Ein-Blick
Mit Rumsitzen berühmt werden: Ein Wiener fährt das gesamte Tramnetz der beiden Basel ab

In der Rubrik «Ein-Blick» gewähren die bz und die «Schweiz am Wochenende» den Lesern Einblick in die Mikrokosmen unserer Gesellschaft. Am Donnerstag waren wir mit dem Wiener öV-Fan Andreas W. Dick unterwegs.

Leif SImonsen
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Noch nie war einer auf dem Basler Schienennetz schneller als Dick.

Noch nie war einer auf dem Basler Schienennetz schneller als Dick.

Leif Simonsen

Die Geschichte des Österreichers Andreas W. Dick ist eine, die den Faulen dieser Welt Mut machen wird. Sie zeigt, dass auch was aus einem werden kann, wenn man viel rumsitzt. Es reicht eine gute Idee.

In Dicks Fall entstand sie vor knapp zehn Jahren. Sein Sohn blätterte durchs Guinness-Buch und fragte den Vater, ob er nicht auch mal einen Rekord knacken könne. Das spornte Dick an. Doch er wusste auch: In seinem Alter liegen keine sportlichen Spitzenleistungen mehr drin. Die Rekordjagd lancierte er daher dort, wo er keine Konkurrenz zu befürchten hatte: auf den Nahverkehrsnetzen dieser Welt.

Auf dem frisch erweiterten U-Bahn-Netz in Wien knackte er 2008 den ersten Rekord, weiter gings in Städten im deutschsprachigen Raum wie Linz, Stuttgart, Innsbruck oder München. Zuletzt war Dick auch in Bern und Zürich. Es gibt fast nirgends registrierte Bestzeiten. Dick stoppt die Zeit selbst. Und mangels Konkurrenz steht er auch nicht im Verdacht, zu schummeln.

Wenn mal was schief läuft, sind es meist äussere Gegebenheiten. In der Aktennotiz der drei einzigen abgebrochenen Rekordversuche heisst es unter anderem: «Strassenbahn Wien: 2015, wegen technischen Defekts der Weltrekord-Garnitur nur bis Betriebsbahnhof Währing.» Oder: «U-Bahn Wien: 2015, wegen Verletzung des Mathematikers Jan Hofmann aus München in der Station Praterstern.»

Wer aber denken würde, mangels Gegner sei ein solcher Rekordversuch ein Selbstläufer, der irrt. Vorbereitung braucht das Projekt, in Basel ganz besonders. Stundenlang beugte sich Dick über einen Plan des verzettelten BLT- und BVB-Streckennetzes, um die perfekte Route für seinen Rekordversuch vom vergangenen Donnerstag zu finden. 28 Mal umzusteigen, drei Länder zu bereisen und zwischendurch einen Sprint hinzulegen, um den Anschluss nicht zu verpassen. Das macht zwar müde, ist aber selbst für einen 49-Jährigen wie Dick an einem Tag leistbar.

Trotz überschaubarer Herausforderung steht Rekordjäger Dick stets im Mittelpunkt des medialen Interesses. Er muss selber schmunzeln, wenn er sich zurückerinnert an all die Radio- und Zeitungsinterviews. Beim Bremer Weserkurier war Dick gross auf der Titelseite. Ein Tag zuvor war es Fussballstar Bastian Schweinsteiger gewesen, zwei Tage zuvor Kanzlerin Angela Merkel. Und in Basel bissen am Donnerstag auch fast alle an. Das «Regionaljournal», «20 Minuten» und das Newsportal «Barfi.ch».

Die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester hat sich Dick für seinen Ausflug ans Rheinknie auch aus strategischen Gründen ausgesucht. «Da passiert sonst nicht so viel.» Dick kennt die Regeln der Branche: Er ist selber Motor-Journalist und schreibt hauptsächlich über Lastwagen und Busse.

Sein Tramexperiment, sagt er, sei Ausgleich zum Beruf, wenngleich es erholsamere Pflaster gäbe als Basel. Bern schaffte er in etwas über vier Stunden. Und in Zürich durfte er seine Sandwiches im Tram essen. Die Basler aber drückten kein Auge zu. Auch für den Promi galt bei den BVB: Ess- und Trinkverbot. Darüber wollte sich Dick nicht beklagen; die Basler Strenge habe schliesslich auch Vorteile. «Ich glaube, ich habe nirgends so saubere Trams gesehen wie hier», sagte er.