«Wie lange wollen Sie bleiben?», fragt Jacqueline Arm. Stünde sie nicht zufällig auf dem Trottoir und nicht wie sonst im Geschäft im Hinterhaus, bekäme sie nicht mit, dass jemand direkt vor ihrem Eingang parkiert. Nicht etwa ein Auto, sondern einen Militär-Transporter.

Der Fahrer sieht nicht aus, als wolle er nur die Beine vertreten. Die Ladefläche muss geleert werden, das dauert. Doch er mag nicht mit der «Obst & Gemüse»-Geschäftsinhaberin diskutieren und stellt sein Fahrzeug anstandslos ein paar Meter zurück. Der Eingang des Cargo-Bike-Spezialisten ist wieder sichtbar. Allerdings nicht mehr lange.

Der Geist der Wertschöpfung

Es liegt etwas in der Luft im Kleinbasel beim Kasernenareal. Es ist nicht nur der Gestank von Bratfett nahe der Tattoo-Street und es sind nicht nur die Dudelsack-Klänge, die von irgendwo her ertönen. Es ist vor allem diese Stimmung, die auch mitkriegt, wer kein Insider ist. Vorfreude. Mit ihren «Staff»-Shirts weibeln die unzähligen Helfer durch die Strassen, als wäre jede Minute der verbleibenden Vorbereitungszeit Gold wert und dürfte nicht verplempert werden. Countdown.

Aufbau der Tattoo-Arena auf dem Basler Kasernenareal.

   

Die helfenden Soldaten sind lockerer drauf. Sie gönnen sich auch mal einen Kaffee vor der Kaserne in ihren Gewändern, um die sie bei der Hitze keiner beneidet. Niemand erweckt den Eindruck, als gäbe es für ihn schönere Beschäftigungen, als ehrenamtlich einem Militärmusik-Festival auf die Beine zu helfen. Der Geist der Wertschöpfung schwebt in der Luft und jeder, der Insider ist, atmet diesen ein.

Das Tattoo ist, nebst der Fasnacht und ein paar serbelnden Messen, das Veranstaltungshighlight des Jahres. Gewerbetreibende dürfen sich die Hände reiben, sagen Gewerbespezialisten. Und wer finanziell nichts davon hat, ist ein Volunteer und tut Gutes für andere und ein bisschen für sich selber. Win-win juhe.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Zumindest für Jacqueline Arm. «Wir schliessen den Laden für zwei Wochen, es macht einfach keinen Sinn, geöffnet zu haben, wenn vor der Tür gefestet wird», sagt sie. Als kleines Unternehmen hatte das Geschäft bis vor kurzem nie geschlossen, selbst im Winter nicht. «Es tut weh, ausgerechnet in der Hochsaison Ferien machen zu müssen, doch die Erfahrung zeigt, dass es nichts bringt, während des Tattoos offen zu haben», sagt Arm.

Bis zu zehn Cargo-Bikes verkauft sie derzeit wöchentlich. Bei Preisen von mehreren Tausend Franken pro Velo kommt so ein schönes Sümmchen zusammen. Aber eben: Festbänke und Bierstände vor der Nase sind im Cargo-Bike-Bereich alles andere als geschäftsfördernd.

«Tattoo-Touristen gehören nicht zu unserer Klientel.» Das sei während der Art Basel anders. Jenes Publikum fühlte sich vom «Obst & Gemüse»-Sortiment angezogen und kaufte, wenn auch meist nur Accessoires und Kleidung, gern dort ein.

Nahe Gastro-Betriebe profitieren

In vergangenen Jahren hat Jacqueline Arm erreicht, dass die Standbetreiber vor ihrem Laden eine Spur für die Veloladen-Kunden frei lassen. Dennoch: Die Lust, als Unbeteiligter durch die Tattoo-Food-Street an der Kasernenstrasse zu flanieren, sei gering gewesen. Einzig Tattoo-Gäste hätten sich in den Eingangsbereich verirrt auf der Suche nach einer Toilette.

Anders sieht es aus, wenn Aussicht auf kulinarische Verköstigung besteht. Das benachbarte «Klingeli» etwa hat eigens für die Tattoo-Tage eine Menü-Karte zusammengestellt. Wurstkäsesalat und andere Klassiker sollen die hungrigen Dudler ins alterwürdige Haus führen.

Auch Osman Gören von der Bar Barock Café nebenan freut sich auf die Premiere am Freitag und die folgenden acht Tage. «Wir sind mitten im Kuchen! Die Leute haben Hunger und Durst und manche schätzen es, auch mal was anderes serviert zu bekommen als in der Tattoo-Street angeboten wird», sagt er.

Cocktails liefen während des Festivals besonders gut. Seine Frau Sevda Yalçin wirtet seit fünf Jahren an dem Standort. Die Tattoo-Tage sind für das Paar geschäftstechnisch ein Highlight.