Adrett sehen sie aus in ihren englischen Schuluniformen, die sieben Gymnasiasten, wie sie dastehen und starr in ihre Bücher schauen; und sie wirken klug und polyglott, sind sie doch vieler Sprachen mächtig und benutzen diese auch leicht, wie nebenbei. Englisch, deutsch, russisch, tschechisch, türkisch... Aber der Friede trügt.

Ein erstes Anzeichen dafür: Sie stehen auf Büchern wie auf kleinen Podesten, und aus den Büchern reissen sie synchron einzelne Seiten heraus. Unruhe entsteht auch dadurch, dass eine Neue in die Klasse kommt – kurz vor den Abschlussprüfungen.

Die Neue wird umgarnt

Sie heisst Lilly Gainsbourg (Xenia Wiener), ist offenbar schon ziemlich überall auf der Welt gewesen, hat einen berühmten Namen und wird gleich getestet und umgarnt. Vor allem von den Männern. William (Laurin Buser), der schwatzhafte liebesbedürftige Unbeholfene, bietet ihr als Erster Hilfe, Rat und Freundschaft an, doch Nicholas (Alireza Bayram), der kokainsniffende Bluffer, ist schneller: Er nimmt sie sich, und Lilly lässt sich nehmen.

Bennett (Julian Schneider), der Zyniker mit Hinkebein, der King der Klasse, wartet gelassen ab, was sich so tut, bis er zum Angriff übergeht. Eine Freundin hat er schon: die leicht hysterische Cissy (Sara Eberhart), und die Klasse hat er ohnehin im Griff.

Seine Demütigungen verteilt er mit cooler Selbstverständlichkeit; die gutmütige Tanya (Alma Handschin) hält nichts dagegen, selbst wenn er sie anspuckt, und Chadwick (Anselm Müllerschön) ist ohnehin das klassische Mobbingopfer: ein fleissiger Musterschüler, der sich für Materie und Antimaterie interessiert und dicklich ist und wehrlos.

Die Eskalation ist abzusehen, und Sebastian Nübling inszeniert sie mit den Jugendlichen ebenso drastisch wie spannend. Und sie nehmen ihre Rollen an, verkörpern sie im wahrsten Sinn des Wortes, beglaubigen sie mit ihrem Körper.

Direkt ist das Spiel, kommt voll über die Rampe, angetrieben von der hämmernden Musik von Denis Wagner (Gesang) und Arvin Jairus Perez (Gitarre). Die Mitte hängt zwar etwas durch, die Männer haben die deutlich interessanteren Figuren, und mit Laurin Buser ist ausserdem ein Profi mit dabei. Er hat als William auch die beste Rolle, ist die vielschichtigste, berührbarste Figur.

Koks, Zynismus, Feigheit

Berührbar durch Schmerz; auch wenn er sich durch immer neue fiktive Autobiografien, die ihm Mitleid einbringen sollten, abzudichten versucht.

Er macht sich nur lächerlich; verfügt nicht wie die anderen über zumindest anscheinend hilfreiche Strategien, die (üblichen) Adoleszenzabgründe wegzuspielen: Koks, Zynismus, Selbstverletzung, Gleichgültigkeit – oder Klugheit, wie Chadwick, der Plumpe, der es schafft, weiter über «Antimaterie und Materie» nachzudenken und sich damit an Grösserem festzuhalten, die Schulzimmergrenzen zu ignorieren und sich gegebenenfalls auch hinter Feigheit zu verstecken.

William verkraftet Lillys Zurückweisung nicht und ist auch (noch) unegoistisch genug, dass ihn der plötzliche Tod eines Lehrers trifft. Er dreht durch. «Es ist eine alte Geschichte, / doch bleibt sie immer neu», hat schon der alte Heine gedichtet, «und wem sie just passieret, / dem bricht das Herz entzwei» – doch für gebrochene Herzen gibt es längst mächtige Kompensation. Waffen zum Beispiel.

William läuft Amok, schiesst um sich, nachdem er sich mit weisser Farbe zum lebendigen Toten geschminkt hat, und die schweren Türen, die die Bühne hinten abschliessen, fallen hallend hinter ihm ins Schloss.