Unter der Dreirosenbrücke in Basel flackert das Licht. Aus den Dutzenden Kerzen, die Anwohner vor Weihnachten anzündeten, sind über den Jahreswechsel Hunderte geworden. Selbst Sturm Burglind schafft es nicht, alle auszulöschen.

Hier wurde in einer Dezembernacht vor Weihnachten der Obdachlose Georg (60), genannt «Tschortsch», erstochen. Stundenlang lag er tot auf der Parkbank, bis er am Morgen nach 10 Uhr gefunden wurde. Umso mehr Aufmerksamkeit erhält er postum. Sein Schlafplatz wird zur Pilgerstätte. Anwohner tauschen hier die Bruchstücke aus, die sie über Georgs Leben erfahren haben. Er sprach mit allen, blockte aber stets ab, wenn es mehr als Smalltalk werden sollte. Er gab jeweils an, sein Leben unter der Brücke freiwillig gewählt zu haben, um frei zu sein von den Zwängen der Gesellschaft. Unterstützung lehnte er ab. Einmal wurde er gesichtet, wie er als Standbauer den Weihnachtsmarkt am Bahnhof einrichtete. Er galt als guter Obdachloser: Er hielt seinen Schlafplatz in Ordnung, benutzte öffentliche Toiletten und pflegte seinen Bart. Doch was zum Bruch in seinem Leben führte, bleibt sein Geheimnis. Auch wie lange er schon unter der Brücke lebt, ist nicht bekannt. Fest steht nur: Vor elf Jahren zog nebenan eine Freizeithalle ein. Georg war schon vorher da gewesen.

Ein Schlaflager von mehreren Leuten unter der Brücke wäre in der Nachbarschaft als Störung wahrgenommen worden. Aber ein freundlicher Obdachloser passte zur Quartieridylle, wie sie sich die Anwohner erträumten. Kleinbasel brauchte eine Figur wie Georg, um den Problemen des Stadtteils mit dem Übernamen Klein-Istanbul ein freundliches Gesicht zu geben. Er stand dafür, dass Arme und Reiche friedlich zusammen leben können. Georgs Garten, die Dreirosenanlage, wurde zum Symbol von erfolgreicher Stadtentwicklung. Die Stadt stellte Fitnessgeräte auf, an denen die Balkanboys im Sommer oben ohne trainieren.

Wo die Welt noch in Ordnung ist?

Die Zeitschrift «Beobachter» entdeckte die Dreirosenanlage vor zwei Jahren und titelte: «Wo die Welt noch in Ordnung ist». Gleich mit zwei Superlativen feierte sie den Park: «Mitten in Kleinbasel liegt der urbanste und internationalste Fleck der Schweiz.» Im Artikel hatte auch Georg, der Obdachlose, einen Auftritt. Er habe jeweils die Drogendealer der Polizei gemeldet. Der Quartierpolizist lobte ihn dafür: «Der Kontakt mit Georg ist absolut notwendig.» Der Park sei kein Ort für Dealer. Eigentlich ist es auch kein Ort für Obdachlose, aber die Polizei liess ihn gewähren. Der Quartierpolizist gab damals zu Protokoll, er stelle im Park höchstens Bagatelldelikte fest.

Auch Sozialwissenschafter jubelten. Als die Fachhochschule kürzlich eine «City Health Conference» durchführte, organisierte sie eine Exkursion in den Park, um den Gästen aus dem Ausland ein «sehr gelungenes Beispiel» zu zeigen, «wie verschiedene Anspruchsgruppen ein und denselben Ort für ihre unterschiedlichen Bedürfnisse nutzen können, ohne dass dies zu Verdrängung der einen oder anderen Gruppe führen muss».

Mit Georg ist auch die Idylle gestorben. Eine Sonderkommission der Staatsanwaltschaft nahm einen 21-jährigen Brasilianer fest, der auf der anderen Rheinseite wohnt. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, den Richtigen erwischt zu haben. Die Sonderkommission wurde bereits aufgelöst, der Verdächtigte sitzt im Untersuchungsgefängnis. Als einzige gesicherte Information gilt bis jetzt, dass er den Obdachlosen gekannt und sich in der Tatnacht länger dort aufgehalten hatte. Spekuliert wird, dass es sich um einen Dealer handeln könnte, den Georg verpfiffen hat.

Im Aufsichtsbüro der Freizeithalle Dreirosen sitzt Marc Moresi mit umgedrehter Dächlikappe und trauert um den Verlust des Nachbars. Er rechtfertigt dessen Rolle als Polizeispitzel: «Stellen Sie sich vor, es dealt jemand in Ihrem Garten. Würden Sie die Person der Polizei melden?»

Dass das Zusammenleben im Hipster-Paradies nicht ganz so rosig ist wie gewünscht, wird diese Woche auch ein Prozess vor dem Basler Strafgericht zeigen. Angeklagt ist ein 27-jähriger Somalier, der sich in einer Sommernacht angetrunken und bekifft im Park aufgehalten haben soll. Die Stimmung unter den jungen Männern war explosiv. Zuerst soll der Somalier Streit mit zwei Syrern gesucht haben, den seine Kollegen aber schlichten konnten. Als diese danach lachten, soll er sich provoziert gefühlt haben und auf seine eigenen Freunde losgegangen sein. Einem soll er dreimal ein Messer in den Rücken gerammt haben. Luft drang in den Brustkorb, ein lebensbedrohlicher Zustand.

Die Wissenschaft schaute weg

Das friedliche Zusammenleben im Park ist nicht das einzige Klischee. Auch das Bild des Obdachlosen, der seine Lebensweise freiwillig gewählt hat, wird angezweifelt. «Das ist eine Romantisierung», sagt Walter von Arburg, Sprecher der Sozialwerke von Pfarrer Sieber in Zürich. Am Anfang der Biografie der Leute, die bei ihm im «Pfuusbus» verkehrten, stehe immer eine individuelle Krise. Sie haben den Job oder die Wohnung verloren. Von Arburg sagt: «Würde dies Ihnen oder mir passieren, hätten wir ein soziales Netz, das uns auffinge. Obdachlose hingegen waren meist schon früher sozial isoliert.» In der Krise sähen sie für sich nur eine Wahl: «Wollen sie sich auf das Gleis werfen oder auf der Strasse leben?» Einer der Stammgäste im «Pfuusbus» sei ein ehemaliger ETH-Dozent: «Er hatte eine Krise, aber niemand, der ihm half, keine Freunde, keine Familie.»

Matthias Drilling, Professor der Fachhochschule Nordwestschweiz, reist durch die Städte Europas, um Obdachlose zu studieren. Er sagt: «Von allen Obdachlosen, mit denen ich gesprochen habe, hat keiner seine Lebensweise freiwillig gewählt. Wer das sagt, will vielleicht einfach in Ruhe gelassen werden.» Wie es den Obdachlosen in der Schweiz geht und ob die Übergriffe wie in Deutschland zugenommen haben, ist nicht bekannt. Man weiss nicht einmal, wie viele Obdachlose hier leben. Es gibt nur Angaben von sozialen Institutionen über die Zahl ihrer Kunden. Drilling sagt: «Wir gehen davon aus, dass die Zahlen viel höher sind als angenommen.» Er kritisiert, dass sich die Wissenschaft in der Schweiz bisher nicht für Obdachlosigkeit interessiert, sonst aber alle Formen von Armut untersucht habe. Drilling ändert das: «Wir bereiten die erste Obdachlosenzählung der Schweiz vor.» Im Frühling beginnt er in Basel und Ende Jahr will er publizieren.

Die Forscher werden für ihre Studie Orte aufsuchen wie die Dreirosenbrücke in Basel. Georg gehörte zu jenen Obdachlosen, die in keiner Statistik auftauchen. Er war bei keiner Institution gemeldet und bezog keine Sozialhilfe. Auf der Treppe neben der Gedenkstätte hat sich eine Gruppe Afrikaner versammelt. Sie sind aus unterschiedlichen Gründen hier: um sich zu unterhalten, um zu kiffen, um zu dealen. Ein Gambier sagt auf Englisch, wie sehr er seinen Freund Georg vermisse. Ein Mann aus der Karibik stimmt ihm zu. Da kommt ein Dritter hinzu und sagt zum Reporter: «Hau ab.»