Gerold Dünki
Morde und Pyros in der Muttenzerkurve: Der FCB-Sicherheitschef und sein Hobby

In seiner Freizeit schreibt Gerold Dünki Kriminalromane. Das literarische Alter Ego des FCB-Sicherheitschefs steht in der Muttenzerkurve und schert sich nicht um Pyros.

Benjamin Rosch
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«Soll ich securitymässig hinstehen?» Dünkis Statur passt zu seinem Beruf – seine Passion weniger.

«Soll ich securitymässig hinstehen?» Dünkis Statur passt zu seinem Beruf – seine Passion weniger.

Martin Toengi

Der erste Gedanke bei einem Treffen mit Gerold Dünki ist: Das ist ein Mann fürs Grobe. Fast zwei Meter bauen sich auf. Bürstenhaarschnitt, kantiges Gesicht, flacher Bauch. Sein Bizeps zeichnet sich unter dem knappen Polo-Shirt ab. Ein Effekt, der sich noch verstärkt, weil Dünki seine Arme gerne vor der Brust verschränkt. Seine 61 Jahre sieht man ihm nicht an.

Sein wichtigstes Instrument aber sind nicht seine Arme, sondern seine Stimme. Konflikte pflegt er über den Dialog zu lösen. «Ich verabscheue Gewalt zutiefst». Die Stimme aus diesem Hünen will nicht so recht passen. Tiefe und Ruhe darin zwar schon, doch da ist immer auch dieses Glucksen, wenn Dünki lacht, und das tut er oft.

Dabei ist sein Job ein ernster. Seit 2003 ist Gerold Dünki für die Sicherheit rund um den FC Basel zuständig. Zwar nun schon seit längerer Zeit nicht mehr als Chef, dafür ist sein Pensum zu klein. Jetzt lautet sein offizieller Titel «Senior Security Advisor», und als solcher bringt er seine Erfahrung in dieser heiklen Thematik beim FCB ein. Zu Beginn des Gesprächs wirkt er aber unsicher. Verständlich: «Ich erscheine hauptsächlich nach negativen Ereignissen in den Medien.»

Schwieriger Start

So etwa vor mehr als einem Jahr. Im Nachgang zu den Krawallen vom 10. April präsentierten die Sicherheitsdirektoren der beiden Basel, Baschi Dürr und Isaac Reber, neue Massnahmen. Nach dem Spiel zwischen dem FCB und dem FCZ war es auf der Plattform vor dem Sektor D zu Ausschreitungen zwischen der Polizei und Teilen der Fans gekommen. Zu den neuen Mitteln gehören auch sogenannte Gefährderansprachen. Fans, deren Stadionverbote ablaufen, werden an einen Tisch gebeten. Ihnen gegenüber sitzt Dünki, um ihnen ins Gewissen zu reden. Das Konzept hat für einigen Wirbel gesorgt und er findet auch unglücklich, «wie das rüberkam». Manche Anwälte raten ihren Klienten von solchen Gesprächen ab. In der Angst, dies könne das zuweilen noch laufende Strafverfahren beeinflussen. «Dabei wollen wir wirklich nur reden und nichts aus den Gesprächspartnern herausziehen», sagt Dünki.

Das Misstrauen sei gross, «nicht immer werden die Fans fair behandelt.» Dünki hingegen wollte ihnen immer mit Respekt begegnen. Die Beziehung zwischen ihm und der Muttenzerkurve hat sich über die Jahre eingependelt. Als er anfing, wurde er mit Schmähgesängen eingedeckt. «Meine Vergangenheit als Polizist wurde mir angelastet», sagt Dünki. Sein mächtiges Aussehen war zudem eine der Anforderungen im Jobprofil. Es helfe vielleicht manchmal, sich Gehör zu verschaffen.

Laut werden musste Dünki hingegen in seiner Karriere fast nie, auch wenn es immer wieder mal hektisch wurde. Seine grössten Ängste musste er wohl ausstehen, als eine Bombendrohung während eines FCB-Spiels einging. «Die damals zur Verfügung stehende Zeit hätte nicht gereicht, um das Stadion zu räumen.» Glücklicherweise handelte es sich um eine leere Drohung.

Irgendwann legten sich auch die Spannungen mit den Fans. An eine Episode erinnert er sich besonders gerne. Es war in La-Chaux-de-Fonds an einem Auswärtsspiel. Vor dem Sektor der Heimfans hatten sich rund zwanzig breitschultrige Fans versammelt, «manche von ihnen mit Hooligan-Vergangenheit». Es habe nach Ärger gerochen, doch Dünki suchte den Dialog und schliesslich zottelte die Horde hinter ihm her bis zum Gästesektor. «Sie skandierten dabei sogar meinen Namen.»

Zu Fuss nach Bern

Dünki kennt die Fans. Er selbst ist auch einer, als Jugendlicher ein «glühender». Seine Eltern interessierten sich nicht für Fussball, Dünki hingegen lief für einen Cupfinal gegen Winterthur gar zu Fuss nach Bern.

Auch Kommissar Vögeli ist FCB-Fan. Vögeli ist die Hauptfigur in den Krimis, die Dünki schreibt und in vielerlei Hinsicht ein Alter Ego des Autors. Dünki war ebenfalls bei der Fahndung. Nur ein paar Jahre allerdings, dann erfolgte die Trennung von der Frau und Dünki fing neu an. Privat wie beruflich brach er Brücken ab.

Seinem Schöpfer gleich leidet Vögeli unter einer Scheidung. Mit dem kauzigen Kommissär im Dienste der Zürcher Polizei teilt Dünki zudem seine Freizeitbeschäftigungen: Motorräder, Rotweine, Fischen. Jedes Jahr fährt er für ein bis zwei Wochen in den Angelurlaub. Nur mit dem ehemaligen Trainer des FCB, Urs Fischer, hat es nie geklappt mit einem gemeinsamen Ausflug an einen See oder Bach. Dabei ist auch er ein passionierter Petri-Jünger.

Die grösste Gemeinsamkeit mit Vögeli aber, das bleibt der FC Basel. «Noch heute kann mir eine Niederlage des FCB den Tag verderben», sagt Dünki. Wobei sich sein Verhältnis zum Club verändert habe, seit er von ihm seinen Lohn nimmt. Von den Matches sieht er wenig, deshalb setzt sich Dünki jeweils am Ende des Arbeitstages vor den Fernseher und guckt sich die Zusammenfassung an.

In seinen Büchern ist der Fussball stark präsent. Die Beschreibungen des Stadions füllen schon zu Beginn die Seiten von «Vögeli und die Schatten der Vergangenheit.» Und es sind für einen Sicherheitschef durchaus bemerkenswerte Sätze: «Vögelis Freund von Kindsbeinen an hatte versprochen, Karten für das Spiel zu besorgen. Nicht etwa auf der Haupttribüne. Das käme gar nicht in Frage. Für Vögeli hatte es dort viel zu viele Cüpli trinkende Modefans. Nein, mitten im Pulk der hartgesottenen FCB-Fans», steht etwa da. Die Muttenzerkurve ist das Zuhause des Polizisten, der auch über das Anzünden von Bengalen hinwegsieht.

Der Kurven-Kommissar

Die Fans im Buch dürfen hingegen nichts von seinem Beruf wissen, «denn Polizisten waren in der Kurve nicht wirklich gern gesehen. Die wenigen Leute aus alten Zeiten, die von Vögelis Geheimnis wussten, kannten ihren ehemaligen Mitstreiter so gut, dass ihnen klar war, dass es bei den Spielen keinen Kriminalkommissar Vögeli gab, sondern nur den leidenschaftlichen FCB-Fan, der auch nicht immer zu den ganz braven unter den Fans gezählt hatte.»

Dünki streitet nicht ab, dass viel von seiner Person in der Kunstfigur Vögeli steckt. «Manches davon vielleicht auch unterbewusst.» Aber Vögeli ist nicht einfach Dünki, «es gibt auch grosse Unterschiede in der Persönlichkeit.»

Leidenschaftlicher Erzähler

Der Protagonist im Krimi ist ein ungeduldiger Choleriker, ein Einzelgänger und verschwiegen auf der Suche nach dem Mörder. Eigenschaften, die man sich bei Dünki nicht vorstellen kann. Mit grosser Leidenschaft erzählt er von seiner Tätigkeit als Schriftsteller. «Ich wollte einfach sehen, ob ich das kann.» Dünkis Vorbild sind die Skandinavier, ganz besonders Håkan Nesser. Des Geldes wegen schreibt Dünki nicht, bislang ist er mit seinen Werken noch nicht in den schwarzen Zahlen.

Auch die Auflage ist mit zwischen 200 und 250 Stück noch bescheiden. Dennoch arbeitet er bereits seit drei Jahren am dritten Abenteuer von Vögeli. Die musische Seite wollte er stärker ausleben, er, der immer noch zwei bis dreimal pro Woche in den Fitnesstempel pilgert. Eine Seite, die er früher schon gerne pflegte: «Ich habe viel Theater gemacht.»

Musische Seite

Sport und Kunst. Es scheint, als hätten die beiden Kinder aus zweiter Ehe sich je für einen Bereich entschieden. Die Tochter arbeitete lange als Musical-Sängerin, inzwischen ist sie Pädagogin. Der Sohn, Simon Dünki, spielt Fussball. Inzwischen trägt der 22-Jährige das Trikot von YF Juventus. Ganz kurz hatte er einen Auftritt in der Super League. Einen Match in der höchsten Spielklasse bestritt der 22-Jährige für jenen Verein, bei dem er den grössten Teil seiner Karriere verbracht hatte: den FC Basel.