Stimmenfestival Lörrach
«Mockemalör»-Frontfrau zum neuen Album: « Es ist eine Hommage an die Fantasiewelt»

Vom Schwarzwald nach Berlin aufgebrochen und nun wieder im süddeutschen Raum am Stimmen-Festival: Die Band Mockemalör besticht mit einem unverwechselbaren Sound zwischen Elektropop, Chanson und Variété.

Stefan Franzen
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Drummer Martin Bach (l), Magdalena Ganter und Keyboarder Simon Steger (r.) sind Mockemalör.

Drummer Martin Bach (l), Magdalena Ganter und Keyboarder Simon Steger (r.) sind Mockemalör.

Vor zehn Jahren brach die Sängerin Magdalena Ganter aus Hinterzarten im Schwarzwald nach Berlin auf. Dort schuf sie mit Keyboarder Simon Steger und Drummer Martin Bach als Mockemalör einen unverwechselbaren Sound zwischen Elektropop, Chanson und Variété. Im Herbst erscheint ihr zweites Album «Riesen», bereits am Sonntag stehen sie am Stimmenfestival auf dem Marktplatz Lörrach auf der Bühne. Stefan Franzen hat vorab mit Magdalena Ganter gesprochen.

Magdalena Ganter, der Name Ihrer Band ist sehr einprägsam, trotzdem wissen die wenigsten, was sich dahinter verbirgt!

Magdalena Ganter: «Mocke» ist ein alemannischer Begriff für ein Stück, eine Einheit, und das Malheur ist ja im Französischen das Missgeschick. In der Kombination bekommt es bei uns aber eine etwas andere Bedeutung: ein schönes Missgeschick.

Auf Ihrem ersten Album «Schwarzer Wald» haben Sie noch auf Alemannisch gesungen, «Riesen» ist ausschliesslich auf Hochdeutsch. Warum dieser Sinneswandel?

Damals hat der Dialekt für mich Sinn ergeben, denn das war die Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln, die Besinnung auf die Herkunft, auch eine Art Verschlüsselung, da ich über die Region hinaus nicht verstanden wurde. Aber die nächste Stufe war: Hey, ich habe Lust verstanden zu werden und ich brauche mich nicht mehr verstecken. Denn jetzt fühle ich mich in Berlin angekommen, hier denke und schreibe ich auf Hochdeutsch. Es wäre ein Umweg, alles wieder ins Alemannische zu verpacken.

Wie wirkt sich Berlin auf Ihr Songschreiben aus?

Die Texte sind verrückter geworden, im Sinne von frei von Konventionen wie: Muss eine Geschichte ganz klar formuliert werden? Brauche ich einen vollen Satz? Alles ist freier, abstrakter, minimalistischer und mutiger. Wenn das Gefühl stimmt, dann erschliesst sich auch der Sinn, dann kann ich auch ein bisschen drauf scheissen, was die anderen denken. Diese Punkattitüde, die hat sich hier in Berlin für mich vielmehr etabliert.

Wie würden Sie den heutigen Sound jemandem beschreiben, der zum ersten Mal mit Mockemalör in Kontakt kommt?

Es ist schon Popmusik, aber mit chansonesken Geschichten, mit einem minimalistischen, elektronischen Touch. Und es ist auch etwas Variété-artiges drin, das ist vom Berliner Culture Clash beeinflusst, diese bunte Mixtur unterschiedlichster Stilistiken, der Mut zum Ausprobieren schwingt immer sehr stark mit.

In den Elektrosounds kann man starke Einflüsse aus den Achtzigern heraushören, die frühen Depeche Mode, die Neue Deutsche Welle...

Ja, ich verstehe, dass Sie das raushören. Aber wir hatten keinen konkreten Sound im Ohr. Das ist immer wieder unser Ansatz: Freimachen von Hörgewohnheiten. Wir gehen improvisatorisch dran und schauen, was aus uns heraussprudelt. Auf jeden Fall ist der Sound elektronischer, aber es ist uns wichtig zu erwähnen, dass unsere Musik immer handgemacht ist, ich spiele ja auch Akkordeon und alle Synthesizer werden live gespielt. Auch Martin mit seinen Drums ist sehr eigen und liebevoll und handmade. Und dann gibt es diesen einen Moment, wo wir sagen: Jetzt klingt›s «mockig»!

Ihre Stimme ist ungeheuer kraftgeladen, da merkt man die klassische Ausbildung. Vorteil oder vielleicht sogar hinderlich?

Ich empfinde es als grosses Glück, dass ich so eine Bandbreite haben darf, von schrillem Schreien bis zu meditativem Gesang. Dass ich eine ausgebildete Stimme habe, ermöglicht es mir eben, ein paar Facetten mehr auszudrücken. Und wenn wir mal eines Tages zwanzig Konzerte pro Monat rocken werden, dann weiss ich durch meine Ausbildung, dass ich mich auf meine Stimme verlassen kann, brauche keine Angst zu haben, dass ich total heiser auf der Bühne stehe.

Die neue Platte «Riesen» ist ja sehr verspielt und anarchisch. Gibt es ein Grundthema?

Es ist eine Hommage an unsere Traum- und Fantasiewelt, das Anknüpfen an unsere Wünsche, der Glaube an das eigene Potenzial. Sich mit kindlicher Naivität frei machen von den Leistungsansprüchen unserer Gesellschaft. Es gibt diesen einen Song über die Punkerengel-Kinder, der das gut zusammenfasst. Die haben noch nicht diese Bewertungsmuster, haben ein liberales Gemüt, sich mit offenem Herzen Fragen zu stellen, auf die es vielleicht gar keine direkte Antwort gibt.

Was sagen Sie denn zu der Kombination mit den beiden Soul-Acts Yakoto und Max Mutzke auf dem Lörracher Marktplatz?

Wir haben uns sehr darüber gefreut! Unser Sound ist vielleicht nicht so soulig. Aber wir fragen uns sehr stark, was wir nach aussen senden wollen, und in dem Sinne ist unsere Musik auch seelenvoll. Mut bringen und frohen Sinnes sich auf den Weg begeben: Das ist das, was wir gerne mitgeben wollen.