«Bald ist es also so weit, Du wirst 80. Erzähl, was geht in Dir vor?» Onorio schaut mich verdutzt an. «Wie meinst Du das?» «Du wirst 80, das passiert ja nicht täglich.» «Na und? Neulich traf ich einen 65-Jährigen, der war viel älter als ich.»

Der Versuch, mit Fotograf Onorio Mansutti über das vermeintlich magische Alter 80 zu sprechen, scheitert. Er findet es gar nicht magisch, bald nicht mehr 79 Jahre alt zu sein. «Es geht mir gut, ich esse und trinke und bin glücklich. Könnten wir jetzt das Thema wechseln?»

Themen gibt es Tausende, wenn man mit Mansutti zusammensitzt. Auch, wenn man dies häufig tut und zwischen dem letzten und dem aktuellen Mittagessen nichts Wahnsinniges geschehen ist im eigenen Leben. Bei Mansutti läuft immer etwas.

Aktuell zeigt er seine Lichtinstallationen im Rappaz Museum im Kleinbasel. Mit einer analogen Kamera fotografiert er auf der Strasse Buchstabe für Buchstabe und bildet so den Satz, den er im Kopf hat und der später als Filmstreifen im Lichtkasten klebt.

Humor und endlos viel Energie

Es sind Zitate grosser Denker und anderer Leute, die aus irgendwelchen Gründen gross sind. Sätze des deutschen Komikers Karl Valentin zum Beispiel. Es vergeht kein Tag, ohne dass Mansutti ihn zitiert. «Wissen Sie schon, dass man ein weiches Ei nicht als Zahnstocher benutzen soll?» Mansutti findet das genial. Es ist sein Humor, und davon hat er viel. Allerdings gibt es auch Themen, bei denen er sofort ernst wird.

Sein Alter gehört nicht dazu, dieses ist ihm egal, Ungerechtigkeit aber ist ein solches Thema. Wenn er kann, unternimmt Mansutti etwas dagegen. Die Stiftung Kinder in Brasilien ist das bekannteste Beispiel für sein Tun. Entstanden aus einer Schnapsidee im wahrsten Sinne des Wortes, hat die Stiftung in gut 40 Jahren mehreren Tausend Strassenkindern ermöglicht, eine Ausbildung zu absolvieren.

Und jetzt wird dieser Mansutti also 80 und weibelt immer noch umher, als wäre er 70, 60 oder vielleicht sogar 30. Und das ist nicht über- respektive untertrieben. Dieser Mann hat eine Energie – kaum zu glauben. Steht vor sechs Uhr auf, egal, wie lange und trinkselig der Abend davor war, und geht mit seinem Hund Chico zwei Stunden in den Langen Erlen spazieren.

Zurück in seinem Loft im «grünen Haus» am Hafen gibt es Frühstück und viel Arbeit. Bis vor kurzem bestand diese darin, die Fotofilme mit den Sätzen zu sichten – in der Hoffnung, es möge sich kein falscher Buchstabe in ein Wort verirrt haben oder ein Leerzeichen vergessen gegangen sein, was natürlich nie passierte. Wie auch, bei einem, der ein Gedächtnis hat, bei dem Google und Wikipedia einpacken können?

Gut, das ist übertrieben, aber nur ein bisschen: Mansutti weiss alles, was ihm je widerfahren ist, noch genau. Wann, wo, mit wem. Bloss das Warum mag ihm manchmal nicht mehr ganz klar sein. Stichwort Frauen. Er hört es zwar nicht gern, aber Mansutti ist ein «Frauenheld».

Keiner, der die Frauen ausnützt, nein, ein Charmeur alter Schule voller Respekt, der, sagen wir, nichts anbrennen lässt. Oder liess? «Meinst Du etwa, Frauen spielen in meinem Leben keine Rolle mehr, bloss weil ich 80 werde?» Er grinst.

Onorio gehört fest zur Basler Gesellschaft, er gehört ins Bild, wenn er so da steht, stets in Weiss, und mit den Händen erzählt. Trotzdem erfüllt er einige Kriterien nicht, die den echten Basler ausmachen. So ist er beispielsweise nie Schweizer geworden. Sein Vater wollte ihm die Staatsbürgerschaft schenken, Mansutti lehnte ab. «Ich wusste damals schon, dass ich für die Leute immer der Italiener bleiben würde.» Ausserdem habe er sich vor dem Militärdienst drücken wollen.

Kein Sinn für Traditionen

Zünfte? Fasnacht? Fehlanzeige. Als Bub sang Mansutti an der Allschwiler Fasnacht «Das muntere Rehlein», um für seine Mutter, seinen Bruder und sich selber ein paar Franken dazu zu verdienen. Der Vater hatte sich früh aus dem Staub gemacht, die Mutter zog die Buben allein auf in der Einzimmerwohnung. «Meine Fasnachtsabneigung hat aber nichts mit der Show von damals zu tun», beteuert er. «Es ist vielmehr so, dass ich nicht verstehe, warum man sich verkleiden muss, um die Wahrheit zu sagen.»

Er verkleidet sich nie, das heisst: fast nie. Als er 2010 den Ehrendoktor der Uni Basel erhielt, trug er einen geliehenen schwarzen Anzug – das zweite Mal überhaupt. Beim ersten Mal heiratete er eine Frau, die er heute noch liebt, wie er sagt, die aber nur ein paar Monate seine Ehefrau war. Traditionen sind nichts für ihn.

Die Rechnung kommt, Mansutti muss weiter. «Weisst Du, solange mich die Neugier antreibt, spielt es keine Rolle, wie alt ich bin», sagt er. Im Rappaz Museum wartet ein Besucher auf ihn, es ist einer der letzten. Die Ausstellung geht an seinem Geburtstag am 28. Februar zu Ende.

Im März steht das nächste Projekt an. Eine Bilder-Versteigerung im Birsfelder Museum zugunsten seiner Stiftung. Auch das April-Projekt ist aufgegleist. Worum es dabei geht? Wir sind neugierig. Doch vorerst: Tanti auguri, Onorio!