisch, in der Berghütte sagen sich alle Du. Doch der Alpen-Knigge sagt: Unter 1000 Meter über Meer gilt wieder die förmliche Anrede.

> Doch schlussendlich ist das Duzen oder Siezen nicht das Entscheidende. «Auf gute Anrede folgt guter Bescheid», rät ein Sprichwort – und das umfasst auch Ton und Haltung des Sprechers.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1