Die Ermordung des Obdachlosen Georg C. kurz vor Weihnachten war die Tat eines psychisch gestörten jungen Mannes, der sich selber als Werkzeug Gottes ansah. Zu diesem Schluss kommen die Ermittlungen der Basler Staatsanwaltschaft. Sie hat beim Strafgericht Anklage gegen den 22-jährigen Brasilianer V. erhoben und beantragt, dass eine Massnahme angeordnet wird. Also, dass der Mann in einer geschlossenen Psychiatrie untergebracht wird. Aktuell befindet sich der Tatverdächtige bereits in einer entsprechenden Einrichtung.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft ist der Angeklagte schuldunfähig. Der junge Mann, der sich neben dem Mord noch wegen kleineren Delikten wie Sachbeschädigung oder einfacher Körperverletzung verantworten muss, leidet offenbar schon seit Jahren unter einer Psychose. Er bildet sich ein, dass er Aufträge von Gott erhält. Teilweise war er gar der Überzeugung, dass er selber Gott sei. Deswegen war der Mann auch in Behandlung, unter anderem in den Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) und bekam Medikamente verschrieben. Eine konsequente Behandlung seiner psychischen Probleme fand aber nicht statt. Gleichzeitig konsumierte er über lange Zeit beträchtliche Mengen Marihuana.

Biblische Vernichtungsfantasien

Aufgewachsen ist der mutmassliche Täter in Brasilien bei seinen Grosseltern. Die Mutter sah er selten, den Vater nie. Als er elf Jahre alt war, verstarben seine Grosseltern. Gemäss Aussagen seiner Mutter habe er schon früher sehr religiös gelebt. Im letzten Jahr sei er aber mehr und mehr fanatisch geworden, sagte die Mutter gegenüber den Ermittlern. In Basel besuchte er eine evangelikale Freikirche.

Gemäss Anklageschrift war der Tatverdächtige überzeugt, dass er von Gott den Auftrag erhalten habe, Menschen zu bekehren. In seiner Wohnung fanden die Ermittler zwei herausgerissene Bibelseiten aus dem Buch Ezechiel. Der alttestamentarische Prophet ist bekannt für detaillierte Vernichtungsfantasien. In Kapitel 9 steht über Nicht-Gläubige: «Schreitet durch die Stadt (...) und schlagt zu! Kalt sollen eure Augen blicken, und ihr sollt kein Mitleid haben! Greise, junge Männer und junge Frauen und Kinder und Frauen – bringt sie um, vernichtet sie!»

Im Wahn zugestochen

Offenbar verstand der mutmassliche Täter solche Bibelstellen in seinem religiösen Wahn als Aufforderung. Er beschloss, dass er zumindest einen Nicht-Gläubigen bekehren sollte, und suchte sich dafür den Obdachlosen Georg C. aus. V. trainierte regelmässig auf der Dreirosenanlage Kampfsport. Diese war schon seit rund eineinhalb Jahrzehnten das Zuhause des 60-Jährigen. Er hatte sich bei einer Sitzbank unter der Fassade neben dem Basketballplatz eingerichtet. Marc Moresi von der Freizeithalle Dreirosen bezeichnete ihn später als ruhigen, eher introvertierten Typ. Gleichzeitig habe er auch immer Wert auf seine Privatsphäre gelegt.

Diese störte nun V. mit seinen Bekehrungsversuchen. Wochenlang versuchte er, den Obdachlosen zu überzeugen. Dieser aber wies ihn ab und sagte, er solle ihn in Ruhe lassen. Gemäss Aussagen des mutmasslichen Täters habe er ihn auch beschimpft und seine Religion beleidigt. Am 20. Dezember vergangenen Jahres will V. beim Lesen der Bibel dann gespürt haben, dass ihm Gott den Auftrag gebe, Georg eine letzte Chance zu geben – oder ihn andernfalls aufgrund seiner Sünden zu töten. V. packte ein Küchenmesser ein und fuhr mit dem Tram zur Dreirosenbrücke. Dort allerdings begann er zu zweifeln und ging wieder nach Hause.

Eine Stunde später, mittlerweile war es fast ein Uhr in der Früh kehrte er wieder zur Dreirosenbrücke zurück. Als ihn Georg erblickte, begann er ihn gemäss Anklageschrift zu beschimpfen. V. drohte, dass er Gottes Sohn sei und ihn töten werde. Ohne weitere Vorwarnung verpasste er seinem Opfer dann zwei Faustschläge an den Kopf, und rammte dem wehrlosen Opfer das Messer mit einer solchen Heftigkeit in die Brust, dass dabei die Klinge abbrach. Gemäss Untersuchungen der Rechtsmedizin dürfte bereits dieser Stich tödlich gewesen sein.

Die Klinge trennte die Hauptschlagader vom Herz. In seinem Wahn stach V. aber offenbar noch mehrfach mit dem Messergriff auf sein den leblosen Körper ein. Nach der Tat flüchtete er über die Dreirosenbrücke. Den Messergriff warf er in den Rhein. Anschliessend lief er nach Hause, las in der Bibel und betete. Noch am gleichen Tag gestand V. die Tat gegenüber einem Freund. Am späten Abend stürmte rund ein Dutzend schwer bewaffnete Polizisten seine Wohnung und verhafteten den jungen Mann.

Der leblose Körper von Georg wurde am Morgen von mehreren Personen entdeckt. Die Nachricht von der Tötung löste im Quartier und in der ganzen Region grosse Betroffenheit aus. In Medien war von der «gute Seele des Dreirosenparks» die Rede. Besonders tragisch: Ein Fahrradkurier hatte Georg noch wenige Stunden vor der Tat zu einem Weihnachtsfest eingeladen, was dieser aber ablehnte. Viele zündeten an seinem «Wohnort» Kerzen an. Eine Woche nach der Tat nahmen rund 100 Personen einer Gedenkfeier teil.